26.05.2011, 20:45 Uhr
In Dänemark wurde der Darmkeim bereits nachgewiesen. In weiteren Ländern gibt es Verdachtsfälle (Foto: dpa) (Quelle: dpa)
Der gefährliche Darmkeim EHEC hat andere europäische Länder erreicht. In Dänemark wurden vier Fälle bestätigt. Alle Betroffenen seien zuvor in Deutschland gewesen, teilte das Staatliche Seruminstitut in Kopenhagen mit. Verdachtsfälle gibt es zudem in Schweden, Großbritannien und den Niederlanden. Auch hier hätten sich die Erkrankten kürzlich in Deutschland aufgehalten, sagte der Sprecher des EU-Kommissars für Gesundheit, Frederic Vincent.
Schweden riet seinen Bürgern bei Reisen nach Deutschland zur Vorsicht. Dort erreichte das Darmbakterium am Donnerstag als letztes Bundesland auch Rheinland-Pfalz. Zwei Frauen sollen sich vermutlich in Norddeutschland angesteckt haben.
Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind derzeit mehr als 200 schwer verlaufende Krankheitsfälle bekannt. Am Mittwoch wies die Statistik noch 140 aus. Es sei der stärkste je registrierte EHEC-Ausbruch in Deutschland, sagte RKI-Chef Reinhard Burger. Es gebe so viele Erkrankte pro Woche wie sonst in einem Jahr. Zwei Drittel der Betroffenen seien Frauen. Die meisten Patienten gibt es in Norddeutschland.
Das RKI hatte am Mittwoch vor dem Verzehr von Salatgurken, Blattsalaten und rohen Tomaten insbesondere in Norddeutschland gewarnt. EHEC-Erkrankte hätten diese Gemüse häufiger verzehrt als gesunde Vergleichspersonen. Zahlreiche Medien hatten daraufhin berichtet, das Institut warne vor Gemüse aus Norddeutschland. Diese Formulierung war allerdings ungenau, da eine Aussage über die genaue Herkunft des Gemüses am Mittwoch noch nicht möglich war.
Hamburger Institut hat den Erreger identifiziert. Dieser kommt in Deutschland nur selten vor. zum Video
Zumindest eine Quelle der Infektion konnte das Hamburger Hygiene-Institut inzwischen identifizieren. An vier Salatgurken wurde der Erreger nachgewiesen. Drei davon stammten aus Spanien, von der vierten sei die Herkunft noch unklar, sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks. Laut Hygiene-Institut kamen die belasteten Gurken vom Hamburger Großmarkt. Nach Angaben der Hamburger Umweltbehörde handelt es sich bei den betroffenen spanischen Zulieferern um die Firma "Pepino Bio Frunet" mit Sitz in Malaga und das Unternehmen "Hort o Fruticola" mit Sitz in Almeria.
Der Geschäftsführer des Betriebs aus Malaga wies die Vorwürfe inzwischen zurück. Die kontaminierte Gurke gehörte zwar zu einer Lieferung, die am 12. Mai nach Hamburg gegangen war, auf dem Großmarkt sei die Palette mit den Gurken jedoch Tage später zu Boden gestürzt. Das habe das Unternehmen von dem dortigen Kunden erfahren. Möglicherweise sei die Gurke dabei verunreinigt worden
Das Robert-Koch-Institut warnt wegen des EHEC-Ausbruchs vor Rohkost. Norddeutschland ist am Stärksten betroffen zum Video
Eine Verunreinigung im Betrieb sei jedenfalls ausgeschlossen. Nach einem Hinweis aus Deutschland seien sowohl die auf Ökoprodukte spezialisierte Firma sowie die Zulieferer inspiziert worden, sagte der Geschäftsführer. "Nirgendwo wurden EHEC-Erreger entdeckt."
Senatorin Prüfer-Storcks betonte, es sei nicht auszuschließen, dass weitere Lebensmittel als Infektionsquelle in Frage kommen. Wer hundert Prozent sicher gehen wolle, sollte in ganz Deutschland auf den Verzehr von Salatgurken, Tomaten und Blattsalat verzichten, sagte ein Sprecher des Bundesinstituts für Risikobewertung.
Spaniens Behörden reagierten zurückhaltend auf die jüngste Entwicklung. Noch sei das Land nicht offiziell informiert worden, sagte der Direktor der staatlichen Agentur für Lebensmittelsicherheit, Roberto Sabrido. "Wir wissen nicht, was los ist, denn auch von der Europäischen Union, die dafür zuständig wäre, sind wir bislang nicht benachrichtigt worden."
In Hamburg forderte EHEC möglicherweise ein weiteres Todesopfer. Wie Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks sagte, wurde ein Mann tot in seiner Wohnung gefunden. Eine vorläufige Obduktion der Leiche habe ergeben, dass der 38-Jährige an Durchfall gelitten habe. Ob der Darmkeim die Ursache gewesen sei, müsse überprüft werden.
Nachweislich durch den Erreger sind bislang drei Frauen in Norddeutschland gestorben. Es handelt sich um eine 83-Jährige aus Niedersachsen, eine 89-Jährige aus Schleswig-Holstein und eine 24-Jährige aus Bremen. In weiteren Fällen besteht der Verdacht, dass EHEC die Todesursache ist. Zudem müsse man damit rechnen, weitere Patienten zu verlieren, sagte Nierenspezialist Rolf Stahl vom Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf.
Forscher der Universitätsklinik Münster hatten zuvor den Typ des EHEC-Erregers identifiziert, der für die Welle lebensgefährlicher Erkrankungen verantwortlich ist. Es handelt sich um eine zwar bekannte, aber äußerst seltene Variante, die sich weiter verändert hat - der Keim ist aggressiv und resistent gegen die meisten Antibiotika.
EHEC-Keime sind eine besonders gefährliche Form des Darmbakteriums Escherichia coli. Seine Gifte führen bei schweren Verläufen zu Blutarmut, Gefäßschäden und schädigen die Nieren. Die Wissenschaftler in Münster arbeiten jetzt mit Hochdruck daran, einen Schnelltest zu entwickeln, der in wenigen Tagen zur Verfügung stehen soll.
"Die Identifizierung der Erregervariante ist ein wichtiger Schritt auf der Suche nach den Übertragungswegen. Aber natürlich steht für uns die Versorgung der betroffenen Menschen an erster Stelle. Gerade dabei kommt es auf eine schnelle Bestätigung des Erregers an, die wir mit dem Test bieten wollen", sagt Laborleiter Helge Karch.
Als erstes Bundesland stoppte das Saarland den Verkauf spanischer Salatgurken. Laut einer Mitteilung von Staatssekretär Sebastian Pini sollen Kontrolleure am Freitag prüfen, ob Läden noch Gurken aus Spanien verkaufen. Der Handel würde dann gestoppt. Auch einige große Handelsketten nahmen Gurken aus Spanien aus dem Sortiment.
Für die Trinkwasserversorgung gab das Bundesumweltamt unterdessen Entwarnung. EHEC seien Bakterien, die wie andere Keime auch über zahlreiche Barrieren im Trinkwasser-Versorgungssystemen eliminiert werden könnten, sagte ein Sprecher. Bei Versorgungssystemen aus Grundwasser würden sie durch die Filterwirkung des Bodens ausgeschaltet. Bei Oberflächenwasser wirkten Filtration und Desinfektion.
Quelle: dapd , dpa
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