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"Es ist eine Apokalypse" - Haiti völlig überfordert
12.02.2010, 18:51 Uhr | von Jonathan Katz, apn
Erdbeben in Haiti: Die Menschen trauern um ihre getöteten Angehörigen (Foto: AP)Auf dem Parkplatz des Hotels Villa Creole in Port-au-Prince sammeln sich immer mehr Verletzte der Erdbebenkatastrophe in Haiti. Zahllose Menschen liegen in den Zelten auf blutgetränkten Laken. Sie leiden unter Schnittwunden am Kopf, gebrochenen Knochen oder zerquetschten Rippen. Viele bleiben ohne Behandlung, es gibt zu wenig Ärzte. Das ärmste Land der westlichen Hemisphäre ist völlig überfordert mit der chaotischen Situation nach dem Erdbeben der Stärke 7,0. Überall sind Gebäude eingestürzt - darunter Krankenhäuser, Schulen, Kirchen und selbst der Präsidentenpalast. Über der Hauptstadt von Haiti liegt eine Staubwolke.
"Ich kann es nicht mehr ertragen", klagt Alex Georges, der jetzt schon mehr als einen Tag auf Hilfe wartet. "Mein Rücken tut zu weh." Gleich neben dem 28-Jährigen liegt der tote Körper eines etwa gleichaltrigen Mannes, der vergeblich auf medizinische Versorgung gehofft hatte.
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Universitätsgebäude stürzt ein
Als das Beben am Donnerstagnachmittag zuschlug, war Georges in einem Seminar mit etwa 30 anderen Studenten im Stadtteil Morne Hercule. Das Dach des Hochschulgebäude brach ein. Elf Studenten waren sofort tot, die anderen wurden verletzt.
Menschen laufen ziellos umher
In der Nähe einer eingestürzten Schule wurden die Leichen von Kindern aufgestapelt. An anderen Stellen liegen die toten Körper auch Stunden nach dem Erdstoß auf der Straße. Krankenwagen umkurven die Leichen und die unter Schock stehenden Menschen, die ohne Ziel umherlaufen. Einige rufen die Namen von Angehörigen, andere rufen nach Hilfe oder beten. Am Straßenrand sitzen Verletzte mit offenen Wunden.
Hier können Sie spenden:
(Achtung: die angegeben Internet-Seiten funktionieren nicht immer - wahrscheinlich sind sie wegen der hohen Zugriffszahlen immer mal wieder überlastet)
- Aktion Deutschland Hilft Stichwort: Erdbeben Haiti
Spendenkonto: 10 20 30 Bank für Sozialwirtschaft BLZ: 370 205 00
Spendenhotline: 0900 55 102030 oder www.aktion-deutschland-hilft.de - Deutsches Rotes Kreuz Stichwort: Haiti
Spendenkonto: 41 41 41 Bank für Sozialwirtschaft BLZ: 370 205 00
www.drk.de/spenden - Welthungerhilfe Stichwort: Nothilfe Haiti
Kontonummer: 11 15 Sparkasse KölnBonn BLZ: 370 501 98
www.welthungerhilfe.de
Wie ein Spielzeug hin und her geworfen
Auf der Website der Heilsarmee berichtet Bob Poff über die Lage in Port-au-Prince. Er sei gerade aus der Vorstadt Petionville gekommen, als die Erde zu beben begonnen habe. "Unser Lastwagen wurde wie ein Spielzeug hin und her geworfen. Als es aufhörte, sah ich aus dem Fenster, wie Gebäude den Abhang hinabrutschten."
Grafik: dpa
100.000 Tote befürchtet
Danach kümmerten sich Poff und andere um die Bergung von Leichen. Zur Zahl der Todesopfer gibt es keine verlässlichen Angaben. Die Behörden befürchten, dass tausende, vielleicht zehntausende Einwohner ums Leben gekommen sind. Einige, beispielsweise Regierungschef Jean-Max Bellerive, sprechen schon von mehr als 100.000 Toten.
US-Flugzeugträger auf dem Weg
Unterdessen landete ein erstes Flugzeug der US-Streitkräfte am Mittwoch mit einem Expertenteam in Haiti. Frachtflugzeuge mit Nahrungsmitteln, Wasser, Medikamenten, Zelten und Spürhunden sind ebenfalls auf dem Weg nach Port-au-Prince. Am Donnerstag wird die Ankunft des US-Flugzeugträgers "USS Carl Vinson" erwartet. Die USA schicken 2000 Marineinfanteristen, zivile Helfer, Schiffe, Transportflugzeuge und Hubschrauber in den Karibikstaat. "Wir müssen in ihrer Stunde der Not für sie da sein", sagte US-Präsident Barack Obama. Außenministerin Hillary Clinton brach eine Auslandsreise ab, um den Hilfseinsatz von Washington aus zu koordinieren.
Jeder Dritte auf Hilfe angewiesen
Nach Einschätzung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz ist ein Drittel der neun Millionen Einwohner dringend auf Hilfe angewiesen. Eine Augenzeugin berichtete: "Ich war gerade in der Stadt, es ist eine Apokalypse." Rund 40 Prozent der Häuser in der Hauptstadt seien zerstört oder beschädigt.
Internationale Hilfe läuft an
Zu den ersten Helfern aus dem Ausland gehörten 37 Bergungsspezialisten aus Island, die Ausrüstung mit einem Gewicht von zehn Tonnen mitbrachten. Frankreich schickte 65 Experten für die Beseitigung von Trümmern und sechs Spürhunde auf den Weg. Spanien stellte unter anderem 100 Tonnen an Zelten, Decken und Kochgerät bereit, die in drei Flugzeuge verladen wurden. Bereits vor Ort sind mehrere hundert kubanische Ärzte, die Verletzte in Feldlazaretten behandelten.
Erste Plünderungen schon kurz nach dem Beben
In dem verarmten Land setzten bereits kurz nach dem Beben Plünderungen ein. Viele Menschen holten Nahrungsmittel aus eingestürzten Häusern. Etwa 3000 Polizisten und Soldaten der UN-Friedenstruppe bemühten sich um die Sicherheit in Port-au-Prince, ihre Kräfte reichen aber kaum aus.
Grafik: dpa
Gerüchte über Tsunami sorgt für Panik
In der Nacht zum Donnerstag sorgten Gerüchte über einen herannahenden Tsunami zudem für Panik in der Hauptstadt. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP drängten tausende Menschen in die höhergelegenen Regionen der Millionenstadt. Eine Hotelmanagerin äußerte die Vermutung, das Tsunami-Gerücht sei gestreut worden, um Plünderungen zu erleichtern.
Prioritäten setzen
Derweil bemühen sich die Helfer darum, Prioritäten zu sortieren. "Am wichtigsten ist es, verschüttete Menschen aus den Trümmern zu holen", erklärt die Leiterin der Hilfsorganisation CARE in Haiti, Sophie Perez. "Dann geht es darum, dass die Leute Nahrung und Wasser bekommen. Alles ist dringend."
Parlamentspräsident gerettet
Unter den Todesopfern ist auch der 63-jährige Erzbischof Joseph Serge Miot, der in seinem Büro erschlagen wurde. Senatspräsident Kelly Bastien wurde im Parlamentsgebäude verschüttet, konnte aber gerettet und in ein Krankenhaus der benachbarten Dominikanischen Republik gebracht werden. Mindestens 16 UN-Mitarbeiter kamen ums Leben, bis zu 150 weitere werden noch vermisst. Auch das Hauptgefängnis von Port-au-Prince stürzte ein. Mehrere Gefangene sollen geflohen sein.
Quelle: dapd
, AFP