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Erdbeben Chile: Geologischer Zufall rettete Pazifik-Anrainer

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Ein geologischer Zufall rettete die Pazifik-Anrainer

02.03.2010, 08:58 Uhr | Von Axel Bojanowski, Spiegel Online

Ein Japaner hält am Strand von Isumi nach einem Tsunami Ausschau - neben ihm ein Schild, das vor möglicherweise kommenden Tsunami-Wellen warnt (Foto: dpa)

Das Erdbeben von Samstag hat in Chile eine Katastrophe verursacht. Fast wäre es sogar noch schlimmer gekommen. 30 Stunden lang rasten Tsunamis über den Pazifik, von denen niemand wusste, wie groß sie sind. Unklar blieb, ob die Tsunami-Warnungen bei den Küstenbewohnern abgelegener Inselstaaten angekommen waren. Die Sorge war gut begründet: Bisher hatte noch jede Tsunami-Warnung einen Großteil der Empfänger verfehlt.

Doch diesmal feiern die Vereinten Nationen (Uno) die Warnung als Erfolg. "Es ist gelungen, alle Pazifikstaaten nach spätestens einer Stunde zu alarmieren", sagte der Leiter der Tsunami-Abteilung der Uno, Peter Koltermann "Spiegel Online". "Wir waren durchaus überrascht, wie schnell die Warnung überall ankam."

Katastrophe in Scheibchen

Allerdings begünstigten Besonderheiten im Inneren der Erde den Ablauf: Aufgrund eines geologischen Zufalls fiel der Tsunami deutlich kleiner aus als angenommen. Zwei Zufälle sorgten offenbar dafür, dass die Tsunamis kleiner ausfielen als befürchtet. Zum einen brach das Gestein bei dem Beben in vergleichsweise geringer Tiefe, weshalb weniger Wasser in Bewegung versetzt wurde. Zum anderen baute sich die Spannung nicht mit einem Schlag ab. Ungewöhnlich viele starke Nachbeben setzten einen Teil des angestauten Drucks frei.

Gefährlichste Plattengrenze der Erde

Es hätte aber viel schlimmer kommen können. Vor der Küste Chiles liegt die gefährlichste Erdplattengrenze des Planeten, nirgendwo sonst ereignen sich so viele Starkbeben. Dort schiebt sich der Boden des Pazifik mit der in geologischen Maßstäben hohen Geschwindigkeit von acht Zentimetern pro Jahr unter den südamerikanischen Kontinent. Zwischen den riesigen Felsschollen bauen sich immense Spannungen auf, die sich regelmäßig bei Erdbeben entladen.

Zwei heftige Schläge im 20. Jahrhundert

Sowohl nördlich als auch südlich des Bebenherdes vom Samstag hat es im letzten Jahrhundert besonders starke Schläge gegeben. Im November 1922 bebte es 870 Kilometer nördlich mit der Stärke 8,5; ein lokaler Tsunami verwüstete daraufhin Küsten in Chile. Am 22. Mai 1960 krachte es 230 Kilometer südlich des aktuellen Bebenherdes so stark wie nie seit Beginn der Erdbebenmessungen: Das Beben der Stärke 9,5 schickte riesige Tsunamis an die Küsten des Pazifiks. Noch auf Hawaii, auf den Philippinen und im 12.000 Kilometer entfernten Japan rissen die Wellen Tausende von Menschen in den Tod.

Entladung in 35 Kilometern unter dem Meeresboden

Im Gestein zwischen jenen beiden Brüchen jedoch hatte sich die Spannung nicht abgebaut. Am Samstag entlud sie sich in einer Tiefe von 35 Kilometern unter dem Meeresboden bei dem Beben der Stärke 8,8. Es war eines der schwersten Beben seit Beginn der Messungen. Knapp 100 Kilometer vor der Küste brach der Meeresboden, er versetzte dem Wasser mehrere Schläge - Tsunamis wurden ausgelöst.

Unterseeberge kanalisieren die Tsunamis

Die Warnung vom Samstag hat gezeigt, dass Wissenschaftler trotz aller Technologie noch weit davon entfernt sind, die Tsunami-Gefahr präzise einzuschätzen. Neben dem Auslöse-Mechanismus der Riesenwellen, sorgt auch die Ausbreitung der Wellen für Unsicherheiten: Unterseeberge kanalisieren die Tsunamis, die von der Meeresoberfläche zum Grund reichen. Die Höhe der Wellen unterscheidet sich mithin je nach Region. So kam es, dass Japan die Tsunami-Gefahr heraufstufte, obwohl auf Hawaii kurz zuvor ungefährliche Wellen durchgelaufen waren. Die Tsunamis hatten sich in mehrere Äste aufgespalten.

Selbst Pfahlbauten-Bewohner wussten Bescheid

Der glimpfliche Verlauf erschwert es, den Erfolg der Tsunami-Warnung einzuschätzen. Denn ob die Warnung nicht nur die Behörden der betroffenen Länder, sondern tatsächlich auch die meisten Küstenbewohner erreicht hat, ist unbekannt. Anscheinend habe die Warnung selbst Pfahlbauten-Bewohner auf Südseeinseln erreicht, meint Koltermann. Doch wie einzelne Staaten die Weitergabe der Warnung organisiert hätten, sei weitgehend unklar, räumt er ein. Die sogenannte "Letzte Meile" des Alarms liege im Hoheitsbereich der Staaten, die Uno könne also kaum Einfluss nehmen.

Bislang versagte das Warnsystem immer wieder

In den letzten Jahren hatten Tsunamis im Pazifik mehrfach Katastrophen ausgelöst - trotz Vorwarnung: Ob auf Tonga 2006, den Solomenen 2007 oder Samoa 2009 - in allen Fällen hatte die Übermittlung des Tsunamis-Alarms versagt. Entweder waren Kommunikationsleitungen ausgefallen, mangelte es an Messgeräten, kam die Warnung zu spät oder die Katastrophenpläne erwiesen sich ungenügend. Selbst das australische Tsunami-Warnsystem stand schwer in der Kritik: Es arbeite konfus, beschwerten sich Wissenschaftler noch vor drei Jahren.

"Wir verfügen nun über viel bessere Daten"

Dass die Kommunikation diesmal angeblich so gut funktionierte, führt Koltermann auf "erhebliche Verbesserungen in den letzten fünf Jahren" zurück. Seit der Tsunami-Katastrophe 2004 im Indischen Ozean war das Warnsystem im Pazifik massiv aufgerüstet worden. Hunderte von Warnbojen und Erdbebenmessstationen wurden zusätzlich installiert. "Wir verfügen nun über viel bessere Daten", sagt Koltermann. Die Uno entwickelte zudem Katastrophenpläne für die Behörden der Pazifik-Anrainerstaaten, sie organisierte Dutzende Alarm-Übungen.

Auseinandersetzungen zwischen USA und UNO

Allerdings streitet die Uno nach wie vor mit den USA um die Hoheit der Tsunami-Daten. Bisher verbreiten zwei Warnzentren der USA - auf Hawaii und in Alaska - die Warnungen für den Pazifik. Als Fernsehsender unlängst die Tsunami-Warnung erläuterten, war auf entsprechenden Internetseiten der Uno kein Eintrag zum Thema zu finden. Von März an wolle man das Verfahren trotz der Bedenken der USA ändern, sagt Koltermann. Auch die Uno solle künftig über aktuelle Tsunami-Gefahren informieren dürfen.

Beschwerden auf Hawaii

Doch unterdessen werden erste Beschwerden über die Umsetzung der jüngsten Tsunami-Warnung laut; sogar auf Hawaii, das aufgrund seiner Erfahrung mit den Riesenwellen als einer der am besten vorbereiteten Orte der Welt gilt: Radiostationen seien nicht zu erreichen gewesen, Alarmsirenen hätten versagt, Straßen seien für Evakuierungen nicht frei gehalten worden, berichten lokale Medien. Wie die 29 Pazifikstaaten mit der Tsunami-Warnung im Einzelnen umgegangen sind, will die Uno in den kommenden vier Wochen genauer untersuchen.


Quelle: Spiegel Online

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