Ein deutscher Soldat der schnellen Eingreiftruppe im afghanischen Marmal-Gebirge (Foto: dpa)
Nach dem Tod von drei Soldaten bei einem Gefecht nahe Kundus hat Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) eine härtere Gangart am Hindukusch angekündigt. Doch tatsächlich hat die Bundeswehr ihre Taktik in Afghanistan längst geändert. Auf die zunehmenden Angriffe von Aufständischen reagieren die Soldaten offensiver. Statt möglichst zügig den Schauplatz zu verlassen und sich im gut geschützten Feldlager in Kundus zu verbarrikadieren, liefern sie sich offene Feuergefechte mit den Angreifern.
Der Norden Afghanistans, in dem die Bundeswehr seit 2002 den Wiederaufbau absichern soll, galt lange als vergleichsweise ruhig. Wurden die Soldaten angegriffen, dann zogen sie sich in ihre Lager zurück. Sie sahen sich aus politischen Gründen eher in der Rolle der Helfer.
Als die Lage dann auch im Norden Afghanistans immer schwieriger wurde, entschieden die Kommandeure vor Ort im vergangenen Jahr, mehr Soldaten nach draußen zu schicken. Sie fuhren häufiger Patrouille und bewegten sich in abgelegenere Dörfer. Das Ziel: Präsenter in der Fläche zu sein und so Stärke zu demonstrieren. Ingesamt ist das Gebiet im Norden, in dem die Bundeswehr die Verantwortung trägt, halb so groß wie Deutschland.
Deutsche Soldaten immer häufiger im Visier
Die höhere Präsenz führte in den vergangenen Monaten unter anderem dazu, dass die Bundeswehr immer häufiger Ziel der Taliban wurde. Seit Anfang des Jahres wurden fast 40 Anschläge verübt, die meisten im Raum Kundus. Aus Pakistan rückten verstärkt Kräfte in die von der Bundeswehr kontrollierte Region nach, sagte Verteidigungssprecher Thomas Raabe. Die Angreifer wollten im Bundestagswahlkampf eine Abzugsdebatte provozieren.
Schusswaffen statt Raketen
Statt nur Raketen in Richtung Feldlager zu schießen, benutzen die Aufständischen inzwischen Schusswaffen und Panzerfäuste. Zudem planen sie ihre Angriffe präziser. So greifen sie nicht aus einem Hinterhalt, sondern beispielsweise von mehreren Hügeln und gleichzeitig aus verlassenen Häusern an. Einfach mit dem Dingo "durchzubrechen", wie es im Fachjargon heißt, wird für die Soldaten schwieriger.
Anweisungen sehen defensives Verhalten vor
Der Theorie nach sollen sich die deutschen Soldaten eher defensiv verhalten. Derzeit trägt jeder Soldat eine Taschenkarte mit sich, in der die Anwendung militärischer Gewalt geregelt ist. Dort heißt es: "Im Rahmen der Nothilfe dürfen Sie Angriffe gegen jedermann abwehren, die lebensgefährdend sind oder auf schwere körperliche Beeinträchtigung abzielen." Zur Selbstverteidigung und bei Nothilfe dürfen Schusswaffen benutzt werden.
Direkte Schusswechsel
Doch die Realität sieht oft anders aus. Die Auseinandersetzung habe eine neue Qualität bekommen, sagt der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD). Dasselbe konstatiert der Bundeswehrverband. "Das sind Gefechte, wo militärisch organisierte Taliban offen auftreten und offen auf die Soldaten schießen und diese dann zurückschießen müssen", sagt ein Sprecher.