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Der Massenmord wird auf der Alb erprobt

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Der Massenmord wird auf der Alb erprobt

29.01.2008, 16:13 Uhr | Von Pierre-Christian Fink, dpa

Auf Schloss Grafeneck, vor 1940 ein Heim für psychisch Kranke und geistig Behinderte, probten die Nazis den systematischen Massenmord. Heute erinnert eine Gedenkstätte daran (Quelle: dpa) Auf Schloss Grafeneck, vor 1940 ein Heim für psychisch Kranke und geistig Behinderte, probten die Nazis den systematischen Massenmord. Heute erinnert eine Gedenkstätte daran (Quelle: dpa)Oft lag schon Dunkelheit über der Schwäbischen Alb, wenn die Todgeweihten in Grafeneck eintrafen. In grauen Bussen wurden psychisch Kranke und geistig Behinderte an den entlegenen Ort gebracht. Möglichst unauffällig sollte alles vor sich gehen. Denn was auf dem Höhenzug bei Reutlingen hinter Stacheldraht geschah, war so grausam, dass es zur "Geheimen Reichssache" erklärt wurde: Zwischen Januar und Dezember 1940 wurden in Grafeneck mehr als 10.000 Menschen ermordet. Qualvoll kamen sie in einer Gaskammer zu Tode. Auf der Alb begann damit der industrielle Massenmord. Hier probten die Nationalsozialisten für die Vernichtungslager im Osten.

Es soll schnell gehen

Januar 1940: In Schloss Grafeneck - bislang ein Heim für "krüppelhafte Männer" - trifft der erste Transport ein. Doch wo bislang Behinderte gepflegt wurden, werden sie nun ermordet. Dazu wurde ein Schuppen zur Gaskammer umgebaut. Kommt ein Transport an, werden die Kranken ausgezogen, gemessen und fotografiert. Schnell soll alles gehen. Der letzte Weg führt in die Gaskammer - angeblich ein Duschraum. Ist die Tür fest versperrt, lässt ein Arzt von außen Kohlenmonoxid-Gas einströmen. Binnen elf Monaten sterben 10.654 Menschen.

Special

Ein eigenes Standesamt

Der Massenmord ist sorgfältig geplant. Nur wenige Meter vom Vergasungsschuppen entfernt wird ein Krematorium eingerichtet. Sogar ein eigenes Standesamt erhält Grafeneck - damit die ungeheure Zahl der Todesfälle keinen Standesbeamten in der Umgebung aufschreckt. Die Planer dieser Tötungsbürokratie sitzen in Berlin, und zwar in der Tiergartenstraße 4 - daher die Bezeichnung "Aktion T4". Unter diesem Tarnnamen wird zunächst in Grafeneck gemordet. Insgesamt fallen dem Rassenwahn weit mehr als 100.000 Geisteskranke zum Opfer - in den Augen der Nationalsozialisten "lebensunwertes Leben".

"Mörder" auf einem Keks

Von einem "Gnadentod" für "unheilbar Kranke" spricht Adolf Hitler beschönigend in einem Ermächtigungsschreiben, mit dem er 1939 die "Aktion T4" in Gang setzt. Doch die Opfer wissen, was tatsächlich geschieht - so wie Theodor K., der in Grafeneck stirbt. Ehe der Schizophrene zusammen mit 74 anderen Patienten in die Gaskammer getrieben wird, schreibt er noch das Wort "Mörder" auf einen Keks. Seine Eltern erhalten die verzweifelte Nachricht mit dem Nachlass.

Gegenwehr nur in Einzelfällen

Während der "Aktion T4" wurden aus ganz Süddeutschland psychisch Kranke und geistig Behinderte nach Grafeneck gebracht. "Gegenwehr, beispielsweise von den Heimleitungen, gab es aber nur in Einzelfällen", sagt der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, Thomas Stöckle. "Es gab wenige, die dagegen vorgegangen sind, und es gab wenige, die es extrem befürwortet haben. Die überwiegende Mehrheit hat einfach mitgemacht." Auch in der Umgebung von Grafeneck erregten die Transporte trotz aller Heimlichkeit rasch Aufsehen. "Was dort geschieht, ist ein Geheimnis und ist es doch nicht mehr", notierte SS-Chef Heinrich Himmler.

Zweck erfüllt

Im Dezember 1940 wurde Grafeneck geschlossen. Für die Nazis hatte die Tötungsanstalt nach elf Monaten ihren Zweck erfüllt: Als "Anstalt A" war Grafeneck Modell für den systematischen Mord an Behinderten - und später für den Völkermord an den Juden. "Die Aktion T4 war die Generalprobe dafür, unerwünschte Menschen zu vernichten", sagt der Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz. Von Grafeneck führe eine direkte Verbindungslinie zum Mord an mehr als sechs Millionen Juden: "Das Personal der sogenannten 'Aktion T4' baute später die Vernichtungslager in Polen auf."

Jahrelang verdrängt

Lange Zeit wurden die Gräuel von Grafeneck verdrängt. Erst in den 60er Jahren entstand in der Nähe des Schlosses eine Gedenkstätte. Bis 1982 sollte es dauern, ehe auch eine Gedenktafel an die Opfer erinnerte. Nach und nach wuchs die Gedenkstätte zum Erinnerungsort für die Opfer des Behindertenmords.

Wieder ein Ort des Lebens

Seit vor rund zwei Jahren ein Dokumentationszentrum eröffnet wurde, ist das Interesse an Grafeneck sprunghaft gestiegen; mehr als 10.000 Gäste zählte die Gedenkstätte im vergangenen Jahr. Rund um das Schloss begegnen die Besucher immer wieder geistig Behinderten und psychisch Kranken. Denn unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Grafeneck wieder zum Pflegeheim. Für hilfebedürftige Menschen ist Grafeneck wieder ein Ort des Lebens.


Von Pierre-Christian Fink, dpa  

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