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Erdbeben in Japan: Stadt der Verlorenen

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Stadt der Verlorenen

22.03.2011, 07:58 Uhr | Von Barbara Hans, Spiegel Online

Als der Tsunami nach Minamisoma kam, begrub er Autos, Häuser und Menschen unter sich (Foto: AP)

Als der Tsunami nach Minamisoma kam, begrub er Autos, Häuser und Menschen unter sich (Foto: AP)

Katsunobu Sakurai sitzt an seinem Schreibtisch, telefoniert, organisiert, dabei sollte er eigentlich längst nicht mehr hier sein. Tagsüber arbeitet er im Rathaus, nachts schläft er im Rathaus. Der Bürgermeister von Minamisoma hält die Stellung, er fühlt sich den Menschen in seiner Stadt verpflichtet - auch wenn von der Stadt selbst kaum noch etwas übriggeblieben ist. Erst ließ das Beben Häuser in sich zusammenstürzen, dann kam die Welle, meterhoch und bedrohlich, spülte Bäume, Autos, Boote ins Land. Zurück blieb der Schlamm. Er bedeckt nun weite Teile Minamisomas, schwerer, brauner Schlick, so weit das Auge reicht.

Und dann, als wäre das alles nicht schon schlimm genug, explodierte das Kraftwerk, etwa 20 Kilometer liegt Fukushima I entfernt. Seither regiert Sakurai, 55 Jahre alt, randlose Brille, eine vergessene Stadt.

Erst zogen die Behörden einen Radius von zehn Kilometern um das Kraftwerk Fukushima. Die Menschen außerhalb seien sicher, hieß es. Dann ereignete sich eine zweite Explosion, der Radius wurde auf 20 Kilometer verdoppelt. In der Gefahrenzone bis 30 Kilometer rund um das AKW sollten die Menschen möglichst nicht ins Freie gehen, ließen die Behörden verlautbaren.

Minamisoma liegt auf der Schwelle der Gefahrenzone. Nicht weit genug entfernt, als dass die Menschen im Ernstfall in Sicherheit wären, das weiß Sakurai. Die Radioaktivität wird sich ausbreiten, sie macht nicht am Ende des Sperrgebiets Halt. Mehr als zwei Drittel der Einwohner haben die Stadt inzwischen verlassen. Einige sind mit ihren eigenen Autos geflohen, 7000 hat Sakurai mit Bussen in die Präfektur Niigata bringen lassen, 1500 sind bei den Katastrophen ums Leben gekommen. Aber etwa 20.000 Menschen, schätzt der Bürgermeister, befinden sich noch in der Stadt. Für sie hält er Wache, ist rund um die Uhr im Rathaus erreichbar.

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Die erste Information der Regierung: Die Menschen seien sicher

Weniger als zehn seiner Mitarbeiter sind ihm noch geblieben, sie versuchen die Menschen mit Gas, Strom und Lebensmitteln zu versorgen. Doch an Tag zehn nach der Katastrophe ist das Essen knapp. Die Lastwagenfahrer haben von dem Sperrgebiet gehört, sie haben Angst vor der radioaktiven Strahlung und kommen nicht mehr nach Minamisoma.

Ständig klingele das Telefon, erzählt er. "Wie stark ist die Strahlung?", wollen die Menschen wissen. Und: "Sollen wir flüchten?" Die Bewohner Minamisomas sitzen in ihren Häusern und wissen nicht, was geschieht. Sakurai hat in den ersten Tagen nach der Katastrophe versucht, Informationen von den Regierungsbehörden zu erhalten. Vergeblich.

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"Die Regierung lässt uns im Stich", sagt er Spiegel Online. Sie überlasse die Menschen sich selbst, lasse sie zum Sterben zurück. Sakurai ist enttäuscht, wütend, aber inzwischen klingt es so, als habe er sich mit der Wut arrangiert.

Nach der Katastrophe richtete die Präfektur eine Hotline ein. Sakurai rief an. Einmal, zweimal, dutzendmal. Der Bürgermeister sah fern, hörte Radio und ab und zu den Polizeifunk. Es gab nur spärliche Informationen über das Ausmaß der Katastrophe.

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"Der Herr Minister war entsetzt"

Erst vergangenen Donnerstag, fast eine Woche nach der Katastrophe, erhielt er schließlich eine Nachricht der Regierung: Man werde ihn bei der Evakuierung der Stadt unterstützen. Zufahrtsstraßen wurden an diesem Wochenende geräumt, Busse angemietet und in die Stadt gebracht, Soldaten organisierten Lebensmittel.

Eine Woche dauerte es, bis die Regierung selbst nach Minamisoma kam - in Person des Ministers für Katastrophenschutz. Er besuchte die Notunterkünfte, sah die Schlammlachen, die Straßen, Plätze, Parks bedeckten. "Der Herr Minister war entsetzt", sagt Sakurai. Es dauerte keine 24 Stunden, da hatte Herr Sakurai einen direkten Draht zur Regierung. Seither gibt es kein Warten mehr und kein Vertrösten.

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"Ich bin immer noch sehr wütend auf die Regierung und auf Tepco", sagt Sakurai. Er ahnt, dass er nichts für die Bewohner seiner Stadt tun kann. "Nach der Explosion im ersten Reaktor hätten Tepco und die Regierung die richtigen Maßnahmen ergreifen müssen, um die Katastrophen in den Blöcken 3, 2, 4, 5 und 6 zu verhindern. Sie sind verpflichtet, Menschenleben zu retten." Es klingt, als könne er nicht verstehen, dass andere so viel weniger kämpften als er, hier von seinem Büro aus. Er selbst will in der Stadt bleiben, er sieht es als seine Pflicht. "Die Leute von Tepco sollen zu uns kommen und uns helfen."

"Ich habe Angst, dass sich die Lage weiter verschlechtert"

Sakurai kennt die Sorgen der Menschen. "Viele haben Angst vor der Zukunft", sagt er. Es gibt zu wenig Essen, zu wenig Benzin. Die alten Menschen können nicht gehen, viele würden den Transport in eine Notunterkunft oder die Zustände dort nicht überstehen. Viele wollen bleiben.

Sakurai würde gerne mehr für seine Leute tun, würde gern kämpfen, sich stärker für sie einsetzen, sie informieren über das, was passiert." Ich stehe meiner Machtlosigkeit ohnmächtig gegenüber", sagt er. Sakurai wacht in seinem Rathaus, Tag und Nacht, als sei es ein Bollwerk gegen die Zerstörung.

Er dankt den Präfekturen, die Flüchtlinge aus seiner Stadt aufgenommen haben. Aber er weiß auch, dass die Menschen aus Minamisoma vor allem einen Wunsch haben: Sie wollen schnellstmöglich zurück in ihre Stadt, zurück in eigene Häuser, Wohnungen. Raus aus den Turnhallen, Schulen, Gemeindezentren, die ihnen vorübergehend als Schutz dienen. Viele Familien wurden auseinandergerissen, Hunderte Menschen gelten noch als vermisst. Die Ungewissheit ist groß.

"Ich habe Angst, dass sich die Lage weiter verschlechtert", sagt er. Das Grundwasser ist radioaktiv verseucht, in Gemüse und Milch wurde ein dreifach höherer Wert als normal gemessen. Jeden Tag telefoniert er mit der Regierung, doch ob die Informationen, die er erhält, zuverlässig sind, weiß er nicht.

"Ich will alles tun, um die Menschen zu schützen und ihnen die Situation zu erleichtern." Es ist ein Versprechen, doch Sakurai weiß, dass er das Schicksal seiner Leute nicht in der Hand hat. "Ich will mithelfen, die Stadt wieder aufzubauen." Doch das sei nur möglich, wenn Tepco und die Regierung die Opfer entschädigten und für die Schäden aufkämen.

Katsunobu Sakurai sitzt an seinem Schreibtisch, telefoniert und sagt: "Das Problem ist nicht die Naturkatastrophe. Es ist die menschliche Katastrophe."

Mitarbeit: Yasuko Mimuro


Quelle: Spiegel Online

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