Vieles landet im Müll, obwohl es noch gut ist - viele lassen sich vom Mindesthaltbarkeitsdatum leiten (Quelle: imago)Jeden Tag landen in Deutschland tausende Tonnen Lebensmittel auf dem Müll. Vieles davon ist nicht einmal verdorben. Vor allem in den Mülltonnen vor Supermärkten finden sich große Mengen Lebensmittel, die noch gut sind. Es gibt viele Menschen, die diese Container nach Essbarem absuchen - doch das ist verboten.
Der Chat-Teilnehmer Alex ist verzweifelt: "Was soll ich machen?" Er hat eine Anzeige am Hals und findet das reichlich ungerecht. Er schildert den anderen Usern von "uni-protokolle.de" seine Lage: Als kleiner Selbstständiger hat er wenig Geld, muss aber nicht nur sich selbst, sondern auch Frau und drei Kinder durchbringen. Deshalb hat er angefangen zu containern. Bis ihn die Polizei dabei erwischte. "Ich kam mir echt vor wie ein Schwerverbrecher", schreibt Alex.
Lebensmittelpreise
Mülltaucher sammeln Lebensmittel
Containern - auch Mülltauchen genannt - bedeutet, aus den Mülltonnen der Supermärkte abgelaufene, aber noch gute Lebensmittel zu nehmen, um sie zu essen. Auch in Deutschland gehen immer mehr Menschen zum Mülltauchen. Und viele von ihnen sind nicht einmal arm.
Müll will doch keiner mehr - oder?
Es klingt harmlos: Man nimmt Lebensmittel, die noch gut sind, kostenlos mit und versorgt sich damit. Der Supermarkt hat sie weggeworfen, will sie also nicht mehr. Es können davon aber viele Menschen noch durchaus satt werden. Kein Schaden für den Markt - kostenloses Essen für die Hungrigen. "Ich habe ja nicht vor, diese ungemütliche und auch peinliche Sache länger als notwendig zu machen", erklärt Alex.
Vieles, was weggeworfen wird, ist noch essbar - einfach mitnehmen darf man es trotzdem nicht (Quelle: imago)
Der Abfall hat Eigentümer
So einfach ist es aber leider nicht. Denn Müll ist erstens nicht wertlos, und zweitens gehört er jemandem. Solange er im Container liegt, gehört er dem Supermarkt. Holt ihn die Müllabfuhr, gehört er der Abfallwirtschaft. Das ist die Abmachung, die man mit Zahlung von Müllgebühren eingeht. Und aus dem Müll wird grundsätzlich wiederverwertbares Material gefiltert und als Rohstoff weiterverkauft. Dabei geht es nicht nur um Metall und Plastik, sondern auch um Kompostierbares.
Klauer begehen oft Hausfriedensbruch
Wer etwas aus einer fremden Mülltonne nimmt, begeht daher also tatsächlich Diebstahl. Dazu muss sich der Mülltaucher - der meistens am späten Abend agiert - auch manchmal über Zäune schwingen und über Grundstücke laufen, die er außerhalb der Öffnungszeiten nicht betreten darf. Dann kommt auch noch Hausfriedensbruch dazu.
Weggeworfenes könnte Millionen ernähren
Trotzdem können viele nicht akzeptieren, dass so viel Essbares in der Mülltonne landet. In den USA schätzte jüngst das Agrarministerium, dass man mit nur fünf Prozent des im Land weggeworfenen Essens vier Millionen Menschen ernähren könnte. "Das ist ein menschenverachtendes System, in dem die einen Lebensmittel wegwerfen, während andere verhungern müssen", sagt der Magdeburger Aktivist Falk Beyer von der "Initiative gegen die Vernichtung von Lebensmitteln". Ihm geht es vor allem darum, auf die ungerechte Verteilung von Gütern aufmerksam zu machen.
20 Prozent landen in der Tonne
In Österreich hat das Institut für Abfallwirtschaft ausgerechnet, das dort durchschnittlich pro Haushalt und Jahr Essen für 390 Euro weggeworfen wird. Wie es sich damit in Deutschland verhält, ist nicht erfasst. Geht man aber davon aus, dass das Konsumverhalten hierzulande ähnlich wie in Österreich ist, wären das Lebensmittel für 15 Milliarden Euro. Und darin sind die Produkte, die Supermärkte entsorgen, noch gar nicht eingerechnet. Der Verein "Die Tafel" schätzt, dass insgesamt 20 Prozent aller Lebensmittel in Deutschland weggeworfen werden. "Für das meiste davon ist der Endverbraucher verantwortlich", schätzt Matthias Mente vom Bundesverband Deutsche Tafel.
Aussortiertes wird gespendet
"Die Tafel" lässt bedürftigen Menschen billig Lebensmittel zukommen. Der gemeinnützige Verein nimmt dafür Spenden von Märkten aller Art an und gibt sie für symbolische Preise an Bedürftige weiter. In 795 "Tafel"-Filialen, die seit 1993 in Deutschland eröffnet wurden, versorgen sich etwa eine Million Menschen mit Lebensmitteln, die nicht mehr verkauft werden können, aber noch nicht abgelaufen sind.
"Tafel" gibt nur an Bedürftige
Der Knackpunkt: Wer Essen von der "Tafel" haben will, muss eben Bedürftigkeit nachweisen. Das geht in der Regel mit Hartz-IV- oder Rentenbescheiden oder anderen Schriftstücken, die belegen, dass man auf irgendeine Weise staatlich unterstützt wird. Wer aus politischen Gründen aussortierte Lebensmittel konsumieren will, aber nicht arm ist, dem bleibt der Weg zur "Tafel" in aller Regel verwehrt.
Deutsche werfen bewusster weg
Zumindest in den privaten Haushalten scheint in letzter Zeit etwas weniger verschwenderisch gehandelt zu werden. "Es liegt auf der Hand, dass die Menschen bewusster kaufen und weniger wegschmeißen", berichtet Wolfgang Twardawa von der Gesellschaft für Konsumforschung GfK. Das liegt der GfK zufolge allerdings nicht an einem wachsenden Bewusstsein für Verschwendung - sondern an den im vergangenen Jahr explosionsartig angestiegenen Lebensmittelpreisen.
Nachfrage nach billigen Lebensmitteln stärker
Die "Tafel" spürt die Auswirkungen davon direkt: "Wir haben immer mehr Kunden", sagt Mente, "und der Grund dafür ist: Die Not wächst." Deshalb eröffnen auch immer mehr "Tafel"-Filialen, derzeit sind es etwa 100 pro Jahr." Aber gibt es auch mehr zu verteilen? "Es wird zwar auch immer mehr gespendet," sagt Mente, "aber die Nachfrage steigt noch stärker."