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Der Fall Sarrazin: Wo ist es nur – das "Juden-Gen"?

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Wo ist es nur – das "Juden-Gen"?

01.09.2010, 11:01 Uhr | Ein Kommentar von Alexander Görlach

Thilo Sarrazins Thesen über das "Juden-Gen" haben überall heftige Diskussionen ausgelöst (Foto: dpa)

Die Debatte um die Abschaffung Deutschlands ist um eine Facette reicher: So wie die Juden ein bestimmtes Gen teilen, so teilen es auch die Muslime. Meint Thilo Sarrazin. Die einen werden Banker, die anderen werden Gemüsehändler. Die Studie, auf die er sich bei seiner Thesenbildung bezieht, hat er falsch verstanden. Positive Eigenschaften oder gute Werthaltungen werden nicht vererbt. Die können alle in demselben Maße erlernen. Oder dabei scheitern.

Hätten Sie gedacht, dass wir noch einmal in der deutschen Öffentlichkeit darüber diskutieren, ob Juden ein bestimmtes Gen teilen? Ich nicht. Bis Thilo Sarrazin kam. Und einen Artikel aus dem Tagespiegel aufgriff, der sichwiederum auf zwei Studien berief, die in den beiden Zeitschriften Nature und American Journal of Human Genetics erschienen waren.

Wovon handeln die Studien? Bis zu ihrer Veröffentlichung ging man in der Forschung davon aus, dass die beiden Hauptströmungen der jüdischen Religion, die aschkenasischen und die sephardischen Juden, sich erst in der Zeit nach der Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) herausgebildet haben. Die Juden in der sogenannten weltweiten Diaspora hätten sich mit den jeweiligen Bevölkerungsgruppen in den neuen Siedlungsgebieten vermischt. Daraus seien diese beiden Großgruppen entstanden. Die Studien, auf die sich der Tagespiegel und infolgedessen Herr Sarrazin beruft, kommen nun zu einem gegenläufigen Ergebnis.

Nirgends ist von Intelligenz und ihrer Vererbung die Rede

Vergleiche mit sieben Gruppen von Juden, die nicht im Nahen Osten leben, mit Juden und Nicht-Juden, die in dieser Gegend leben, haben gezeigt, dass die genetische Ähnlichkeit höher ist, als bislang gedacht. Das widerlegt die These des jüdischen Historikers Schlomo Sand, dass die aschkenasischen und die sephardischen Juden keinen gemeinsamen Ursprung haben. Die heute noch feststellbare Höhe der gemeinsamen genetischen Merkmale lässt den Schluss zu, dass diese Gruppen im Laufe der Zeit stärker unter sich geblieben sind. Allen gemein ist die Ähnlichkeit bestimmter Gen-Cluster. Ähnlichkeit heißt aber nicht: genaue Übereinstimmung. Es gibt also nicht ein oder das Juden-Gen.

Die beiden Studien sagen nichts aus zum Thema Vererbung von Intelligenz. Und sie sagen nichts darüber, dass es etwas wie rassenspezifische Eigenschaften gäbe. Weder allgemein noch solche, die allein und exklusiv auf die Juden übertragbar wären. Die Grenze dessen, was mithilfe von Genen gesagt werden kann, würde dann auch deutlich überschritten, sollte jemand diese Aussage treffen: Menschen werden nicht nur von Genen bestimmt. Die natürliche Umwelt, das soziale Umfeld, Kultur und Religion. Juden verbindet nicht die Biologie, sondern die gemeinsame Religion und ein gemeinsames kulturelles Erbe.

Es gibt ja auch keine französischen Gene

Wo liegt der Fehlschluss in den Annahmen von Herrn Sarrazin? Neben dem Beispiel der Juden, so sagte er es in einer Talkrunde, habe er auch das Beispiel der Engländer, die auch gemeinsame Erbanlagen aufweisen. Daran ist wissenschaftlich nichts Fragwürdiges: Auch die Franzosen haben im Vergleich mit Nichteuropäern genetische Ähnlichkeiten. Sie haben denselben Siedlungsraum und pflanzen sich miteinander fort. Dennoch würde weder der Franzose selbst noch der Nichtfranzose in der Beobachtung des Franzosen alles Französische den Genen zuschreiben. Zusammenhänge weisen immer über den Ist-Zustand hinaus. Das gilt auch für die Türken und die Menschen, die in den Ländern leben, die wir zusammenfassend als arabische Welt bezeichnen. Sie sind es, auf die Herr Sarrazin mit seinem Vergleich eigentlich hinaus will.

So wie wir wissen, dass sich der Genpool eines Individuums aufgrund seiner Erfahrungen innerhalb eines Lebens schon verändern und er diese an seine Nachkommen weitergeben kann, so wissen wir auch, dass die geschichtlichen Prägungen, der Umgang mit Naturkatastrophen, technische Revolutionen den Menschen verändern. So wie die Franzosen etwas verbindet, so verbindet letztlich auch alle Menschen etwas. Denn auch alle Homines sapientes, die heute leben, stammen aus einem Siedlungsgebiet. Alle Menschen haben genetische Ähnlichkeiten.

Gene sind kein Fatum

Wir sind also auch Herr über unsere Gene. Herren über unseren Willen. Es gibt keine Vorherbestimmung zu einem Leben in resignierter Reproduktionsbereitschaft. Es gibt ein erfülltes Leben in einem Gemüsegeschäft mindestens genauso wie in einem Bankenturm. Gene sind nicht produktiv. Menschen sind es. Gene können sich nicht integrieren, Menschen schon.

So sind es auch die kulturellen Prägungen und sozialen Rahmenbedingungen, die Integration verhindern können. Wir wissen, dass es Zuwanderer aus muslimischen Familien schwerer haben, häufiger auffallen, straffällig werden. Wir wissen, dass es im Alltag viele Probleme im Zusammenleben gibt: bei Eheschließungen, bei Konversionen vom Islam zu einer anderen Religion, bei Kopftuch und Burka, beim Sportunterricht für die Mädchen und beim Moscheebau. Das mag an vielem liegen, ganz gewiss auch an den weit verbreiteten Vorurteilen, die es im Islam gegenüber Nichtmuslimen gibt. Es liegt aber nicht an den Genen. Toleranz kann nicht vererbt werden, Herr Sarrazin. Auch von uns Deutschen nicht. Schön wäre es, wenn es dafür ein Gen gäbe.

Der Journalist ist Herausgeber und Chefredakteur von The European. Zuvor war Görlach der Online-Redaktionsleiter des Magazins Cicero und Chefredakteur der BMW-Initiative Club of Pioneers. Seine journalistischen Stationen führten ihn nach New York, London und Rom. Görlach war sieben Jahre lang für das ZDF tätig. Als freier Autor hat Görlach für die FAZ, die Süddeutsche Zeitung und Die Welt geschrieben. Unter anderem war er Pressesprecher der Stiftung des Profifußballers Christoph Metzelder. Der 1976 geborene Journalist ist promovierter Theologe und promovierter Germanist.


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Kommentare (36)

zum Forum

Thema: "Der Fall Sarrazin: Wo ist es nur – das "Juden-Gen"?"

arthur schrieb: am 1. September 2010 um 19:31:06
(0) (0) sarrazin
sein gen-aufhänger war wirklich nicht sehr glücklich. das bedeutet doch nicht daß er mit dem rest falsch liegt.

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Monika schrieb: am 1. September 2010 um 19:14:59
(0) (0) Muslime oder Juden Gen
Warum suchen die Politiker dort den Aufhänger und verurteilen Sarrazin ins gesamt. Sicher nicht jede Ansicht/Meinung
die Herr Sarrazin sagt / geschrieben hat teile ich, aber im Großen u. Ganzen hat er recht mit seiner Aussage. " Deutschland schafft sich selber ab." Unsere Politiker müssen endlich aufwachen und ein sozialverträgliches Einwanderungsgesetz schaffen, wie andere EU-Länder es bereits machen. Deutschland ist ein Christliches Land u. das darf nicht mit Moscheen übersaet werden.
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Leser schrieb: am 1. September 2010 um 19:09:18
(0) (0) @Theo
Habe den Artikel gelesen. Bedenke ich, das "das sefardische Erbgut hat zwischen 711 und 1492 in Spanien und Nordafrika maurische
Prägung erfahren" hat. Interpretiere ich dies als integrationsfähigkeit der islamischen Kultur. Die Fähigkeit der Mauren unbefangen mit anderen "Glaubensangehörigen" zu kommunizieren ist außergewöhnlich. Die Juden wurden nach der wieder Eroberung Spaniens vertrieben. Zum Glück hatten sie die "alten" Schriften der Griechen zuvor mit Hilfe der Mauren ins Latein übersetzt
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