Ein Erdbebenopfer in einer Zeltunterkunft in Campotosto (Archivfoto: dpa)
Zwei Monate nach dem Erdbeben in den Abruzzen machen die Opfer ihrer Wut Luft. Ausgerüstet mit Bau- und Fahrradhelmen marschieren hunderte Demonstranten ins zerstörte L'Aquila. "Holen wir uns unsere Stadt zurück!", rufen sie, als sie die Absperrungen der Polizei durchbrechen. Seit dem Beben am 6. April gehört L'Aquila zur "roten Zone", ein Trümmerfeld, zu dem nur der Zivilschutz, Bauarbeiter und ab und zu einige Journalisten Zutritt haben. Die 58.000 Obdachlosen hingegen müssen weiterhin in den 180 provisorischen Lagern in der Region ausharren.
"Bis jetzt haben wir nur eine Menge schöner Worte und Versprechungen gehört", sagt Giusti Contino, ein 70 Jahre alter ehemaliger Koch, während er im Lager zu Mittag isst. In der einen Ecke des Zeltes spielen Jungen Fußball, in der anderen brüllt ein Fernseher. "Sie haben uns das Blaue vom Himmel versprochen", murrt der alte Mann.
"Die Unzufriedenheit in den unerträglichen Zeltlagern wächst. Wir laufen Gefahr, dass sich die Wut früher oder später unkontrolliert entlädt", heißt es in einem Leitartikel der Lokalzeitung "Il Centro".
Straßen noch von Schutt gesäumt
Die Wiederaufbauarbeiten kommen kaum voran, L'Aquila bietet auch acht Wochen nach der Katastrophe ein Bild der Zerstörung. Alle paar hundert Meter türmt sich der Schutt zu Bergen, eingestürzte Häuser und Kirchen säumen die Straßen. Im Stadtzentrum liegen Schaufensterpuppen aus einem zerstörten Geschäft genau so in den Trümmern, wie sie die Erdstöße im Morgengrauen hinwarfen: die Kunststoffbeine in alle Richtungen gespreizt, die Perücken von den Köpfen gerissen. Noch immer wecken Nachbeben Erinnerungen an den Tag, den 295 Menschen nicht überlebten.
"Fast die ganze Stadt ist gesperrt"
"Es herrscht große Verbitterung", sagt ein Mitarbeiter der Feuerwehr, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. "Fast die ganze Stadt ist gesperrt, es ist zu gefährlich. Zwar sind viele Häuser intakt, aber die Straßen dorthin sind zu gefährlich."
Umzugspläne wohl nicht einzuhalten
Mit dem Marsch nach L'Aquila vergangene Woche widersetzten sich die Erdbebenopfer einem kurz zuvor verhängten Demonstrationsverbot. Zeitungsberichten zufolge verboten die Behörden den Bewohnern der Lager sogar "potenziell aufputschende Substanzen" wie Kaffee, Cola und Alkohol zu trinken. Nach der Demonstration versprach Regierungschef Silvio Berlusconi, die Zeltstädte bis Mitte September zu räumen. Bis dahin könnten die Menschen entweder in ihre Häuser zurückkehren oder würden umgesiedelt. Dieses Versprechen sei in keinem Fall zu halten, sagt der Feuerwehrangestellte. Er hält es sogar für unwahrscheinlich, dass auch nur ein Bewohner von L'Aquila bis nächsten Frühling in die Stadt zurückkehren kann.
Berlusconi machte große Versprechen
Bereits drei Wochen nach dem Beben hatte Berlusconi angekündigt, dass der G8-Gipfel im Juli aus "Solidarität mit den Opfern" ins Katastrophengebiet verlegt werde. Statt auf einem Luxusschiff vor der sardinischen Insel La Maddalena sollen sich die Vertreter der sieben wichtigsten Industriestaaten und Russlands in einer Militärakademie vor den Toren von L'Aquila treffen. Die für den Gipfel in Sardinien veranschlagten 220 Millionen Euro sollen so dem Wiederaufbau zugute kommen.
Soli-Gipfel wirft Aufbaupläne zurück
Die Militärakademie ist eine Ansammlung von tristen grauen Gebäuden und Baracken, in denen die Delegationen auch übernachten sollen. Bei Yuri Pittaluga, einem Sprecher des Zivilschutzes, löst Berlusconis Geste der Solidarität keine Begeisterung aus. Die Planungen für den Wiederaufbau würden dadurch gehörig durcheinander gebracht, sagt der Sprecher. Denn bislang diente die Akademie als Hauptquartier für rund tausend Katastrophenhelfer.