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Der "anatolische Schwabe" ist neuer Grünen-Chef

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Der "anatolische Schwabe" ist neuer Grünen-Chef

15.11.2008, 16:49 Uhr | Von Claudia Kemmer, AP

Cem Özdemir ist neuer Chef der Grünen (Foto: ddp) Cem Özdemir ist neuer Chef der Grünen (Foto: ddp) Es ist eine Deutschland-Premiere: Mit der Wahl des 42-jährigen Schwaben Cem Özdemir zum neuen Parteichef der Grünen steht erstmals ein türkischstämmiger Politiker an der Spitze einer Bundespartei. Der Weg dorthin war holprig.

Noch vor wenigen Wochen hatte die baden-württembergische Landespartei Özdemir einen aussichtsreichen Listenplatz für die Wahl 2009 verweigert und ihm damit eine Rückkehr in den Bundestag vermasselt. Mit einem Wahlergebnis von 79,2 Prozent der Stimmen machte der Parteitag in Erfurt am Samstag diese Schmach wieder gut. Özdemir tritt in die - wie er sagt - "großen Fußstapfen" von Reinhard Bütikofer, der nach sechs Jahren als Vorsitzender nicht mehr antreten wollte.



Über Bonusmeilen-Affäre gestolpert

An Selbstbewusstsein mangelt es dem Realo aus Baden-Württemberg allerdings nicht. "Mediale Zurückhaltung und Schüchternheit sind nicht zwingend Voraussetzung für den Job", sagte er bei seiner Bewerbung. Özdemirs politischer Karriere verlief nicht immer geradeaus. Im Sommer 2002, gerade einmal 36 Jahre alt, stolperte der vielversprechende Jungpolitiker wegen eines günstigen Privatkredits des PR-Unternehmers Moritz Hunzinger und wegen privat genutzter Vielflieger-Meilen. Nach acht Jahren im Bundestag musste er sich zurückziehen.

Özdemir leitete CIA-Ausschuss der EU

Nach einer Schamfrist zog der selbst ernannte "anatolische Schwabe" 2004 für die Grünen ins Europaparlament. Dort befasste er sich mit der großen internationalen Politik. Er war Vizepräsident des CIA-Ausschusses, der sich mit zweifelhaften Praktiken des US-Geheimdienstes beschäftigte. In seine Zuständigkeit fiel die EU-Außenpolitik, die Annäherung der Türkei an die EU und die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Dennoch ist Europa offenbar zu klein für einen, der jahrelang als innenpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag die Strippen zog. "Von Brüssel aus ist der Einfluss auf nationale Debatten leider begrenzt", sagte er in dem Interview. "Das gesamte Parlament wird von der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen."

"Ich bin ein Inländer"

Und wahrgenommen werden möchte der dynamische Schwabe, der am 21. Dezember 1965 als Sohn türkischer Einwanderer in Bad Urach geboren wurde. Mit seinen nun 42 Jahren hat er schon mehrere autobiografische Bücher geschrieben, darunter "Ich bin ein Inländer". 2002 wurde er "Global Leader for Tomorrow" des World Economic Forum.

Özdemir gründete 1981 Grünen-Ortsverein

Der gelernte Erzieher Özdemir holte auf dem zweiten Bildungsweg die Fachhochschulreife nach. Erst als Student begann er ernsthaft, sein Türkisch zu verbessern. Mit 16 Jahren beantragte er die deutsche Staatsbürgerschaft und wurde 1984 deutscher Staatsbürger. Schon drei Jahre zuvor hatte Özdemir seine politische Laufbahn begonnen. 1981 trat er den Grünen bei und gründete einen Ortsverband in Bad Urach. 1994 zog er über einen sicheren Listenplatz in den Bonner Bundestag ein.

Integrationsfähigkeit und Weltläufigkeit gelobt

Özdemir gilt als guter Redner. Er hat trotz einiger Häme angesichts der Hunzinger-Affäre in der Partei viele Anhänger. Unterstützer loben seine Integrationsfähigkeit und Weltläufigkeit. Bei der Listenaufstellung auf dem baden-württembergischen Landesparteitag wurde ihm unter anderem aber angelastet, dass er eine politische Festlegung zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr vermieden hat.

Einziger Kandidat für neuen Posten

Konfliktscheu ist der Schwabe eigentlich nicht. Im Wettbewerb mit dem Berliner Fraktionsvorsitzenden Volker Ratzmann um den Parteivorsitz hatte der Realo zwar die Nase vorn. Dass er aber als einziger Kandidat übrigblieb, lag nicht an seiner Überzeugungskraft, sondern daran, dass Ratzmann seine Bewerbung aus privaten Gründen zurückzog.


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