
19.08.2010, 15:21 Uhr | Joachim Hoelzgen
Forscher gehen davon aus, dass die Eiskappen der großen Gletscher in der Südsee sich nach und nach auflösen werden. (Foto: afp)
2003 war schon die Eiskappe auf dem 4760 Meter hohen Papua-Riesen Puncak Mandala verschwunden, der 300 Kilometer weiter östlich im Zentralgebirge steht. Und das gleiche Schicksal war dem Puncak Trikora (4730 Meter) widerfahren, der 200 Kilometer vom Carstensz-Massiv und dem North Wall Firn entfernt ist.
An der Carstensz-Pyramide schließlich hat sich ein Hängegletscher in der Südwand aufgelöst, und auch der kleine Carstensz-Gletscher östlich des fulminanten Bergs gibt nicht mehr viel her. Er ist nur noch einen halben Quadratkilometer groß, und Thompson ist der Ansicht, dass es sich bei ihm gar nicht mehr um einen Gletscher handelt.
Der North Wall Firn ist das letzte Eisfeld Ozeaniens, zu dem Neuguinea wegen seiner Zugehörigkeit zur großen Inselgruppe Melanesien nordöstlich von Australien gehört. Aber auch seine Tage sind gezählt. Als sich die Gletscherforscher nach zwei Wochen daran machten, ihre Zelte abzubrechen, standen diese 30 Zentimeter über der Eisdecke - so stark war das Eis, das sie umgab, zurückgegangen. "Ehe ich hierherkam, dachte ich, der Gletscher hätte noch ein paar Jahrzehnte", sagt Thompson. "Nun aber werden es nur noch ein paar Jahre sein."
Früher bedeckte der North Wall Firn noch einen ganzen Bergrücken, der nach Norden hin steil abfällt. Zuletzt aber hat sich der westliche Teil vom Hauptgletscher abgekoppelt und darbt ohne Neuschnee hoffnungslos dahin. Der gesamte Rest des North Wall Firn ist nur noch knapp einen Quadratkilometer groß, wie die Auswertung von Satellitenbildern ergeben hat.
Vor diesem Hintergrund war es ein Glück, dass Thompson und seine Kollegen jeweils am richtigen Platz gebohrt hatten - am First des Gletschers und auf einer Gipfelkuppe namens Ngga Pulu, die ihren Namen einer mythischen und mehrköpfigen Schlange der Papuas drunten im Tal verdankt. Eine der beiden Bohrungen stieß nach 32 Metern, die andere nach 30 Metern auf den Felsenuntergrund. Thompson ist darüber hocherfreut. "Mit jedem Meter finden wir in den Bohrkernen mehr von jenen Informationen, die wir suchen. Und wenn wir nicht ganz hinabstoßen können, macht das auch nichts - wir nehmen, was uns die Natur erlaubt."
Auch mit der Qualität der Bohrkerne ist Thompson zufrieden. Sie enthalten Jahresschichten, ähnlich den Jahresringen von Bäumen, und sind nicht mit Schmelzwasser verwässert worden. Thompson geht davon aus, dass sie auch Pollen und Pflanzenpartikel enthalten und Ruß aus der Vulkanasche, die beim Ausbruch des Krakatau im August 1883 bis an den Rand der Stratosphäre aufgewirbelt wurde.
Am meisten aber interessiert den Forscher die Verbindung zum globalen Klimawandel. Denn der North Wall Firn befindet sich in der Nähe des sogenannten Wärmepools im westlichen Pazifik, wo die Wassertemperatur bis zu 28 Grad beträgt - kein anderes ozeanisches Gewässer ist so aufgeheizt.
Die Wärme steigt hier wie aus einem riesenhaften Braukessel nach oben und beeinflusst das Klima zwischen den Wendekreisen, die Passatwinde und tropischen Wirbelstürme. Das gefürchtete Klimaphänomen El Niño beginnt hier, bei dem sich das Warmwasser von Neuguinea und den indonesischen Hauptinseln in Richtung Südamerika bewegt. Es verursacht dort starke Regenfälle und Überschwemmungen, während im Meer Plankton und Korallen absterben und die großen Makrelen- und Sardinenschwärme in andere Meeresregionen fliehen.
Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die winterliche Bohrexpedition Thompsons zum Nevado Hualcan, der vom North Wall Firn aus betrachtet am anderen Ende des Pazifiks liegt. Denn nun wird es zum ersten Mal möglich sein, dank der Bohrkerne aus Peru und Papua die Geschichte El Niños bis weit in die Vergangenheit zu untersuchen - das aber nur, wenn in Thompsons Kältekammern in Columbus nicht der Strom zum Kühlen ausfällt.
Quelle: Spiegel Online
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