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Die Kulturnation musste wieder zusammenfinden

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20 Jahre Deutsche Einheit: Sondermünze "Wir sind ein Volk" (Grafik: dpa/t-online.de)

Die Kulturnation musste wieder zusammenfinden

27.09.2010, 14:55 Uhr | Wilfried Mommert

Frankfurter Buchmesse: Schild am Stand des Eulenspiegel Verlags (Foto: dpa)

Frankfurter Buchmesse: Schild am Stand des Eulenspiegel Verlags (Foto: dpa)

20 Jahre nach der Einheit ist die ostdeutsche Kulturlandschaft neu erblüht, wie Kulturstaatssekretär Neumann meint. Doch Theater, Orchester und Verlage haben einen schmerzhaften Prozess durchgemacht.

"Das, was die Gesellschaft zusammenhält, ist Kultur." Bundestagspräsident Norbert Lammert sagte das zum 60. Geburtstag der Bundesrepublik. Das kann aber auch für die Zeit des geteilten Deutschland gelten, wie sich auch Literaturnobelpreisträger Günter Grass die Gemeinsamkeiten deutscher Kultur, Geschichte und Traditionen nie hat ausreden lassen.

Dresden war aufblühende Kulturmetropole

"In den Jahren der Teilung waren Kunst und Kultur - trotz unterschiedlicher Entwicklung der beiden Staaten in Deutschland - eine Grundlage der fortbestehenden Einheit der deutschen Nation", heißt es denn auch im Einheitsvertrag. Der sah auch vor, dass die "kulturelle Substanz" im Osten Deutschlands nach der Wiedervereinigung "keinen Schaden nehmen" dürfe.

Dennoch war es in den 20 Jahren seit der Wiedervereinigung ein hartes Stück Arbeit, "dass der großartige kulturelle Reichtum der neuen Länder vielfach wieder so zur Geltung kommt wie es seinem Rang entspricht", wie es Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in einer Bilanz formuliert. Das zeigt zum Beispiel ganz besonders Dresden, das als aufblühende Kulturmetropole wieder stark von sich reden macht.

Verlage stark beschädigt

Die - in der DDR staatlich gesteuerte - ostdeutsche Verlagslandschaft aber nahm ziemlich großen Schaden, wie der Berliner Verleger Christoph Links in seiner Dokumentation "Das Schicksal der DDR-Verlage" betont. Danach überlebten von 78 DDR-Verlagen, die vor dem Fall der Mauer 1989 eine (staatliche) Lizenz hatten, nur ein Dutzend. Vor allem die Buchstadt Leipzig hat es dabei getroffen, wenn auch die Leipziger Buchmesse ihren eigenen kulturellen Stellenwert gegenüber der allmächtigen internationalen Frankfurter Buchmesse trotzig behauptet hat.

Ganz abgesehen von dem unseligen "deutschen Literaturstreit" nach der Wende, bei dem Literatur Ost gegen Literatur West aufgerechnet wurde und dabei auch so angesehene Autoren wie Christa Wolf ins Visier gerieten. Dafür reüssierten Autoren wie Thomas Brussig, Uwe Tellkamp und Ingo Schulze "gesamtdeutsch".

"Ohne Schmerzen ist es nicht gegangen"

In der Bildenden Kunst gab es zeitweilig einen "Bilderstreit" mit der Streitfrage, wer denn in Deutschland die "bessere" oder "richtige" Kunst, also "keine Staatskunst", gemacht hat. Jüngere Künstler wie Neo Rauch setzten sich bald auch international über diese Streitereien hinweg. Im Schauspielbereich hat es zwar viele Karrieren hart getroffen, aber es gibt auch Beispiele für ein "Ankommen" in der gesamtdeutschen Bühnen-, Film- und Fernsehlandschaft wie Ulrich Mühe, Winfried Glatzeder, Jaecki Schwarz, Peter Sodann oder Jutta Hoffmann.

Auch jetzt noch sind Ungleichheiten in der Kulturlandschaft in Ost und West unverkennbar, auch wenn inzwischen der Druck auf die Haushalte und ihre Kulturausgaben in ganz Deutschland spürbar wird. Insgesamt aber sind zum Beispiel die Theater- und Orchesterlandschaft zusammengewachsen, sagt der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin. "Die Lage ist stabil, aber ganz ohne Schmerzen ist es nicht gegangen." Dazu gehörten Gehaltsverzicht, Schließungen von Theatern oder einzelnen Sparten.

"Fusionspotenziale scheinen ausgeschöpft"

Einen Unterschied sieht Bolwin auch in der Tatsache, dass es vor allem in den neuen Ländern noch große Theater mit relativ vielen Mitarbeitern in kleineren Standorten gibt wie zum Beispiel Meiningen oder Nordhausen in Thüringen. So gab es auch Fusionen wie Greifswald/Stralsund oder Quedlinburg/Halberstadt und Gera/Altenburg. Und bundesweit sind laut Bolwin in den vergangenen 15 Jahren immerhin 7.000 Mitarbeiter in den deutschen Theatern und Orchestern "abgebaut" worden auf jetzt noch 38.000, eine Reduzierung um 18 Prozent.

Die "Fusionspotenziale bei benachbarten Orchesterstandorten scheinen weitgehend ausgeschöpft", wie Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV), in der Zeitschrift "Das Orchester" (Oktober) betont. Weitere Zusammenlegungen über größere Entfernungen seien sinnlos, da dann die künstlerische Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes "auf der Strecke bleibt". Und Gehaltsverzicht zum Erhalt der Arbeitsplätze ist für Mertens "nicht auf Dauer zumutbar".

"In der Tat sind das blühende Landschaften"

Der langjährige Kapellmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, Kurt Masur, ein Protagonist der friedlichen Revolution 1989, meint in der Zeitschrift unter anderem: "Die Ost-West-Unterschiede spielen keine große Rolle mehr, obwohl die West-Orchester insgesamt besser dastehen. Aber die Situation ist heute nicht mehr so sicher. Den Orchestern fehlt es an finanzieller Unterstützung, die Musiker haben mehr Geldsorgen als künstlerische Ziele."

Das sieht der heutige Kulturstaatsminister Neumann (sein Amt wurde erst 1998 geschaffen) naturgemäß etwas anders. "Von der Ostsee bis zum Erzgebirge ist die Kulturlandschaft in ihrer Substanz regelrecht neu erblüht, in der Tat sind das blühende Landschaften", sagte er. "Vom Wörlitzer Park bei Dessau bis zum Pücklerpark Bad Muskau, vom Neuen Palais in Potsdam bis zur Dresdner Frauenkirche, vom Grassi Museum in Leipzig bis zum Meeresmuseum in Stralsund - in allen neuen Bundesländern und in der Hauptstadt Berlin kann man diese herausragende Gemeinschaftsleistung, die durch die Einheit möglich wurde, bewundern.

"Prozess noch nicht am Ende"

Mit großer finanzieller Unterstützung des Bundes konnten vor allem die erheblichen baulichen Rückstände bei der kulturellen Infrastruktur und dem Erhalt von Kulturdenkmälern überwiegend aufgearbeitet werden", meinte Neumann. Er verweist in diesem Zusammenhang auf "kulturelle Leuchttürme" wie die Berliner Museumsinsel, ein Weltkulturerbe, die Klassik Stiftung Weimar oder auch die Franckeschen Stiftungen in Halle. Aber Neumann weiß auch und verschweigt es nicht - "auch nach 20 Jahren ist dieser Prozess aber noch nicht abgeschlossen".


Quelle: dpa

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