Der Dalai Lama appelliert an sein Volk, sich nicht "zu Gewalt hinreißen" zu lassen (Foto: dpa)
Panzerfahrzeuge und Busse voller Polizisten schlängeln sich in Konvois über enge Gebirgsstraßen, um Verstärkungen nach Tibet zu bringen. Militärstützpunkte, an denen buddhistische Gebetsfahnen wehen, sind mit Sandsäcken gesichert. Internet- und Mobilfunkverbindungen sind weitgehend ausgeschaltet. Zum 50. Jahrestag des Aufstands der Tibeter gegen die Volksrepublik China ist die Lage in dem formell autonomen Hochland äußerst gespannt.
Aus Angst vor einem neuen Ausbruch der Gewalt rief der Dalai Lama seine Landsleute zur Zurückhaltung auf. "Ich bin in großer Sorge", sagte er in einem Interview der "Frankfurter Rundschau". Die Frustration und Wut auf die Chinesen vor allem unter jungen Tibetern nehme zu. "Auf der chinesischen Seite sieht es genauso aus. Viele chinesische Bürger haben sich Waffen zugelegt, und sie sind bereit zu schießen. Die Lage ist sehr angespannt. Es kann jeden Moment zu einer Gewalt-Explosion kommen."
Mit einem Aufstand spiele man Peking nur in die Hände, so der Dalai Lama. Es sei die Strategie der Chinesen, Gewalt zu provozieren, "weil sie ihre harte Gangart, zum Beispiel Folter, legitimieren wollen". Der 73-Jährige warf China vor, sein Volk weiterhin massiv zu unterdrücken. "Viele Tibeter wurden verhaftet und gefoltert, viele sind gestorben", sagte der Dalai Lama. Die Öffentlichkeit bekomme davon nichts mit. "Diese Entwicklung ist sehr traurig. Hinzu kommt noch eine langfristig angelegte, viel wichtigere Strategie der Chinesen: Sie wollen unsere Sprache und Kultur eliminieren."
Schwere Unruhen vor einem Jahr
Im vergangenen Jahr kam es zum Jahrestag des Aufstands vom 10. März 1959 in der tibetischen Hauptstadt Lhasa zu Zusammenstößen zwischen demonstrierenden buddhistischen Mönchen und chinesischen Sicherheitskräften. Es folgten blutige Unruhen, die sich auf ganz Tibet sowie tibetische Gemeinden in den Nachbarprovinzen ausbreiteten, was für China vor den Olympischen Spielen in Peking äußert prekär war.
Amnesty prangert Menschenrechtsverletzungen an
Seit einem Jahr herrscht eine Art Kriegsrecht in Tibet. Amnesty International hat erst am vergangenen Freitag wieder eine "Eskalation der Menschenrechtsverletzungen" angeprangert. Laut der in Washington ansässigen Internationalen Kampagne für Tibet befinden sich gut 600 Menschen wegen der Unruhen von 2008 noch in Haft, vermutlich liegt die Zahl aber weit darüber. Exiltibetern zufolge wurden bei den Unruhen etwa 220 Menschen getötet und anfangs fast 7000 verhaftet. Die chinesische Regierung spricht lediglich von 22 Toten in Lhasa, bei denen es sich überwiegend um chinesische Zivilpersonen handeln soll.
Flucht aus Tibet
China macht für die Unruhen den Dalai Lama verantwortlich, der nach dem Scheitern des Aufstands vor 50 Jahren aus Tibet flüchtete und seitdem im indischen Exil lebt. Der Regierung in Peking zufolge strebt das geistliche Oberhaupt der Tibeter die Loslösung von China an, um den buddhistischen Gottesstaat wiederherzustellen, der beim Einmarsch der chinesischen Truppen 1950 gestürzt wurde.
"Dalai Lama will Chinesen vertreiben"
"Unsere Differenzen mit ihm sind nicht religiöser Natur, und es geht hier auch nicht um Menschenrechte, Demokratie oder Kultur", sagte der chinesische Außenminister Yang Jiechi in Peking. "Es geht darum, die territoriale Einheit Chinas zu verteidigen und zu verhindern, dass Tibet abgetrennt wird." Der Dalai Lama wolle "alle Chinesen und andere ethnische Gruppen" sowie die chinesischen Streitkräfte aus diesem Gebiet vertreiben. Der Dalai Lama hat solche Bestrebungen stets dementiert und immer wieder betont, es gehe lediglich um eine echte Autonomie für Tibet. Die chinesische Regierung lässt dies jedoch nicht gelten.