
21.11.2010, 12:20 Uhr | Von Anna Fischhaber, Spiegel Online
Die Grünen im Umfragehoch haben ein Problem: Wer soll die in Aussicht stehende Posten besetzen? (Foto: dpa)
Vor dem Bundesparteitag fühlen sich die Grünen schon fast wie eine Volkspartei: Die Zustimmung zur einstigen Protesttruppe wächst - und damit die Chance auf politische Ämter. Fragt sich allerdings, wer die künftig besetzen soll, denn fähiger Nachwuchs ist - vor allem für die hinteren Positionen - Mangelware.
"Das ist die einzige Partei, mit der ich mich noch identifizieren kann", sagt ein junger Mann und gießt sich Kaffee aus der knallgrünen Thermoskanne nach. Der Luft- und Raumfahrtstudent mit Gelfrisur und Polohemd ist neu bei den Grünen. Genau wie die Sozialarbeiterin mit den kurzen roten Haaren. Mit 18 war sie auf ihrer ersten Atomdemo, nun, mit 53, will sie wieder gegen Kernkraft kämpfen.
Ein Bezirksbüro in Berlin-Steglitz. Die Grünen haben die Neuen, vom Aktivisten in Pension bis zum gut integrierten Jungtürken mit Hornbrille, zum Grundlagenunterricht geladen. Das Thema ist für einen Samstagnachmittag eher zäh: Es geht nicht um große Visionen, sondern die Parteiarbeit im Kleinen. Dennoch müssen immer neue Stühle aus dem Nebenzimmer geholt werden. "Wer mitarbeiten will, muss wissen, dass wir den Frust der Bürger auffangen", warnt Kreisgeschäftsführer Ronald Wenke. "Aber eine Partei ist auch Familienersatz", sagt er dann und lächelt aufmunternd in die Runde.
Der politische Crashkurs in Steglitz hat seinen Sinn. Die Grünen stehen vor einem Problem: Immer mehr Wähler laufen ihnen zu. Und der aktuelle Boom beschert der Partei nicht nur gute Stimmung, sondern auch einen enormen Bedarf an neuem Personal. Er wolle nicht verhehlen, "dass wir eine Menge Baustellen haben", sagte Grünen-Chef Cem Özdemir kürzlich in einem Interview, und "mit demselben Apparat wie bei 10,7 Prozent nach der Bundestagswahl" arbeiten. "Aber unsere Leute sind sehr gut", fügte er hinzu.
Fragt sich bloß, ob die reichen. Sechs Landtags- und vier Kommunalwahlen stehen im Superwahljahr 2011 an. Umfragen zufolge haben die Grünen in Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz gute Chancen, wieder in den Landtag einzuziehen. In Berlin und Baden-Württemberg könnte sich die Zahl der Abgeordneten verdoppeln. Die Zeit als Juniorpartner ist für die einstige Protestpartei vorbei, neue Mandatsträger werden gebraucht. Auf Bundesebene, wo hohe Diäten winken, ist das kein Problem. Anders sieht es in den Landesverbänden und auf kommunaler Ebene aus.
Beispiel Berlin: Woher soll der Senator mit Migrationshintergrund kommen, der an der Seite von Renate Künast mit Fachwissen glänzt? Oder der Kommunalpolitiker, der für ein paar Euro Aufwandsentschädigung mehrstündige Ausschusssitzungen über sich ergehen lässt? "Bislang war die Parteiarbeit klein, aber fein" sagt Wenke aus Steglitz. "Jetzt müssen wir neue Leute aufnehmen und sie schulen." Setzt sich der Trend bis zur Wahl 2011 fort, könnte nicht nur Künast Regierende Bürgermeisterin in Berlin werden, auch die grüne Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf würde von derzeit neun auf etwa doppelt so viele Mandatsträger wachsen. Und die müssen irgendwo herkommen.
Dabei sieht die Lage in der Hauptstadt, wo die Mitgliederzahlen sprunghaft gestiegen sind, noch relativ rosig aus. Zumindest verglichen mit Sachsen-Anhalt. Hier betreibt der Landesverband noch grünen Aufbau Ost. Mit rund 500 Mitgliedern ist er kaum größer als in Friedrichshain-Kreuzberg. Knapp 200 arbeiten in der Partei mit. Nun steht nach 13 Jahren der Wiedereinzug ins Parlament bevor. Der Personalbedarf wächst. Doch bislang sind selbst die Kandidaten auf der Landesliste, unter ihnen auch einige Stadträte, wenig bekannt.
Ähnlich geht es den Grünen in Baden-Württemberg, dabei hat der Landesverband dort eine lange Tradition. Fraktionschef Winfried Kretschmann könnte bald der erste grüne Ministerpräsident überhaupt werden. Praktisch über Nacht wurde er zum Hoffnungsträger wider Willen. "Winfried wer?", fragen allerdings noch immer viele außerhalb der Landesgrenzen.
Wahrhaben will dieses Problem bei den Grünen noch niemand so recht. "Wir haben genug gute Leute", sagt die politische Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke. "Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass, wenn sich sämtliche Umfragen in Wahlergebnissen widerspiegeln, es auch mal einen Engpass geben könnte", schiebt sie dann hinterher. "Den werden wir dann aber beheben." Auf der Homepage der Grünen wird Lemke deutlicher - und ruft dazu auf, im "heißen Herbst" neue Mitstreiter zu werben.
"Die Umfragen haben uns schon zum Nachdenken gebracht", sagt auch der Berliner Landesgeschäftsführer André Stephan angesichts der neuen Herausforderungen, die auf die Grünen zukommen. Er weiß: Eine Volkspartei lebt von ihren aktiven Mitgliedern. Und laut Umfragen sind die Grünen auf dem besten Weg, eine Volkspartei zu werden. Sie waren von Anfang an gegen Atomkraft, gegen Stuttgart 21. Das gefällt neuerdings vielen Wählern. Laut Forsa-Umfrage für RTL und "Stern" würden derzeit 22 Prozent für die Öko-Partei stimmen.
Auch die Mitgliederzahl wächst, inzwischen hat die Partei die 51.000 geknackt. Doch die Basis ist immer noch dünn. Zu dünn. Nach wie vor sind die Grünen die mitgliederschwächste Partei in Deutschland. Zum Vergleich: Die SPD hat mehr als eine halbe Million Genossen - und das obwohl sie bundesweit nur noch auf drei Prozent mehr als die Grünen kommt. Selbst FDP und Linke schaffen es jeweils auf mehr als 70.000 Mitglieder.
Zudem ist der grüne Nachwuchs überdurchschnittlich jung. Zwar wollen laut einer Studie der Grünen 43 Prozent der Neumitglieder die Partei mitgestalten, doch das sagt nichts über deren politische Erfahrungen aus. Auch die FDP stand nach den enormen Zuwächsen bei den letzten Bundestags- und Landtagswahlen vor einem personellen Engpass. Nicht jeder, der dann ein Amt bekam, war darauf vorbereitet. Leichter hat das die Arbeit der Liberalen nicht gemacht.
Bei den Grünen will man sich nicht blamieren. Auf dem Bundesparteitag in Freiburg soll deshalb am Wochenende ein Haushaltsentwurf für eine "Grüne Weiterbildungsoffensive" verabschiedet werden. Die Partei will effektiver und professioneller werden - über Patenschaften für den Nachwuchs, Rhetorikkurse für Landesvorstände oder Weiterbildungsgutscheine für Kommunalpolitiker. Eine bundesweite Personaloffensive gibt es aber nicht.
In Berlin kümmern sich deshalb die Bezirke selbst um den Nachwuchs. Es gibt eine Mitmach-AG in Mitte, ein Mentorenprogramm in Tempelhof-Schöneberg und Seminare in Steglitz-Zehlendorf. Überall sollen erfahrene Kommunalpolitiker die Neuen an die Hand nehmen und zu Helfern machen - so wie Kreisgeschäftsführer Ronald Wenke. Nervös nestelt er an seinem Laptop, auch für ihn ist so ein Politik-Crashkurs neu. "Die anderen Parteien, die großen, haben mit ihren Ortsverbänden eine Ebene mehr", erklärt er. Der Luft- und Raumfahrtstudent lächelt verwundert, auch die Sozialarbeiterin scheint überrascht.
Für viele hier gehören die Grünen längst zu den Großen. Aber daran muss sich mancher Altgedienter in der Partei wohl noch gewöhnen.
Quelle: Spiegel Online
Erinnert euch schrieb:
am 19. November 2010 um 22:02:17
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Özdemir
Ein normaler Bürger mit der rechtlichen Vergangenheit eines Cem Ö säße in Haft, anstatt das Maul aufzureißen!
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Werner schrieb:
am 19. November 2010 um 21:57:06
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Politik
Im Gegensatz zu den korrupten und unfähigen Parteien CDU und SPD haben die Grünen hervorragende Leute.
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Hella schrieb:
am 19. November 2010 um 21:37:12
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grüne gewinnen oh Gott
Oh Gott wenn die gewinnen dann können wir alle einpacken.Waren die nicht auch für Drogen legalisieren Leute da
geht es dem Volk dreckig wenn die gewinnen sollten.
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