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Explosion in Atomanlage Marcoule: Abwiegeln, beschwichtigen, weitermachen

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Abwiegeln, beschwichtigen, weitermachen

13.09.2011, 10:23 Uhr | Von Stefan Simons

AKW Marcoule: Gendarme sichern die Atomanlage (Quelle: Reuters)

Gendarme sichern die Atomanlage Marcoule (Quelle: Reuters)

Die Behörden geben Entwarnung, trotzdem ist das Misstrauen groß: Nach der Explosion in der Atomanlage Marcoule steht die französische Nuklearindustrie in der Kritik. Die Anwohner sind verunsichert - doch die Politik stellt sich stur.

Wann genau das Unglück begann, wusste die zuständige Behörde nicht zu sagen, man sprach vom "Ende des Vormittags". Auch die Gründe für das "äußerst seltene Ereignis" waren am Montag nicht bekannt. Dafür konnte Frankreichs Institut für Nuklearsicherheit (IRSN) aber auf die Minute genau Entwarnung geben.

Der "Unfall ist beendet"

"Der Brand war um 13.06 Uhr unter Kontrolle, Messungen zur Radioaktivität wurden sofort erhoben", verkündete der Stromgigant EDF. Zu dem Konzern gehört auch das Unglücksunternehmen im südfranzösischen Departement Gard: Hier, bei Marcoule, hat sich am Montag eine Explosion ereignet. Der Schmelzofen des Zentrums für atomare Verbrennung und Aufbereitung (Centraco) flog regelrecht in die Luft. Ein Arbeiter kam ums Leben, vier wurden verletzt.

"Es gibt keinen Austritt von Radioaktivität, und auf den ersten Blick wird es auch keinen geben." Um 17.32 Uhr erklärte dann auch die offizielle Agentur für Nuklearsicherheit (ASN) den Unfall "für beendet".

Foto-Serie: Explosion in französischer Atomanlage
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Behörden stundenlang nicht erreichbar

Dennoch blieb die Gegend unweit der Stadt Orange über Stunden von Angst gepackt. In der Gemeinde Codelet, so der Internetdienst "Rue89", schließen sich die Menschen ein, als die Nachricht vom Unglück die Runde macht. Erst nach zwei Stunden, berichtet eine Restaurantbesitzerin, erreicht sie telefonisch eine Behörde, die ihr mitteilt, dass kein Risiko bestehe.

Entwarnung, Erleichterung, Übergang zur Tagesordnung? Langfristig gefährlicher als jede radioaktive Strahlung könnte der politische Fallout der Explosion werden; die Halbwertszeit für öffentliches Vergessen ist seit der Katastrophe im japanischen Fukushima auch im Musterland der Atomenergie gesunken: 70 Prozent der Franzosen, so eine Umfrage der Grünen "Les Verts/France Écologie" vom März wollen den langfristigen Ausstieg. Eine Umfrage von Stromproduzent EDF kommt - wenig überraschend - auf 55 Prozent Ausstiegsgegner.

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Sarkozy: französische AKW vollkommen sicher

Präsident Nicolas Sarkozy beteuerte nach der Tragödie in Japan stets, dass die eigenen Atommeiler - im offiziellen Sprachgebrauch stets als "nuklearer Park" beschrieben -, vollkommen sicher seien; die "strategischen Entscheidung" für Atomstrom stehe nicht zur Debatte. Doch rund um AKW-Standorte und Zulieferfirmen der Atomindustrie wächst die Sorge um die Sicherheit.

Denn nicht nur das Beben in Fernost hat das Urvertrauen in die "sichere Energie" unter den Franzosen erschüttert. Obendrein hat es der deutsche Abschied vom Atomstrom, verfochten von der politisch konservativen Kanzlerin Angela Merkel, auch Regierungspolitikern jenseits des Rheins schwer gemacht, Forderungen von Frankreichs Umweltbewegung nach einem ähnlichen Ausstiegsplan als ökologisches Hirngespinst abzutun.

Wirtschaftlichkeit gegen Sicherheit

Zumal Frankreichs Anlagen längst in die Jahre gekommen sind: Während die Betreiber aus Geschäftsgründen auf zunehmend längere Laufzeiten drängen, jenseits der ursprünglich angesetzten vier Jahrzehnte, müssen die 58 Atommeiler des Landes wegen Überholungs- und Reparaturarbeiten immer öfter vom Netz. Wirtschaftlichkeit gegen Sicherheit - ein Widerspruch, den die Sicherheitsbehörde ASN in ihrem Bericht Anfang 2010 ungeheuer deutlich zur Sprache brachte.

Das gilt auch für Atomanlagen wie die rund um Marcoule: Das Zentrum, einst unter General de Gaulle für militärische Zwecke geschaffen, funktioniert heute als Zuarbeiter für Frankreichs Nuklearunternehmen. Hier wird geforscht, der Nuklearkonzern Areva stellt atomaren Brennstoff her. Und Centraco sammelte schwach strahlenden Schrott - Pumpen, Ventile, Schutzkleidung -, der in dem Vier-Tonnen-Ofen der Anlage eingeschmolzen wurde: Zusammen ein Firmenverbund im Dienst der französischen Atomindustrie mit rund 3800 Angestellten.

Schlampiges Management

Doch selbst wenn die Explosion dort der erste wirklich schwere Unfall war - völlig reibungslos lief der Betrieb bisher nicht. Ein ASN-Bericht des vergangenen Jahres monierte schlampiges Management, bereits im März 2010 passierte dort ein "Zwischenfall" bei der Herstellung von atomaren Brennstoffen.

"Gewisse Elemente der Konzeption der Reaktoren und ihre Auslegung gegenüber schweren nuklearen Unglücken müssen überdacht werden", resümierte Jacques Repussard, Direktor des hochoffiziellen Instituts für atomare Sicherheit IRSN bereits im Juni. "Ob Natur- oder technische Katastrophe, terroristischer Anschlag oder menschlicher Fehler - diese Möglichkeiten wurden nicht systematisch in Betracht gezogen, stets unter dem Hinweis: 'Das wird nie passieren.' Fukushima hat uns das Gegenteil gelehrt."

"Man muss sich das Unvorstellbare vorstellen"

Repussard, seit acht Jahren an der Spitze der Sicherheitsagentur und Herr über rund 1500 Experten, ist ins Grübeln gekommen. "Es gibt Verkettungen von erschwerenden Umständen, die Kombination von unwahrscheinlichen Ereignissen, die man vorweg erst einmal für unvorstellbar hält, die aber am Ende tatsächlich passieren", so der IRSN-Chef gegenüber dem "Figaro": "Wie ich es manchmal formuliere - man muss sich das Unvorstellbare vorstellen."

Ob in Marcoule nach dieser Maxime verfahren wurde, soll nun eine amtliche Untersuchung feststellen. Ein EDF-Sprecher kommentierte bereits vorab: "Es war ein Industrieunfall, keine atomarer Unfall." Nachdem der Kurs der Aktie vorübergehend um etwa sieben Prozent gesunken war, sind die Folgen für das Unternehmen nun offenbar ausgestanden.


Von Stefan Simons  

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Kommentare (16)

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Thema: "Explosion in Atomanlage Marcoule: Abwiegeln, beschwichtigen, weitermachen"

Anne schrieb: am 13. September 2011 um 18:55:26
(0) (0) Unfall im AKW
Schon ein vollkommen unbedeutender Vorfall in einem französischen AKW genügt, dass in Deutschland die
Volksverdummungs-Maschinerie hochgefahren wird. Es ist vollkommen nutzlos. wenn in Deutschland die Ängste geschürt werden, die Franzosen steigen doch nicht aus der Kernenergie aus.
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rentner schrieb: am 13. September 2011 um 14:32:18
(4) (2) aufwachen
Hoffentlich wachen auch die Franzosen auf, bevor es zu einem GAU kommt. Kommen wird er, die Frage ist nur wann. Ich muss es
vielleicht nicht mehr erleben aber was ist mit meinen Kindern und Enkeln? Es ist nicht weit bis Frankreich und weil ihre KKW die sichersten der Welt sind, haben sie sie nahe der deutschen Grenze gebaut. Es weht ja meist Westwind. Auch Japan hatte die sichersten KKW der Welt!
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France schrieb: am 13. September 2011 um 12:36:58
(3) (3) Atomanlage in Frankreich
In den Brennöfen werden keine Brennstäbe reaktiviert, sondern Textilen und verschlissenes Maschinenmaterial
verbrannt. Nicht gefährlicher wie kontaminierte Abfälle, die in Deutschland verbrannt werden. Und, wenn Flügel der Windräder abstürzen, werden diese auch nicht gleich abgeschafft.
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