10.10.2011, 17:40 Uhr
Bei den Ermittlungen gegen den Mann mit der Maske soll es mehrere Pannen gegeben haben (Quelle: dpa)
Unmittelbar vor dem Prozessauftakt gegen den mutmaßlichen Kinderschänder Martin N. am Montag in Stade werden neue Fahndungspannen bekannt. Nach Dokumenten, die dem NDR vorliegen, sollen Polizei und Staatsanwaltschaft Ermittlungsakten vernichtet haben, obwohl die entsprechenden Taten nicht verjährt waren.
Außerdem haben die Behörden eine von Eltern der Opfer angeregte öffentliche Warnung abgelehnt, weil sie die Bevölkerung hätte verunsichern können. Das berichtet das NDR Fernsehen in der Dokumentation "Der schwarze Maskenmann", die am Montag als Sondersendung zum Prozessauftakt zu sehen ist.
Die vorzeitige Aktenvernichtung betrifft mindestens zwei Fälle. Demnach hatte der "Schwarze Mann" 1992 einen Zehnjährigen im Schullandheim Zeven-Badenstedt sexuell missbraucht. Ermittelt hatte damals das Polizeikommissariat Bremervörde. Als die "Soko Dennis" im Jahr 2001 die Akten anforderte, bekamen die Beamten zu hören, dass der Vorgang "nicht mehr existent" sei. Nicht einmal das Aktenzeichen der zuständigen Staatsanwaltschaft Stade konnte dem Bericht zufolge ausfindig gemacht werden, da die Unterlagen angeblich "mittlerweile vernichtet" worden waren.
Ähnlich soll es der Soko in einem Bremer Fall ergangen sein. Dort war ein Junge zu Hause in seinem Kinderzimmer mehrfach missbraucht worden. Als die Ermittler einige Jahre später die Akten einsehen wollten war es zu spät: Der damalige Leitende Oberstaatsanwalt Jan Frischmuth bestätigte persönlich in einem Brief an die "Soko Dennis" 2001 zerknirscht zu "seinem Bedauern" die Vernichtung. Die Inhalte mussten die Ermittler aufwendig aus anderen Polizeiakten rekonstruieren.
Verschwunden sind auch die Schuhe eines Opfers, die Beamte der Kriminalpolizei Bremen als Beweisstücke beschlagnahmt hatten. Als der Vater des Opfers die Schuhe zwei Jahre später zurückforderte, konnte die Polizei sie nicht mehr auffinden. Für den zuständigen Beamten sei diese Panne offenbar kein Problem, berichtet der NDR. Er notierte, dass "die Schuhe dem jetzt 13-jährigen Sebastian längst zu klein geworden" sein dürften.
Derselbe Beamte habe auch ablehnend auf den Wunsch zweier Opferfamilien reagiert, mit einer Presseveröffentlichung Eltern mit Kindern in ihrem Bremer Wohngebiet Horn-Lehe zu warnen. Dort waren innerhalb von zwei Jahren sieben Mal Jungen missbraucht worden. Doch das Polizeipräsidium lehnte ab, unter anderem mit der Begründung, die Information der Öffentlichkeit dürfte "eine nicht zu verantwortende Verunsicherung in der Bevölkerung" verursachen.
Der 40-jährige Angeklagte muss sich ab Montag vor dem Landgericht Stade verantworten. Die Staatsanwaltschaft legt dem gebürtigen Bremer Morde an drei Jungen im Alter von acht bis 13 Jahren sowie 20 Missbrauchstaten zur Last. Er soll sich an seinen Opfern ab 1992 in Schullandheimen, Zeltlagern und in Bremer Wohnhäusern vergangen oder sie von dort aus verschleppt haben.
Der als "schwarzer Mann" oder "Maskenmann" Gesuchte war im April in Hamburg festgenommen worden. Die Eltern der drei toten Jungen treten als Nebenkläger in dem Verfahren auf.
Quelle: dapd
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