Ein Handy-Video zeigt Tim K. kurz vor seinem Tod (Foto: AP)
Das Video, aufgenommen von einer Handykamera, ist wackelig. Man erkennt eine Person - mutmaßlich Tim K.-, die vor einer Reihe Autos hin- und hergeht. Im Hintergrund donnern die Schüsse, die sich mit undeutlichen Rufen abwechseln. Plötzlich geht die Person langsam zu Boden. Nach einem Schnitt sieht man sie flach auf der Erde liegen.
Tim K., der Amokläufer von Winnenden, beendete sein Leben offenbar selbst, und zwar auf dem Parkplatz eines Autohauses in Wendlingen bei Stuttgart. Polizisten hatten ihm schon mindestens einmal in die Beine geschossen, er saß in der Falle. Das Video kursiert derweil auf mehreren Internetseiten. Eine Szene, in der der tödliche Schuss fiel, fehlt jedoch.
Zuvor war K. in das Autohaus hineingestürmt und hatte die Herausgabe eines Autos gefordert. Als die Angesprochenen nicht schnell genug reagieren, erschießt er einen Verkäufer und einen Kunden mit insgesamt 13 Schüssen. Während er sein Magazin wechselt, nutzen zwei weitere Kunden die Gelegenheit zur Flucht durch eine Hintertür.
Schüsse auf alles, was sich bewegt
Auch der Täter flieht nun und sieht draußen einen Polizisten näherkommen. Er liefert sich mit dem Beamten ein Feuergefecht und erhält Treffer in die Beine. Er rennt zurück ins Autohaus und schießt durch die Fenster auf einen anrückenden Streifenwagen. Nun flieht K. auf den Hinterhof und trifft dort auf zwei Zivilbeamte - einen Mann und eine Frau - die er durch Schüsse in Hals und Unterkiefer schwer verletzt. Selbst die Mitarbeiter einer benachbarten Firma, die gerade ihre Tür verrammeln, geraten unter Feuer. Dann erschießt sich K. nach Angaben von Augenzeugen aus der Nachbarfirma selbst.
Ein Polizist markiert die Einschusslöcher im Schaufenster des Autohauses, vor dem Tim K. starb (Foto: ddp)
Mehr als 200 Schuss Munition
Psychologen sagen, Amokschützen werden für gewöhnlich erst gestoppt, wenn ihnen die Munition ausgeht, sie erschossen werden oder sich selbst richten - aufgeben gibt es nicht. Nach Angaben der Polizei hatte Tim K. noch etwa 130 Schuss bei sich, nachdem er an dem Tag schon mindestens 113 Kugeln verschossen hatte. Durch seine Hand starben in den Stunden zuvor 15 Menschen.
Ein Waffennarr und Computerspieler
Der Täter, der am Tag der Tat noch als so untypisch eingeschätzt wurde, erfüllt bei näherem Hinsehen doch viele Klischees, die über jugendliche Amokläufer kursieren. Der 17-Jährige war ein Waffennarr, schoss nicht nur in Gewaltspielen am Computer, sondern auch im Schützenverein des Vaters und mit eigenen Softair-Pistolen. Ein Polizeisprecher sagt, er sei ein sehr geübter Schütze gewesen.
Dann wird bekannt: Tim K. litt unter Depressionen, war in ambulanter Behandlung, zog sich immer mehr zurück, brach schließlich die Therapie ab. Bei allen galt er als unauffällig und höflich, hatte einen Schulabschluss und eine Ausbildungsstelle. Dazu war er ein begabter Tischtennisspieler.
Tat wohl doch nicht angekündigt
Vorab im Internet angekündigt hat Tim K. seinen Amoklauf wahrscheinlich jedoch nicht. Die Annahme der Ermittler, die Ankündigung der Bluttat in dem Chatroom namens "Krautchan" sei auf dem Computer des 17-Jährigen geschrieben worden, habe sich als falsch herausgestellt, sagte ein Sprecher der Polizei Waiblingen am Donnerstagabend. Es gebe derzeit keinen Beweis, dass K. diesen Eintrag selbst verfasst habe.
"Mal so richtig gepflegt grillen"
Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech hatte zuvor erklärt, der Eintrag stamme zweifelsfrei von Tim K. Die Ermittler hätten Daten auf dem PC des Amokläufers gefunden die zeigten, dass der 17-Jährige in der Nacht vor der Tat in einem Internet-Forum geschrieben habe: "Ich meine es ernst, Bernd - ich habe Waffen hier, und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen." Weiter habe es geheißen: "Merkt Euch nur den Namen des Orts: Winnenden."
Täter erschießt neun Schüler und drei Lehrerinnen
Am Mittwoch um 9.30 Uhr jedenfalls dringt Tim K. in seine ehemalige Schule, die Albertville-Realschule in Winnenden, ein und erschießt mit der Beretta seines Vaters neun Schüler - die meisten davon Mädchen - und drei Lehrerinnen. Als die Polizei das Schulgebäude stürmt, flieht er zunächst zu Fuß zu einem nahegelegenen psychiatrischen Krankenhaus, wo er auch eine Male zur Behandlung war, wie später mitgeteilt wird. Dort erschießt er einen Gärtner vor dem Gebäude.
Danach beginnt eine Verfolgungsjagd mit der Polizei, bei der er den 41-jährigen Autofahrer Igor W. als Geisel nimmt und ihn zwingt, ihn mit seinem VW Sharan zur Flucht zu verhelfen. Es beginnt eine zweistündige Fahrt durch die schwäbische Provinz: auf der B14 in südliche Richtung nach Waiblingen, dann nach Stuttgart, von dort über die A81 nach Böblingen, nach Tübingen, Nürtingen, dann nördlich auf der B313 nach Wendlingen am Neckar. Igor W. hat Todesangst. Als sie bei ihrer Fahrt über die Autobahn in einen Stau kommen, fragt K., ob er "Spaß machen und ein paar der daneben stehenden Autofahrer erschießen" solle, berichtet die Geisel später.
Rettung am Autobahnzubringer
Schließlich seien sie an einer stehenden Polizeistreife vorbeigekommen. Der Fahrer habe die Gelegenheit genutzt und das Auto auf ein Rasenstück am Rande des Autobahnzubringers gesteuert. Dann sei er aus dem noch rollenden Auto herausgesprungen und auf die Polizisten zugelaufen. Der Täter habe die entgegen gesetzte Richtung eingeschlagen.
Die Polizei überprüft derzeit noch, ob der Vater des Täters seine Waffen gut genug gesichert hatte. Seinen Angaben zufolge waren seine Pistolen und Gewehre - für alle hatte er einen Waffenschein - in zwei Tresoren mit Zahlenschlössern. Eine Pistole soll er im Schlafzimmer gelagert haben. Im Haus sollen über 4600 Schuss Munition gelagert gewesen sein. Wenn die unsachgemäße Verwahrung der Waffe es dem Jungen möglich gemacht hat, seine tat zu begehen, könnte der Vater wegen fahrlässiger Tötung angeklagt werden. Noch laufen allerdings keine Ermittlungen gegen den Vater.
Derzeit werten Ermittler die Festplatte von K.s PC aus. Darauf hätten sich auch Spiele wie "Counter-Strike" befunden. Zudem habe die Polizei im Zimmer des 17-Jährigen Gewalt-, aber auch Unterhaltungsfilme gefunden. Dazu pornografisches Material, "aber nicht in einem Umfang, der besonders herauszustellen wäre", wie es bei der Pressekonferenz hieß. Interessant erscheine in diesem Zusammenhang, dass auch Aufzeichnungen mit Titeln wie "Tod aus Spaß" gefunden worden seien.