03.09.2010, 09:59 Uhr | Karl Ritter
In der Bildmitte dieser Satellitenaufnahme ist die Bruchstelle gut zu erkennen (Foto: ddp)
Das hat in diesem Sommer der Naturkatastrophen noch gefehlt: In der Arktis ist ein gigantischer Eisberg abgebrochen. Der unaufhaltsam im Meer treibende Koloss ist größer als Frankfurt am Main und könnte Schifffahrtswege sowie die Ölförderung gefährden. Schlimmstenfalls könnten Teile davon die vielbefahrenen Gewässer erreichen, in denen 1912 die "Titanic" nach einer Kollision mit einem Eisberg sank.
Forscher versuchen derzeit, den Weg vorherzuberechnen, den der vom Petermann-Gletscher abgebrochene Eisberg nehmen wird. "Er ist so groß, man kann nicht verhindern, dass er driftet. Man kann ihn nicht aufhalten", sagt der Glaziologe Jon-Ove Methlie Hagen von der Universität Oslo.
Der Koloss treibt auf die Nares-Straße zwischen Grönland und Kanada zu. Erreicht er sie, bevor sie mit dem für kommenden Monat erwarteten Wintereinbruch zufriert, würde er von den Strömungen wahrscheinlich südwärts getragen, die Ostküste Kanadas entlang bis zu den Gewässern vor Neufundland, wo reger Schiffsverkehr herrscht und Öl gefördert wird.
"Da fängt es an, gefährlich zu werden", warnt Mark Drinkwater von der Europäischen Weltraumagentur ESA. Kanadische Fachleute schätzen, dass der Eisberg für die Strecke ein bis zwei Jahre braucht. Wahrscheinlich kollidiert er mit Inseln und anderen Eisbergen und bricht auseinander.
Die Einzelteile würden von Wind und Wellen angenagt und in wärmeren Gewässern zu schmelzen beginnen. "Doch die Bruchstücke könnten immer noch ziemlich groß sein", warnt die kanadische Eisforscherin Trudy Wohlleben, die den Eisberg vergangenen Donnerstag als erste auf Satellitenbildern entdeckte. Sie könnten groß genug sein, um die kanadischen Bohrinseln vor Neufundland zu gefährden.
Es sei zwar möglich, kleinere Eisberge durch Schleppen oder Beschuss mit Wasserkanonen umzuleiten. "Ich glaube aber nicht, dass das mit einem Eisberg dieser Größe geht", sagte Wohlleben. "Man müsste die Bohrinsel vom Fleck bewegen." Das wäre zeitraubend und teuer - und äußerst kompliziert, wenn die Plattform am Meeresgrund verankert ist.
Wohin der Eisberg auch treibt, der Klimadebatte bleibt er auf jeden Fall erhalten. Fachleute finden es zwar schwierig, den Koloss direkt mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen, weil bei der Entstehung von Eisbergen viele verschiedene Faktoren mitspielen. Doch das ungewöhnliche Ereignis fällt zusammen mit besorgniserregenden Anzeichen für eine Erwärmung der Arktis.
Seit 1970 sind die Temperaturen in großen Teilen um über 2,5 Grad gestiegen, viel rascher als im weltweiten Durchschnitt. Im Juni war die Eisdecke auf dem niedrigsten Stand dieses Monats seit Beginn der Aufzeichnungen 1979. Die Gletscherschmelze in Grönland, die sich in den letzten Jahren beschleunigt hat, ist ein noch wenig erforschter Teil des Klima-Puzzles.
Kaum ein anderes Bild spiegelt die mit der Erderwärmung verbundenen Befürchtungen jedoch so plastisch wider wie der Anblick eines 260 Quadratkilometer großen Brockens, der sich vom Eispanzer Grönlands löst. Würde sich dieser Eispanzer in Gänze auflösen, stiege der Meeresspiegel weltweit um verheerende sechs Meter. Der US-Abgeordnete Edward Markey schlug bereits vor, alle Zweifler am Klimawandel könnten sich ja auf der Eisinsel niederlassen.
Eine Gruppe von Klimaforschern, die bereits im vorigen Jahr am Petermann-Gletscher unterwegs war, will in den nächsten Wochen wieder aufbrechen. "Wir haben ein paar Kameras und GPS-Geräte dort gelassen. Jetzt wollen wir schleunigst wieder hin und die Daten einsammeln", erklärt der Gletscherexperte Jason Box vom Polarforschungsinstitut der Universität von Ohio.
Er und zwei britische Forscher waren voriges Jahr mit dem Greenpeace-Schiff "Arctic Sunrise" unterwegs. Die Umweltschützer hatten gehofft, vor dem Klimagipfel in Kopenhagen Zeichen des Klimawandels mit der Kamera einzufangen. "Es wäre schön gewesen, wenn der Eisberg letztes Jahr abgebrochen wäre", meint die damalige Greenpeace-Expeditionsleiterin Melanie Duchin. Jetzt ist die "Arctic Sunrise" nicht mehr in der Arktis. Sie ist im Golf von Mexiko und beobachtet die Ölpest.
Quelle: dapd
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