30.05.2007, 08:17 Uhr
Eine Woche vor dem G8-Gipfel ist das Ostseebad Heiligendamm am Mittwochfrüh von der Öffentlichkeit abgeschnitten worden. Während der zwölf Kilometer lange und 2,50 Meter hohe Zaun den Ort nun komplett abriegelt und Einwohner, Zulieferer oder Hotelangestellte nur noch über über zwei Kontrollstellen hinein gelangen können, steigt die Spannung beziehungsweise Nervosität bei Polizei und Gipfelgegnern: Geht das millionenschwere Sicherheitskonzept auf oder werden die Demonstranten die Polizei überlisten?
Der Alptraum
Es ist der Albtraum der Behörden: Tausende Demonstranten blockieren am 6. Juni, wenn der Gipfel beginnt, den Flughafen Rostock-Laage und die Straßen nach Heiligendamm. Die Limousinen der Delegationen kommen nicht zum Tagungsort durch. Der minutiös ausgearbeitete Zeitplan gerät durcheinander. Während sich die Polizei auf alle Eventualitäten vorbereitet, rüstet sich auch die Gegenseite für das Mega-Ereignis namens G8, das die Bewohner von Heiligendamm auf jeden Fall noch bis zum 8. Juni in Atem halten wird. In der Kampagne "Block G8" haben sich 124 Organisationen zusammengeschlossen, die mit Massenblockaden den Gipfel lahm legen wollen.
Flash-Grafik
Teilerfolg für G8-Gegner
Interview zum G8-Gipfel
Katz und Maus
Zu erwarten ist ein Katz-und-Maus-Spiel im großen Stil. "Wir streben die größte Blockadeaktion der deutschen Protestgeschichte an", sagt der aus Lübeck stammende Organisator Christoph Kleine. Menschliche Blockaden mit bis zu 10.000 Teilnehmern seien das Ziel. "Die schiere Masse der Blockierenden ist der Schlüssel zum Erfolg", meint der 40-Jährige. Zu den Unterstützern gehören Vertreter des gesamten Spektrums der Protestbewegung, aber auch Wissenschaftler, Politiker und Musiker wie Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow. "Block G8" betont den friedlichen Charakter der Aktion. "Wir wollen keine Eskalation, Blockaden sind Formen des zivilen Ungehorsams, wie man sie von Castor-Transporten kennt", sagt Kleine.
Blockadetrainings
Genauso wie die Polizei ihre Maßnahmen auf Pressekonferenzen vorstellt, laden die Aktivisten Journalisten zu so genannten Blockadetrainings ein. "Wir werden üben, Polizeiabsperrungen zu durchfließen und eine Räumungssituation nachzustellen", heißt es in einer Einladung zu einem Training in Hannover. 60 bis 70 Trainings wurden bereits in ganz Deutschland abgehalten.
Demonstrationen
G8-ProtestWie viele kommen?
Foto-Serie Der Club der Mächtigen
Hintergrund Was ist Globalisierung?
Modell "Nasser Sack"
In Hamburg beteiligten sich bis zu 200 Teilnehmer an den Trainings. Dabei schlüpft eine Gruppe in die Rolle der Polizisten, die anderen verkörpern die Demonstranten. Unter anderem lernen die Blockierer in spe, wie das Modell "Nasser Sack" funktioniert. Man macht sich ganz schlaff, so dass der Körper für die Beamten kaum zu bewegen ist. Oder die Arme werden unter den Kniekehlen verhakt und der Körper darüber gebeugt. Diese leichter zu bewegende Paket-Variante wird gewählt, wenn man der Polizei die Arbeit beim Wegtragen erleichtern und Verletzungen vermeiden will.
Überraschung in Schottland
Knut Abramowskis, Chef der für den Gipfel eingerichteten Polizeieinheit "Kavala", hatte im Vorfeld bereits gesagt: "Blockaden werden nicht geduldet." Das Vorbild für die geplanten Aktionen ist der G8-Gipfel 2005 im schottischen Gleneagles. Durch Blockaden kam der Straßen- und Schienenverkehr in der Region zum Erliegen. Viele Kleingruppen hatten sich nachts in der hügeligen Waldlandschaft im Unterholz versteckt, um morgens die Polizei durch Ankettungs- und Blockadeaktionen auf Zufahrtwegen zu überraschen.
Die Masse ist Trumpf
In Heiligendamm werden Merkel, Bush, Putin und Co. zwar mit Hubschraubern zum Tagungsort einschweben, aber die Demonstranten wollen die Zufahrtstraßen für den übrigen Gipfel-Tross lahm legen. Im April wurde bereits in der Nähe des Sicherheitszauns in Heiligendamm geübt. Die Masse der Blockierenden sei das wichtigste Mittel, das "wir gegen die Überlegenheit der hochgerüsteten Polizeitruppen einsetzen können", heißt es in der linken Zeitschrift "G8 Xtra".
Notdienst mit 100 Anwälten
Dem Versammlungsverbot im Umfeld des Sicherheitszauns müsse man diese Formen zivilen Ungehorsams entgegensetzen, meinen die Blockadisten. Und falls sie oder andere Demonstranten in den geplanten Gefangenen-Sammelstellen landen, stehen 100 Anwälte als mobiler Notdienst bereit. "Wir befürchten, dass wir eine sehr hohe Anzahl von Einsätzen bei diesem G8-Gipfel haben werden", sagt Martin Dolzer vom Republikanischen Anwältinnen- und Anwälteverein (RAV).
Nur noch Zugspitze oder Helgoland?
Angesichts dieses Aufwands hat der frühere Finanzminister Theo Waigel einen Vorschlag: Solche Gipfel sollten in Zukunft nur noch an menschenleeren Orten stattfinden. "Wenn das so weiter geht, bleibt nichts anderes übrig, als diese Gipfel dorthin zu verlegen, wo keine Demonstrationen möglich sind", sagte der genervte CSU-Politiker am Mittwoch im Bayerischen Rundfunk. "Dann müssen wir also in Deutschland auf die Zugspitze gehen oder nach Hiddensee oder nach Helgoland."
Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

Die Mexikanerin Natalia Juarez will mit dem Plakat aufrütteln. zum Video