Startseite Jetzt online bestellen und 10% Rabatt sichern

Sie sind hier: Home > Nachrichten >

Deutschland, deine Leitkultur: Sehnsucht nach Identität

...

Sehnsucht nach Identität

29.10.2010, 11:15 Uhr | von Matthias Matussek

Goethe und Schiller-Denkmal in Weimar: "Lässiges Abwerfen unserer kulturellen Identität" (Foto: dpa)

Goethe und Schiller-Denkmal in Weimar: "Lässiges Abwerfen unserer kulturellen Identität" (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Nur ein paar Wochen hat es gedauert, bis Thilo Sarrazins Buch von der Kanzlerin doch noch als äußerst hilfreich erkannt wurde. Genauer: ein paar Wochen und eine Million verkaufter Exemplare. Der Autor ist zwar nach wie vor geächtet, aber sein Buch ist das politische Brevier des Tages, denn nun läuft der ganz durchschaubare politische Opportunismus zur Höchstform auf: Ob Merkels CDU oder Gabriels SPD, die Parteien übergipfeln sich derzeit in Forderungen nach hartem Durchgreifen gegen Integrationsverweigerer, ja, sie überholen Sarrazin rechts und links wie im Schlussspurt einer Radtour. Rund eine Million Buchkäufer – was für ein Wählerpotenzial!

Mit Sarrazins melancholischer Warnung Deutschland schafft sich ab kehrt jedoch noch ein weiterer Begriff in die Arena zurück, der einst ebenfalls – gemeinsam mit seinem Erfinder Friedrich Merz – vor die Tür gesetzt wurde: der der Leitkultur. Den fand man nationalistisch und sogar rassistisch. Jetzt spricht sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel in Talkshows so gewichtig von Leitkultur, als habe er den Begriff selber geprägt. Für die CDU wird sie ein zentraler Begriff auf dem kommenden Parteitag sein.

Ja, der politischen Kaste dämmert allmählich, dass eine der eigentümlichsten Unterströmungen der Globalisierung darin besteht, dass die Sehnsucht nach Identität wächst. Anders gesagt: Je internationaler die Welt, desto nationaler das Gefühl. Sarrazins Buch ist eines, das dieses Bedürfnis spiegelt. Wir Deutschen hatten dieses Gefühl bisher, argwöhnisch beäugt von politisch korrekten Sprachaufsehern und Gesinnungspolizisten, von rechten Randgruppen verhandeln lassen und dort unter der Ladentheke.

Dabei ist die Reflexion auf das Eigene ein so natürlicher Impuls, dass er nahezu als anthropologische Konstante angesehen werden kann. Es ist wie auf der Website von earth.google.com: Man hat den ganzen Planeten, aber man versucht zuerst, das eigene Land, die eigene Stadt, das eigene Haus zu orten. Man versucht, sich selber auf den Kopf zu schauen, und das ist fremd genug und genau das, wovon der Prinz träumt in Büchners Leonce und Lena. Man will erst mal das kennenlernen, wo man herkommt.

Wir müssen uns identifizieren

Und nun stellt sich die Identitätsfrage neu. Und zwar durch die Migranten, die wir integrationsunwillig nennen. Durch diejenigen also, die nun ihr Eigenes in unsere Gemeinschaft importiert haben. Ihre Religion, ihre Sitten, ihre Traditionen, ihre Sprache. Und die daran ganz natürlich festhalten. Sie sollen nun so deutsch wie möglich werden. Allerdings, und da hat die türkische Journalistin Mely Kiyak völlig recht: Wieso erwartet man von uns überhaupt, dass wir uns mit Deutschland identifizieren, wenn selbst die Deutschen es nicht tun?

Wo sie recht hat, hat sie recht. Wir haben Probleme mit uns. Tradition? Eher nicht. Wie schreibt man Goethe noch mal? Hat Schillers Wallenstein tatsächlich ein Maschinengewehr gehabt, wie wir es im Theater gesehen haben? Darf man im Kölner Dom rauchen? Es sieht so aus, als müssten wir erst mal eine Leitkulturdebatte mit und für uns selber führen.

Wir hatten uns nach der Hitlerkatastrophe daran gewöhnt, das lässige Abwerfen unserer kulturellen Identität als demokratischen Erziehungserfolg zu feiern. Nie wieder Deutschland. Die Älteren tauchten ein in das Vergessensbad Tiroler Trachtenfilme, die Jüngeren in die amerikanische oder britische Popkultur, wir waren entweder regional oder global, nur deutsch möglichst nicht mehr.

Die große Ausstellung im Historischen Museum 2006 zur deutschen Geschichte hat das geändert. Sie lieferte Koordinaten für ein neues, ein unverkrampfteres Nationalgefühl, für das also, was als Leitkultur gelten kann.

Nach seinem Diplom an der Deutschen Journalistenschule begann Matthias Matussek 1977 seine journalistische Karriere als Kulturredakteur beim Berliner Abend. Später arbeitete er für den "stern" und ging 1987 zum "Spiegel". Er war Sonderkorrespondent in Ostberlin und leitete die Büros in New York, Rio de Janeiro und London. In New York war er ebenfalls für amerikanische Medien tätig. Von 2005 bis 2007 leitete er das Kulturressort beim "Spiegel". Matussek ist Autor zahlreicher Publikationen wie "Wir Deutschen. Warum die anderen uns gern haben können" und ist noch heute beim "Spiegel".


von Matthias Matussek  

Inhalt versenden Versenden
Leserbrief An die Redaktion
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus.
Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Diese Mail an
mailing-ifrarr
Artikel versenden
Empfänger
Absender
Name
Name
E-Mail
E-Mail
Nachricht
 

"Deutschland, deine Leitkultur: Sehnsucht nach Identität" verlinken

Verlinken Sie uns, wenn Ihnen der Artikel "Deutschland, deine Leitkultur: Sehnsucht nach Identität" gefallen hat.

 
schließen

Kommentare (31)

zum Forum

Thema: "Deutschland, deine Leitkultur: Sehnsucht nach Identität"

seemine schrieb: am 29. Oktober 2010 um 19:22:32
(0) (0) @Tom
@Tom.Was lernen aus der Vergangenheit.? Nach dem Krieg geboren, geht mir Vergangenes am Hintern vorbei. Kollektivschuld absolut
schwachsinnig. Ergebnis siehe heutiges Tagesgeschehen in der Politik. Fühle mich absolut unschuldig. Ich lebe hier und heute und denke an die Zukunft. Lernen Sie mal ruhig weiter. Schönen Abend noch.
mehr Kommentar melden

Seemine schrieb: am 29. Oktober 2010 um 19:05:44
(0) (0) @Benni
@benni . Das ist nur deine einsame Meinung. Die interessiert so" ob in China ein Besen umfällt. Objektivität??? Haste vielleicht
deine Sarah Wagenknecht oder Claudia Roth Brille beim Lesen aufgehabt?
mehr Kommentar melden

Rentner schrieb: am 29. Oktober 2010 um 19:01:43
(0) (0) Identität
Seit 1945 habe ich als ehemaliger Bürger des Dritten Reiches einen Traum. ich möchte mich wieder voll aufrichten können und in
den Spiegel sagen können: Ich bin ein Deutscher. Seit dem 2. Weltkrieg wurde die Kraft des natioinalen Gedankens von den Siegermächten gebrochen. Es wurde den Deutschen die Sicht der Sieger aufgezwungen, das kollektive, geistig-moralische Schuldgefühl etabliert. Wie soll das Volk seine Identität herleiten, wenn es unter kriminellem Generalverdacht steht
mehr Kommentar melden

alle Kommentare
Seite:

Kommentar schreiben

Name
Betreff
Kommentar: (Maximal 500 Zeichen)

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Haken

Vielen Dank. Ihr Kommentar wurde versendet!

Kommentar schreiben



Zu diesem Artikel/Thema können keine weiteren Kommentare mehr abgegeben werden.

Kommentar melden

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

 

Haken

Vielen Dank! Ihr Hinweis wurde von der Redaktion entgegengenommen.
mailing-ifrarr

Shopping

Einkaufswelt
Riesiger Fernsehgenuss
Knüller knallhart bei euronics.de

Tolle Bildqualität & kleiner Preis: 94 cm Grundig-LCD-TV (EEK: C) jetzt nur 555,- €. bei euronics.de

Einkaufswelt
14,95 €-Gutschein sichern
Gutschein-Aktion bei KLiNGEL.de

Damenmode in den schönsten Sommerfarben - online bestellen und sparen. bei KLiNGEL.de

Einkaufswelt
Premium-Freizeitmode
BRAX - Premium-Mode vom Passformspezialisten

Attraktive und sportive Mode für Sie und Ihn: kompromisslose Qualität, die überzeugt. zum Special

Einkaufswelt
Hier sparen Sie bis zu 90%
Bildschöne Mai-Schnäppchen zum kleinen Preis - bei Hugendubel.de

Bildschöne Mai-Schnäppchen: Bücher, Tablet-PC, eBook-Reader und mehr. bei Hugendubel.de


Downloads & Shops

Minus 29%: CutOut PRO
CutOut PRO (Quelle: Softwareload)

Der Meister für feinste Freistellungen und präzise Montagen. mehr

Historische Traktoren
Agrar Simulator: Historische Landmaschinen (Quelle: Koch Media)

Landmaschinen der 50er bis 70er Jahre fahren. Spiel jetzt kaufen

Badeurlaub in Kroatien ab 572,- €/P.
Last Minute bei t-online.de Reisen (Quelle: t-online.de)

1 Woche im 4-Sterne- Hotel mit AI und Flug.


Aus anderen Bereichen

Whistleblower gefeu- ert: Firma muss zahlen
Altenpflegerin Brigitte Heinisch (Quelle: dpa)

Altenpflegerin erhält 5- stellige Abfindung. mehr

Es bleibt dabei: Hertha muss in die zweite Liga
Fans stürmen den Rasen beim Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC.

Bizarre Kriegsvergleiche ziehen nicht. mehr


Anzeigen

Anzeige
Themensuche
Anzeige
Einkaufswelt
Unglaubliche Ersparnis
Tiefpreise: Patronen für Canon-Drucker bei druckerzubehoer.de

Bis zu 92% auf Patronen für Marken-
drucker. von druckerzubehoer.de

Augenblicke
Fotos des Tages
Der Formel Eins Bolide des Finnen Heikki Kovalaien wird mit einem Kran von der Fahrbahn gehievt. (Quelle: Reuters\Olivier Anrigo )

Ein Kran hievt einen Boliden von der Strecke. mehr

Special
Die neuen Kriege
US-Soldaten beim Einsatz in Afghanistan (Quelle: Reuters)

Moderne Kriegsführung und moderne Waffen. mehr

Quiz
Rätseln Sie sich schlau!
(Montage: t-online.de)

Quiz bei t-online.de: Testen Sie Ihr Wissen. zur Quiz-Seite

Glücksspiel
Die aktuellen Lottozahlen
(Foto: dpa)

Lotto 6 aus 49, Spiel 77, Super6 und Eurojackpot. zu den Lottozahlen

Anzeige

Zur breiten Ansicht
© Deutsche Telekom AG 2012

Anzeige