Die Polizei druckte inzwischen neue Fahndungsplakate mit dem aktuellsten Bild von Kardelen (Foto: dpa)
Bei der Suche nach der vermissten achtjährigen Kardelen aus Paderborn hat die Polizei am Donnerstag eine Mädchenleiche gefunden. Das bestätigte Polizeisprecher Michael Biermann gegenüber t-online.de. Der Körper sei in einem Waldgebiet am Südufer des Möhnesees entdeckt worden. Ob es sich um die Vermisste handelt, ist nicht bestätigt, wird aber immer wahrscheinlicher.
"Alles deutet daraufhin, dass es sich um Kardelen handelt", sagte ein Polizeisprecher noch vor der offiziellen Identifizierung durch Gerichtsmediziner. Das Mädchen aus Paderborn ist wahrscheinlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Die Polizei und die Spurensicherung untersuchten bis in die Abendstunden den Fundort der Leiche. Der zuständige Staatsanwalt Horst Rürup erklärte, der Körper des Mädchens sei zum Teil mit Tannenzweigen bedeckt gewesen, die von der Spurensicherung langsam und akribisch abgetragen werden mussten. Die Leiche sei unbekleidet gewesen.
Die Polizei hatte ein etwa 200 mal 100 Meter großes Gelände weiträumig abgesperrt. Die Mädchenleiche soll heute noch in der Gerichtsmedizin in Münster obduziert werden. Ergebnisse würden am Freitag erwartet, sagte Rürup.
Kleider schon seit Dienstag am See
Eine Einsatzhundertschaft mit Suchhunden und Hubschraubern hatte am Donnerstag das Gebiet um die Talsperre großräumig durchkämmt. Am Mittwoch waren dort die Kleider der Achtjährigen gefunden worden. "Die Bekleidung hat schon am Dienstagmittag dort gelegen", sagte Polizeisprecher Biermann über eine Zeugenaussage zu den Kleidungsstücken am Straßenrand. Daher werde nun verstärkt nach dem Zeitraum zwischen dem Verschwinden der Achtjährigen am Montagnachmittag und der Ablage der Kleidung gefragt.
Polizei und Spurensicherung suchten den Fundort der Leiche am Möhnesee ab (Foto: dpa)
Polizei sucht weiter Zeugen
Bei der Polizei gingen inzwischen an die 200 Hinweise zu der vermissten Kardelen ein. Der Aufruf an die Bevölkerung, Verdächtiges auf Straßen zwischen Paderborn und dem Möhnesee im Sauerland zu melden, gilt aber nach wie vor.
Neues Fahndungsplakat
Die Polizei gab unterdessen auch ein neues Fahnungsplakat und Handzettel heraus. Auf den Suchplakaten ist das aktuellste Bild der Vermissten abgedruckt, auf dem sie auch die Haare offen trägt - wie zum Zeitpunkt ihres Verschwindens.
Angler will Mann mit Kind gesehen haben
In der Nacht hatten Spezialtaucher der Polizei den Möhnesee abgesucht. Auch Helikopter mit Wärmebildkameras wurden eingesetzt. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf den Raum Paderborn, auf den Weg von Paderborn zum Möhnesee und die Umgebung des Möhnesees. Eine Reporterin von n-tv berichtete von einem Angler, der einen Mann mit einem Kind mit rosafarbener Kleidung in der Nähe des Fundortes der Kleidungsstücke gesehen haben will.
Auf dem Weg zur Freundin verschwunden
Kardelen war zuletzt am Montagnachmittag in der Paderborner Südstadt gesehen worden. Das Mädchen hatte die elterliche Wohnung verlassen, um mit einer Freundin zu spielen. Die Eltern meldeten ihre Tochter am Montagabend als vermisst.
Eltern identifizierten Kleidung
Am Mittwoch hatten zwei Walkerinnen Kleidungsstücke des Kindes an der Leitplanke der an dem See verlaufenden Kreisstraße entdeckt worden. Es handelte sich um einen Anorak, Jeans, Handschuhe und Teile von Unterwäsche. Dies könne darauf hindeuten, dass die Sachen aus einem Auto geworfen worden seien, sagte ein Sprecher der Soester Polizei. Über etwa 500 Meter verteilt lag die Kleidung am Rand der stark befahrenen Uferstraße. Der Möhnesee liegt ungefähr 60 Kilometer von Paderborn entfernt. Die Eltern des achtjährigen Mädchens hatten die Kleidungsstücke als die ihrer Tochter identifiziert.
Betroffenheit unter Paderborner Bürgern
In der Stadt Paderborn und in der Nachbarschaft der Familie herrschte am Donnerstag große Betroffenheit. "Der kleine Funke Hoffnung ist im Laufe des Tages verglüht", beschreibt Paderborns Bürgermeister Heinz Paus die Gefühle vieler Menschen in seiner Stadt. In der Straße am Stadtrand, wo Kardelens Familie wohnt, standen die Menschen auch am Abend noch in kleinen Grüppchen zusammen, einige hatten Kerzen angezündet.
Eltern haben Angst um Kinder
Unter den Bürgern macht sich auch Furcht um die eigenen Kinder breit: "Seit dem Verschwinden von Kardelen geht hier die Angst um, die Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr alleine zur Schule gehen", sagt Mustafa Sanri. Er wohnt mit seiner Familie in der Nähe des Ortes, wo Kardelen zuletzt gesehen wurde. Auch er sorgt sich um seine elfjährige Tochter und begleitet sie nun jeden Morgen zur Schule. "Jeder, den man auf der Straße trifft, redet davon. Es ist eine fürchterliche Nachricht", sagte Bürgermeister Paus.
"Wir können nicht mehr gut schlafen"
"Ich kenne die Familie sehr gut. Was passiert ist, macht mich selbst richtig fertig", sagte Selim Akkaya. Der 41-Jährige wohnt mit seiner Frau und seinen Kindern seit sieben Jahren in der selben Straße wie Kardelens Familie. Seine zehnjährige Tochter habe oft mit ihr gespielt. "Seit drei Tagen können meine Kinder, meine Frau und ich nicht mehr gut schlafen, weil wir selbst Angst haben und nicht wissen, was mit Kardelen passiert ist", sagt der Familienvater.
Eltern werden betreut
Den türkischstämmigen Eltern des Kindes geht es nach Auskunft der türkischen DITIB-Gemeinde in Paderborn sehr schlecht. Sie werden laut Polizei bereits seit Montag von Opferschutzbeauftragten betreut. Der Vater hatte nach Polizeiangaben am Montag nach dem Verschwinden seines Kindes einen Zusammenbruch erlitten und musste im Krankenhaus behandelt werden. Die Betroffenheit in der gesamten türkischen Gemeinde in Paderborn sei extrem groß, sagte Sezgin Gecici von der DITIB-Gemeinde.
Polizei hofft auf weitere Zeugen
Unklar ist noch, wie lange die Kleidung bereits dort lag. "Wir waren dort gestern Nachmittag spazieren. Da sind uns die Sachen schon aufgefallen, aber man denkt sich ja nichts dabei", sagte Dieter Thorwesten, der in einem Hotel in der Nähe ein Seminar besucht. Die Polizei will erneut mit großen Plakaten nach Zeugen suchen. "Wir wollen diese Plakate an der Strecke zwischen Paderborn und dem Möhnesee anbringen", sagte die Sprecherin. Möglicherweise sei einem Pendler oder anderen Zeugen auf der etwa 60 Kilometer langen Strecke etwas aufgefallen.
Schicksale von vermissten Kindern oft ungeklärt
Beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden sind derzeit 443 Kinder als vermisst gemeldet - eines von ihnen ist die achtjährige Kardelen aus Paderborn. Außerdem sind 1172 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren verschwunden. Nach Angaben der Initiative Vermisste Kinder gehen bei der deutschen Polizei jährlich mehr als 50.000 Vermisstenanzeigen für unter 18-Jährige ein. Bis zu 98 Prozent der Gesuchten sind nach Erfahrungen der Polizei sogenannte Ausreißer, die aus eigenem Antrieb ihre Familie und ihr gewohntes Umfeld verlassen. Auch Entführungen kommen häufiger vor - durch Fremde wie auch durch Familienmitglieder. Viele Schicksale aber bleiben lange, manche sogar für immer ungeklärt.
Polizei bittet um Hinweise
Die Polizei Paderborn fragt die Bevölkerung nach wie vor: Wer hat seit Montag auf den Strecken zwischen Paderborn und dem Möhnesee etwas beobachtet, das auf das Verschwinden von Kardelen hinweist? Die entsprechenden Strecken sind die A33 und A44, die Bundesstraßen B55, B475, B480, B515, B516 und diverse Landstraßen. Besonders erhoffen sich die Ermittler Hinweise auf ein Fahrzeug. Die Polizei bittet Zeugen, sich unter der Telefonnummer 05251/3060 zu melden.