Interview der Mutter lässt Angeklagten erneut ausrasten
02.11.2009, 20:01 Uhr
Der Angeklagte Alex W. verhält sich ausgesprochen aggressiv (Foto: ddp)Aggressiv und nicht zu beruhigen: Der Angeklagte Alex W. hat am fünften Verhandlungstag des Mordprozesses im Fall Marwa el-Sherbini erneut für Verzögerungen gesorgt. Dieses Mal war es ein Interview seiner Mutter in der "Bild am Sonntag", das den mutmaßlichen Mörder ausrasten ließ.
Alex W. habe sich so sehr darüber erregt, dass die Anwälte Zweifel an seiner Verhandlungsfähigkeit äußerten, berichtete die Vorsitzende Richterin Birgit Wiegand. Er empfinde das Interview quasi als Verrat seiner Mutter, da wohl vereinbart gewesen sei, nicht mit den Medien zu sprechen. Eine Ärztin erklärte den Angeklagten dennoch für verhandlungsfähig.
Mutter bittet um Verzeihung
In der "Bild am Sonntag" hatte die Architektin öffentlich um Verzeihung gebeten. "Ich leide mit der Familie", sagte die Mutter des mutmaßlichen Mörders. Es tue ihr leid um die getötete Frau, um deren ungeborenes Kind und den Sohn, der alles mit ansehen musste. Ihr Sohn, sagte sie weiter, sei verzweifelt: "Er will nicht mehr leben."
In der Schule gehänselt
Marwa el-Sherbini habe Alex W. auf dem Spielplatz abgesprochen, Deutscher zu sein. Das habe ihn tief verletzt, erklärte die Mutter der Zeitung. "Das traf sein Selbstwertgefühl." Sie berichtete, dass die Familie in Russland als Faschisten beschimpft und Alex W. in der Schule wegen seiner Abstammung gehänselt und geschlagen worden sei. Das Gericht gestattete dem 28-Jährigen, nach dem Ende des Verhandlungstages mit seiner Mutter über das Interview zu sprechen.
Zeugen berichten von massiver Aggressivität
Der mutmaßliche Mörder der Ägypterin Marwa el-Sherbini hatte schon vor der tödlichen Messerattacke auf die 31-Jährige ungewöhnlich heftig auf die Kopftuch tragende Frau reagiert. Als sie ihn im August 2008 auf einem Spielplatz gebeten habe, die Schaukel für ihren Sohn freizumachen, sei er "sofort aggressiv" geworden, berichtete eine Augenzeugin im Dresdner Landgericht. Ein anderer Augenzeuge sagte aus, Alex W. habe sich weder von ihm noch von seiner eigenen Mutter beruhigen lassen.
Eskalation im Gerichtssaal
Alex W. ließ sich laut Zeugenaussagen selbst von seiner Mutter und einer anderen aus Russland stammenden Frau nicht beschwichtigen. Ein Deutscher habe daraufhin die Polizei gerufen, es kam zur Anklage und zu einem Prozess. In der Verhandlung wegen Beleidigung wurde Alex W. zu einer Geldstrafe verurteilt. Da er gegen die Entscheidung in Berufung ging, kam es am 1. Juli zu einer Neuauflage des Verfahrens.
Mord mit 16 Messerstichen
Die Anklage wirft ihm vor, Marwa el-Sherbini mitten in dieser Verhandlung mit mindestens 16 Messerstichen getötet zu haben. Ihr Ehemann wurde lebensgefährlich verletzt, als er seine Frau schützen wollte. Die Tat geschah vor den Augen des dreijährigen Kindes der Familie und löste auch in der islamischen Welt Entsetzen aus.
Mutter und Schwester sollen aussagen
Da Alex W. in dem Verfahren bisher schweigt, würde die Kammer gern seine Mutter und seine Schwester hören, die bisher aber von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch machten, sagte Richterin Wiegand. Alex W. muss sich seit dem 26. Oktober wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Der Prozess steht auch international im Fokus der Öffentlichkeit. Mehrere Medien aus dem arabischen Raum berichten von der Verhandlung. Nach bisheriger Planung soll das Urteil am 11. November gesprochen werden.