13.07.2011, 12:53 Uhr | Ein Kommentar von Alexander Görlach, The European
Europa am Rande des Weltgeschehens im 21. Jahrhundert (Karte: The European)
Keine Frage, hier in Washington sieht man die Vereinigten Staaten von Amerika noch als Mittelpunkt der Welt, als Weltmacht. Für die USA, so geht hier der Optimismus, bricht mit dem pazifischen ein neues, spannendes Jahrhundert an. Für Europa auch ...
Die Abwertung der eigenen Währung kommt da gerade recht; der Exporte wegen. Einen Boom soll es geben, nicht nur die in Europa bekannten Player wie China, Indien und Japan sind im Blick. Die Wirtschaft in Peru und Chile wächst. Australien gibt mehr und mehr Geld für seine Marine aus, um die Handelswege sichern zu können. Down under beginnt sich als regionale Macht zu begreifen, während wir in Deutschland immer noch denken, dass die Nachfahren ehemaliger Gefängnisinsassen den ganzen Tag am Strand liegen, Baywatch spielen und Bier trinken. Indonesien und die Philippinen werden von dem neuen Machtzentrum um den ehemals stillen Ozean profitieren.
Auf der Weltkarte gerät Europa, wenn man den Blick wahlweise nach links oder rechts in den Pazifik schweifen lässt, an den Rand des Weltgeschehens - oder fällt gar gänzlich raus. In der Region ist allenfalls die Türkei noch für die USA entscheidend. Präsident Obama habe, so sagt es ein Mann aus einem bedeutenden Think Tank, in den vergangenen Monaten mit Erdogan (Türkei) genauso viel telefoniert wie mit Merkel (Deutschland), Cameron (Großbritannien) und Sarkozy (Frankreich) zusammen. Das verdeutlicht die Bedeutung, die die Alte Welt geostrategisch in Zukunft haben wird. Das heißt nicht, dass man sich emotional voneinander verabschieden muss. Aber auf der Interessensagenda steht der Kontinent nicht mehr.
Europa und die Türkei sind dennoch auch in Washington ein spannendes Thema. Wie wir die deutschen Renten ohne die jungen türkischen Beitragszahler stemmen möchten, werde ich gefragt. Ich muss nachfragen, und ja, richtig, mein Gegenüber geht wie selbstverständlich davon aus, dass die Zukunft des europäischen Kontinents nur darin bestehen kann, zu einem Staatenverbund zu werden, der von der Rente über die Sozialleistungen bis zum Wehretat alles gemeinsam regelt. Wie kleinkariert von hier aus beim Blick auf die Weltkarte unsere Debatten klingen müssen, ob wir nun einen gemeinsamen Wirtschaftsraum wollen oder das Mantra "Budgethoheit liegt bei den jeweiligen nationalen Parlamenten".
Was hat Europa denn noch zu bieten im 21. Jahrhundert? Im übelsten Falle wird es zur globalen Touristenattraktion - zu einem historischen Disneyland für Reisende aus aller Japan, China, Australien, Südamerika oder den USA. In Venedig gibt es kaum noch Venezianer. Prag wird ein ähnliches Schicksal erleiden. Viele schöne und ehedem bedeutende Flecken wie Siena, Salamanca oder Straßburg werden den asiatischen Foto-Touristen etwas vom vergangenen Glanz einer großartigen Zivilisation vermitteln.
Als vor zwei Wochen ein Teil einer Rede des ehemaligen US-Verteidigungsministers Robert Gates in der "Zeit" abgedruckt war, in der er die Europäer als unfähig hinstellte, sich selbst zu verteidigen, war die Aufregung groß. Militär? Wir doch nicht! Brauchen wir nicht. Brauchen wir wahrscheinlich doch. Es hat einen deutschen Bundespräsidenten das Amt gekostet, als er über das Zueinander von Wirtschaftswegen und militärische Absicherung gesprochen hat. Das linke Empörungsestablishment aus den üblichen Verdächtigen - Jürgen Trittin mal wieder ganz weit vorne mit dabei - hat mit seinem Wohlfühlpazifismus gegiftet.
Wir Europäer, so heißt es in dem Think Tank, würden nicht über das Militär diskutieren, weil wir kein schlagkräftiges haben. Wir annullierten die Diskussion, indem wir so täten, als gäbe es das Thema nicht. Dass wir irgendwann einmal europäische Streitkräfte haben werden, in denen die verschiedenen Mitglieder unterschiedliche Aufgaben übernehmen, kann man schon als Marschrichtung in der EU erkennen. Bis das umgesetzt ist, bleiben die USA die einzige westliche (Militär-)Macht, die unsere Sicherheit garantieren kann. Natürlich konzentrieren die sich nun auch mehr auf die Sicherheit des pazifischen Raumes. Und eines nicht fernen Tages werden aus Amerika auch nur noch Touristen zu uns kommen.
Alexander Görlach: Der Journalist ist Herausgeber und Chefredakteur von "The European". Zuvor war Görlach der Online-Redaktionsleiter des Magazins "Cicero" und Chefredakteur der BMW-Initiative "Club of Pioneers". Seine journalistischen Stationen führten ihn nach New York, London und Rom. Görlach war sieben Jahre lang für das ZDF tätig. Als freier Autor hat Görlach für die FAZ, die "Süddeutsche Zeitung" und "Die Welt" geschrieben. Unter anderem war er Pressesprecher der Stiftung des Profifußballers Christoph Metzelder "Zukunft Jugend". Der 1976 geborene Journalist ist promovierter Theologe und promovierter Germanist.
Ein Kommentar von Alexander Görlach, The European
Alf schrieb:
am 13. Juli 2011 um 19:59:53
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Eurasien ist geostrategisch wichtig. Die USA ist bedeutungslos.
China, Indien Russland, Europa... sind durch eine Landmasse verbunden und
könnten zusammen die Player des 21. Jahrhunderts werden. In dem Fall sind die USA abgelegen und bedeutungslos. Ihre Militärmaschinerie können sie bald nicht mehr refinanzieren und ihnen geht langsam auch das qualifizierte Personal aus, denn die US-Streitkräfte sind schon jetzt eine Unterschichten-Armee mit immer geringeren Fähigkeiten.
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Matze schrieb:
am 13. Juli 2011 um 17:25:29
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Da hat wohl einer den Plan im Sack
Kann mir der Herr auch erzählen, wie Australien zu einem Machtzentrum werden soll? Die haben 22 Mio
Einwohner, das ist einfach nur lachhaft. Und von 22 Mio Leuten soll Indonesien profitieren? Durch was? Bei der Surfbrettherstellung oder beim Foster-Brauen? Und dieses Wehr-Gequatsche ist einfach lächerlich. Warum soll sich Europa rüsten? Keine Großmacht bedroht Europa! Wenn China ernst macht, sind wir eh in ein paar Minuten kaputt, da muss man vorher nicht das Geld für Rüstung verplempern!
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redimi schrieb:
am 13. Juli 2011 um 17:05:51
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Europa am Rande der Welt?
Ist diese Schwarzmalerei des Herrn Görlach typisch deutsch? Natürlich stark überzogen. Aber so wie er
kommentiert, versucht man nicht zum ersten Mal Börsen zu manipulieren. Der Wirtschaftstrend in Deutschland und außer ein paar Krisenstaaten in Europa zeigt nach oben. Wenn ein anderer Staat, den wir jahrelang unterstützt haben, endlich Früchte erntet, sind wir dann gleich wieder bedroht?
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