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Erinnerungen, die noch immer fassungslos machen

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Erinnerungen, die noch immer fassungslos machen

18.08.2008, 09:37 Uhr | Von Richard Heister, AFP

Ein Bild - eine Geschichte: Dieter Degowski hält der 18-jährigen Geisel Silke Bischoff die Pistole an den Hals (Foto: dpa) Ein Bild - eine Geschichte: Dieter Degowski hält der 18-jährigen Geisel Silke Bischoff die Pistole an den Hals (Foto: dpa)Seit nunmehr 20 Jahren ist das Foto ein Dokument deutscher Kriminalgeschichte: Im Fluchtauto hält Geiselnehmer Dieter Degowski der 18-jährigen Silke Bischoff die Pistole an den Hals und plaudert gleichzeitig mit Journalisten, die in der Kölner Fußgängerzone einen Pulk um den Wagen der Gladbecker Geiselgangster gebildet haben. Kölns langjähriger Polizeichef Winrich Granitzka erinnert sich genau, wie das Foto mit dem angstverzerrten Gesicht der jungen Geisel entstand: "Ein Journalist sagte: 'Halt der noch mal die Knarre an den Hals, ich hab das Bild noch nicht.'"

Es sind Erinnerungen wie diese, die den Zeitzeugen Granitzka noch heute fassungslos machen beim Gedanken an eines der aufsehenerregendsten Verbrechen der Nachkriegszeit. Für viele war das Geiseldrama zwischen dem 16. und dem 18. August 1988 ein Trauma - für die Menschen in der Gewalt der Kidnapper, die Journalisten, von denen einige zu Mittätern wurden, und die Polizei, die auf einen solchen Einsatz nicht vorbereitet war.

Foto-Serie Die Geiselnahme von Gladbeck
Ex-SEK-Beamter über Geiseldrama "Das war wie Räuber und Gendarm"
Gladbeck und die Reporter"Heute wäre es noch viel schlimmer"
ChronologieGladbeck - 54 Stunden Angst

Tagelange Flucht durch halb Deutschland

Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner, beide schwer bewaffnet, überfielen am Morgen des 16. August zunächst eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck. Nachdem sie für die gekidnappten Bankangestellten 300.000 Mark Lösegeld erpresst hatten, rasten mit wechselnden Geiseln in mehreren Fluchtautos tagelang durch den Nordwesten der Republik. Dabei nutzten sie Reporter für Verhandlungen mit der Polizei - das hatte es in Deutschland noch nicht gegeben.

Zwei tote Geiseln

54 Stunden dauerte die Geiselnahme, zwei Menschen starben: der 15-jährige Italiener Emanuele de Giorgi, den Degowski in einem gekaperten Linienbus in Bremen erschoss, und Silke Bischoff, die beim Polizeizugriff auf einer Autobahn südlich von Köln durch eine Kugel aus der Waffe von Rösner starb. Ines Voitle, eine weitere junge Geisel im Fluchtauto, konnte sich selbst mit einem beherzten Sprung aus dem Auto retten.

Pannen bei der Polizei

Die Polizei geriet nach dem Ende der Geiselnahme heftig unter Beschuss: In Bremen hatten Beamte einen folgenschweren Fehler gemacht, als sie die ebenfalls an der Geiselnahme beteiligte Rösner-Freundin Marion Löblich kurzzeitig festnahmen. Degowski ermordete daraufhin die minderjährige Geisel de Giorgi in dem entführten Stadtbus. Tags darauf folgte das blutige Ende auf der A3 bei Bad Honnef. Ein Vorwurf, der damals aufkam, lautete, die Einsatzleitung habe nur deshalb den Zugriff an dieser Stelle befohlen, weil sie die Limousine der Gangster noch vor der Grenze zu Rheinland-Pfalz stoppen wollte.

Geiselnehmer "wurden immer irrationaler"

"Unsinn", sagt der heute 64-jährige Granitzka, der damals Vizechef des Einsatzstabes war. "Die Landesgrenze hat bei der Entscheidung überhaupt keine Rolle gespielt." Der frühere Leitende Polizeidirektor und heutige CDU-Fraktionschef im Kölner Rat verweist vielmehr auf eine Schussverletzung von Löblich, die letztlich den Ausschlag für den Zugriff gegeben habe. "Die Täter wurden immer irrationaler. Wir mussten fürchten, sie fahren zu einem Krankenhaus in Koblenz oder Neuwied, um Löblich dort unter Waffengewalt behandeln zu lassen."

Schießerei beendete Flucht

Was dann beim Zugriff auf der Autobahn passierte, bezeichnet Granitzka als "schicksalhaft". Als der vorausfahrende SEK-Wagen zum Rammstoß gegen das Fluchtauto auf dem Seitenstreifen ansetzte, sei der Wagen der Gangster kurz angefahren - genug, um vom Polizeiauto an der falschen Stelle gerammt zu werden. Es folgte eine wilde Schießerei. In diesen Minuten herrschte absolute Funkstille im Einsatzstab. "Dann hörten wir eine hektische Stimme: 'Zugriff gelungen, Geiseln befreit, keine Beamten verletzt", sagt Granitzka.

Silke Bischoff starb noch vor Ort

"Ich hatte Bilder der beiden Mädchen vor mir liegen und habe nur gedacht: 'Lieber Gott, lass es wahr sein'", erinnert sich der Ex-Polizist. Doch der Jubel im Einsatzstab währte nur kurz: "Nicht einmal 30 Sekunden später hörten wir den Hilferuf 'Sanitäter, Sanitäter, die verblutet uns hier unter den Händen'." Silke Bischoff starb noch auf der Autobahn - tödlich getroffen von einer Kugel aus Rösners Pistole.

"Gladbeck - das vergisst man nicht"

Das Gladbecker Geiseldrama hat vieles verändert. Die Polizei zog Konsequenzen beim Training der Spezialeinheiten, bei Ausrüstung und Strukturen. Medien und Presserat zogen enge Grenzen für die Berichterstattung bei Geiselnahmen. Für die Beteiligten ist Gladbeck aber noch lange nicht Geschichte - auch nicht für Granitzka, der als einer der profiliertesten Polizisten der Republik eine ganze Reihe späterer Geiselnahmen meisterte: "Gladbeck - das brennt sich in die Festplatte ein, das vergisst man nicht."



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