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Dieter Althaus: Riskante Inszenierung einer Rückkehr

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Riskante Inszenierung einer Rückkehr

23.03.2009, 12:44 Uhr | Von Reinhard Mohr, Spiegel Online

Dieter Althaus bei seiner Rückkehr nach Heiligenstadt in Thüringen (Foto: dpa) Dieter Althaus bei seiner Rückkehr nach Heiligenstadt in Thüringen (Foto: dpa)

Das Comeback von Dieter Althaus verläuft seltsam glatt, ohne Brüche und sichtbare Emotionen. Seit dem umstrittenen ersten Interview im Krankenstand provoziert die Inszenierung des Ministerpräsidenten Kritik - der politische Ehrgeiz wird zum Problem, er ist mehr denn je auf sich allein gestellt.

Nun ist Dieter Althaus also wieder daheim in Heiligenstadt. Noch wird er wegen der Folgen seines Schädel-Hirn-Traumas ambulant behandelt, die vollständige Genesung dürfte Wochen dauern - doch der Ministerpräsident hat angekündigt, nach Ostern seine Amtsgeschäfte wieder aufzunehmen. Es ist ein politisches Comeback, an dem vor einigen Wochen noch mancher gezweifelt hatte.


Dünne Personaldecke bei Thüringer CDU

In der Thüringer CDU allerdings, deren Personaldecke so dünn ist wie der Blümchenkaffee selig in der DDR, hat man sich seit jenem Skiunglück am Neujahrstag an das Prinzip Hoffnung geklammert: Rechtzeitig zum Wahlkampf musste Althaus wieder fit werden. Komme, was da wolle. "Alternativlos" nennt man das heute. Das Gedankenspiel sei erlaubt: Wenn ein amtierender Außenminister Joschka Fischer beim Sport eine 41-jährige Mutter zu Tode gebracht hätte und in einem österreichischen Blitzverfahren wegen fahrlässiger Tötung zu 33.000 Euro Strafe verurteilt worden wäre, dann wäre ein Comeback vermutlich anders ausgefallen. Wenn es überhaupt stattgefunden hätte.

Meldungen zu Althaus' Skiunfall

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Landespresse "tief verärgert"

Zweieinhalb Monatelang geisterte Althaus wie ein Phantom durch die Öffentlichkeit. Er war unsichtbar, für seine Partei, seine Wähler, für alle. Über seine Gesundheit gab es jenseits der ärztlichen Bulletins nur Mutmaßungen. Vor allem über die "Bild"-Zeitung wurde die Öffentlichkeit über Althaus' Zustand spärlich informiert. Dort gab er vor einer Woche auch das erste Interview nach dem Unfall. Der Rest der Presse wurde auf Nachfragen immer kurz gehalten - flankiert von der Bitte um Respekt für den kranken Politiker. Thüringens Landespresse protestiert inzwischen offiziell gegen dieses Doppelspiel aus gezielter Streuung und Verweigerung von Informationen: Man sei "tief verärgert", teilte sie mit.


Für Parteitag zu krank, für Interview gesund genug

Auch die Opposition ist empört, und selbst Parteifreunde äußern sich hinter vorgehaltener Hand verwundert: Wie konnte Althaus vor einer Woche zu krank sein, um zum Landesparteitag zu kommen, der ihn zum Spitzenkandidaten kürte - aber gesund genug, um Deutschlands Boulevardzeitung Nr. 1 das erwähnte Interview zu geben? Es grummelt durchaus in Thüringens CDU. Nicht alle finden es gut, welche Prioritäten bei der Krisen-PR gesetzt wurden; sie kritisieren Regierungssprecher Fried Dahmen, der die Kontrolle darüber gehabt habe.


Wahlkampf eröffnet

Eine "schlechte Inszenierung, und eine kontraproduktive dazu, weil sie sich selbst entlarvt" - so kommentiert Michael Spreng das Interview. Der selbständige Kommunikationsberater half 2005 Kanzlerkandidat Edmund Stoiber im Bundestagswahlkampf und war von 1989 bis 2000 Chefredakteur von "Bild am Sonntag", heute bloggt er über die Polit-Szene. Althaus habe das Interview außerdem zu Angriffen auf den politischen Gegner genutzt - "den die CDU noch kurz zuvor um Fairness mit dem angeschlagenen Ministerpräsidenten gebeten hatte", schreibt Spreng. "Damit beendete Althaus die Schonfrist und eröffnete den Wahlkampf, ohne an ihm teilnehmen zu können, weil er natürlich nach wie vor zu krank dafür ist."

Mediale Inszenierung

Dieses Problem erkennt auch Thomas Schmid, Chefredakteur der "Welt"-Gruppe - und kritisiert, dass bei Althaus "auf den letzten Metern alles etwas zu schnell" gegangen sei. Das "lief zu sehr wie am Schnürchen". Will sagen: zu glatt, zu wenig reuig, zu offensichtlich aufs bruchlose "Weiter so!" gerichtet. Ähnlich sieht es Rupert Ahrens, Geschäftsführer der A & B One Kommunikationsagentur in Frankfurt am Main. "In den vielen Wochen seit dem Skiunfall befand sich Dieter Althaus in einem Schutzraum der Authentizität und der menschlichen Anteilnahme, der sogar vom politischen Gegner akzeptiert wurde." Doch seit dem Blitzurteil Anfang März und seiner stufenweisen Rückkehr in die Öffentlichkeit "wurde die mediale Inszenierung, kurz: die Instrumentalisierung der Authentizität spürbar". Damit habe sich Althaus "sehr geschadet". So sei die Sache gekippt.


Im Kern "beratungsresistent"

Zu Recht wies Heribert Prantl in der "Süddeutschen Zeitung" auf den merkwürdigen Umstand hin, dass Althaus in dem "Bild"-Interview den Begriff "Schuld" ablehnte ("das ist nicht die richtige Kategorie, um ein solch tragisches Unglück zu bewerten") und nur von seiner "Verantwortung" sprechen wollte. Ein eigentümlicher Euphemismus - hat ihn doch das österreichische Gericht durchaus wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. "Dieter Althaus muss glaubwürdig Betroffenheit zeigen, auch Schwäche und Problembewusstsein", rät ein PR-Profi, der den CDU-Politiker kennt - und im Kern für "beratungsresistent" hält, weil er nur auf seinen engsten Kreis höre. "Er muss sich öffnen und die direkte Kommunikation mit seinen Parteifreunden und Bürgern suchen."


"Verheizt - im Namen der Parteiräson"

Der erfahrene Kommunikationsexperte Michael Behrent von script-com hat durchaus Mitgefühl mit Althaus: "Gerade weil er sich nicht erinnern kann, hat er keine Chance, seinen eigenen, ganz persönlichen Interessen gerecht zu werden. Er kann noch gar nicht wirklich erfasst haben, was da eigentlich passiert ist." Anders als bei Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble, die beide Opfer eines Attentats wurden, lasse man Althaus keine Zeit zum Innehalten. "Er soll einfach am gleichen Punkt weitermachen, an dem er aufgehört hat. Der Mann wird verheizt - im Namen der Parteiräson."


"Keine Zeit für Gefühle"

Behrent sieht das "Prinzip der Rücksichtslosigkeit" am Werk: "Keine Zeit für Gefühle." Die Partei, die ihn braucht, lasse ihn letztlich allein. Nun sei es allein seine Sache, ob am Ende der Erfolg steht oder das - auch persönliche - Desaster. "Und das Schlimme: Er kommt aus der Sache nicht mehr heraus. Es geht jetzt nur noch um Wahlkampf, um Top oder Flop." Genau hier wird der politische Ehrgeiz zur Schwäche. Womöglich bleibt Dieter Althaus in den kommenden Wochen und Monaten nicht viel mehr als der feste Glaube an sich selbst.



Von Reinhard Mohr, Spiegel Online  

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