Die Bucht von Rio de Janeiro verkommt zur Müllkippe
09.03.2008, 11:45 Uhr
Die Copacabana ist der berühmteste Strand der Bucht (Quelle: imago)Die Kulisse ist ein Traum: Weißer Sandstrand erstreckt sich an der Meeresbucht von Rio de Janeiro am Fuße des Zuckerhuts. Doch die Idylle täuscht. Das Wasser der Bucht gleicht einer stinkenden Brühe, die so schmutzig ist, dass vom Baden meist abgeraten wird. Den Fischern gehen inzwischen genauso viele Abfälle wie Fische ins Netz. Ein sündhaft teures Sanierungsprogramm hat bislang wenig bewirkt, und so verkommt die Guanabara-Bucht zur Müllkippe.
Ungefiltert gelangt der Dreck ins Wasser
Ein Großteil der Abwasserkanäle der Zehn-Millionen-Metropole fließt bislang direkt und ungeklärt ins Meer. "Die Verschmutzung ist vielfältig", klagt Carlos Minc, seit einem Jahr Umweltminister in der Regierung des Bundesstaates Rio de Janeiro. Er will nicht länger hinnehmen, dass Abwässer, Abfälle, Pestizide und Speiseöl ungefiltert im Wasser landen. Auch der Dreck der zahlreichen Fabriken und der dichte Schiffsverkehr belasten das Meer.
"Die Plastiktüte ist die schlimmste Erfindung"
Vor allem die Fischer leiden unter der schlechten Wasserqualität. Sie müssen in einer trüben Brühe fischen, die oft genug zum Himmel stinkt. Wenn sie Glück haben, holen sie Fische aus dem Wasser. Fast genauso häufig aber haben sie Müll an der Angel. Joaquim Popo ist einer dieser Fischer und kennt die Guanabara-Bucht wie seine Westentasche. Er kann zusehen, wie sie dahinsiecht, jeden Tag ein bisschen mehr. "Schauen Sie, was wir so aus der Tiefe holen. Müll!", seufzt der 56-Jährige, während er die Angelroute einholt. Er deutet auf einen gelben Plastiksack, der am Haken baumelt. "Das ist das Schlimmste, was der Mensch erfunden hat: die Plastiktüte."
Die Kanalisation funktioniert nicht
Eigentlich läuft seit 1995 ein Programm zur Sanierung der 380 Quadratkilometer großen Bucht von Guanabara. Doch obwohl mehr als eine Milliarde Dollar investiert wurden, lassen Erfolge auf sich warten. Zwar seien Kläranlagen eingeweiht worden, berichtet der langjährige Umweltschützer Minc. Ein funktionierendes Kanalisationssystem aber gebe es immer noch nicht. Schuld seien Schlampereien bei der Planung der Bauten und die dabei verwendeten, drittklassigen Materialien.
Noch eine Milliarde für eine neue Kläranlage
Ursprünglich war angepeilt, den Anteil der gefilterten Abwässer von 15 auf 50 Prozent zu erhöhen. Geschafft wurden binnen zwölf Jahren aber gerade mal 30 Prozent. Jetzt wären die Planer schon zufrieden, wenn sie es schafften, bis 2011 die Hälfte der Abwässer zu reinigen. Dafür muss der Bundesstaat Rio aber eine weitere Milliarde Dollar drauflegen. Immerhin soll im Juni eine neue Kläranlage in Betrieb gehen und die Bucht von großen Mengen Abwässern reinigen.
Initiative recycelt Speiseöl
Lichtblick für die gebeutelte Bucht ist auch eine Initiative, die in Restaurants und Hotels verwendetes Speiseöl sammelt und zu Seife oder Biodiesel weiterverarbeitet. Rund zwei Millionen Liter Pflanzenöl verstopfen nämlich Jahr für Jahr die Kanalisation und verschmutzen das Meer. 500 Leute arbeiten in dem Programm, das bald auch auf Privathaushalte ausgedehnt werden soll.
Umweltschützer hat eine lange To-do-Liste
Doch mit einer Initiative ist es nicht getan. "Es gibt nicht eine Sache zu tun, sondern zehn. Das Kanalisationssystem, die Abfälle, die Aufklärung der Leute in Umweltfragen", beginnt Minc aufzuzählen. Auch müssten die Flüsse sauberer und die Wälder größer werden. Der Umweltminister will, dass die Unternehmen in Umweltfragen streng kontrolliert werden und dass die einzelnen Gemeinden beim Gewässerschutz an einem Strang ziehen.
Auch die Bürger müssen mitmachen
Aber ohne die Unterstützung der Bevölkerung laufe gar nichts, sagt Minc. "Wenn wir die Flüsse reinigen, die in die Bucht münden, finden wir alles Mögliche: Autos, Fernsehgeräte, Autoreifen, Kühlschränke. Alle Welt schmeißt alles in die Flüsse." Nicht nur Politik und Wirtschaft seien gefragt, sondern alle Bürger.
Baden soll wieder möglich sein
Auch an diesem Tag wird von einem Bad in der Bucht abgeraten. Der Minister wünscht sich, dass es mit solchen Warnungen bald vorbei ist. Sein Ziel ist es, dass in fünf Jahren zumindest einige der Strände bedenkenlos besucht werden können. In zehn Jahren will er den Badespaß wieder an allen Stränden der Bucht ermöglichen.