02.03.2010, 06:10 Uhr | dpa
In der Erdbebenregion wächst die Angst vor Gewalt und Plünderungen. (Foto: AP)
Nach dem schweren Erdbeben in Chile mit mehr als 700 Toten wächst in den betroffenen Regionen die Angst vor Plünderungen und Gewalt. Der künftige Präsident des Landes, Sebastián Piñera, sprach sich für den Einsatz der Armee aus, um Unruhen zu vermeiden. Am Montagmorgen erschütterte ein Nachbeben der Stärke 6,2 das südamerikanische Land.
Noch-Staatschefin Michelle Bachelet solle die Armee in die betroffenen Gebiete schicken, um Verbrechen, Plünderungen und Unruhen zu verhindern, sagte Piñera. Recht und Ordnung drohten verloren zu gehen. Piñera war im Januar zum neuen Präsident des Landes gewählt worden und soll am 11. März sein Amt antreten.
Um Plünderungen vorzubeugen, wurde über die besonders schwer betroffene 400.000-Einwohner-Stadt Concepción eine Ausgangssperre verhängt. Sie trat am Sonntagabend um 21 Uhr Ortszeit in Kraft und sollte nach Angaben der Behörden bis Montagfrüh 6 Uhr gelten. Überall in der schwer zerstörten Stadt wurden die Menschen mit Lautsprecher-Durchsagen auf die Ausgangssperre hingewiesen. Bei Verstößen drohten die Behörden mit Festnahmen. Über die beiden am stärksten betroffenen Regionen Maule und Biobio wurde der Ausnahmezustand verhängt.
In den betroffenen Regionen suchten Rettungskräfte fieberhaft nach möglichen Überlebenden. Aus den Trümmern eines eingestürzten Hochhauses in Concepción konnten die Rettungskräfte zunächst nur acht Leichen bergen. "Es gibt aber noch 48 eingeschlossene Personen, die offensichtlich noch leben", sagte der Sprecher der Rettungskräfte, Ignacio Carrizo. "Wir arbeiten hart und wir werden nicht nachlassen, bis wir alle gerettet haben." Das 14-stöckige Hochhaus war bei dem schweren Erdbeben am Samstagmorgen zusammengestürzt, viele Bewohner wurden unter den Trümmern begraben.
Die Polizei unternimmt kaum etwas, um die Diebstähle zu unterbinden und verteilt in einigen Fällen sogar selbst die Ware an Frauen und Männer, die um Essen für ihre Kinder bitten. "Die Lage war von Anfang an chaotisch. Wir haben getan, was wir konnten", sagt der Polizist Jorge Córdova. Teilweise gibt es weder Strom noch Wasser. Vor dem Sender des Radios Bío Bío drängeln sich Dutzende Einwohner und bitten, dass Nachrichten für Verwandte und Freunde verlesen werden.
Der chilenische Verteidigungsminister Francisco Vidal macht der Marine nach dem verheerenden Beben schwere Vorwürfe: Sie habe keine Tsunami-Warnung herausgegeben. Auch Präsidentin Michelle Bachelet spielte die Gefahr einer zerstörerischen Riesenwelle unmittelbar nach dem Beben zunächst herunter. Hafenkapitäne hätten jedoch in Eigenregie vor einem Tsunami gewarnt und damit hunderte, wenn nicht tausende Menschen gerettet, sagte Vidal.
Mehrere Küstengebiete waren am Samstag von Wellen getroffen worden, und eine noch unbekannte Zahl von Menschen fielen ihnen zum Opfer. Die Behörden mussten später einräumen, dass es sich um Tsunami-Wellen gehandelt habe. Die Marine hat für solche Fälle einen Notfallplan, der es den lokalen Behörden erlaube, die Bevölkerung zu warnen, auch wenn es dazu keine Anweisung gebe, sagte Vidal. "Dank dieses Systems konnten die Menschen trotz des Diagnosefehlers (der Marine) alarmiert werden und sich auf Hügel retten." Zwischen dem Beben und den Tsunami-Wellen verstrichen nur etwa 30 Minuten. Der Großteil der mehr als 700 Opfer lebte in den überfluteten Küstengebieten.
Nach dem Hauptbeben wurde Chile immer wieder von Nachbeben erschüttert. Ein besonders starkes ereignete sich am Montagmorgen. Dieses hatte nach Angaben der US-Erdbebenwarte die Stärke 6,2. Sein Epizentrum lag in etwa 35 Kilometer Tiefe gut hundert Kilometer nordöstlich der Stadt Talca.
Quelle: dpa , dapd , AFP
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