23.06.2007, 16:06 Uhr
Simulation des WTC-Einsturzes (Foto: Purdue University image/Voicu Popescu)Allerdings räumt er ein, dass Boeing keine genauen Daten des Typs 767-200 zur Verfügung gestellt habe. Deshalb habe man ein Modell entwickelt, das auf Daten der US-Luftfahrtbehörde FEA und öffentlich zugänglichen Quellen basiert. In der Simulation bestanden am Ende allein die festen Teile des Flugzeugs aus 110.000 virtuellen Elementen. Die Realitätsnähe des Endprodukts haben die Forscher anhand der Fernsehbilder und Fotos der 9/11-Katastrophe als auch mit eigenen Experimenten geprüft. Die Schäden etwa an der Fassade seien in der Simulation und in der Wirklichkeit identisch gewesen.
Foto-SerieSo stürzte das WTC ein
Getränkedosen auf Stahlobjekte geworfen
Zusätzlich haben die Experten im Labor Getränkedosen auf Stahl- und Betonobjekte gefeuert, um den Einschlag des Flugzeugs zu simulieren. Denn die Flüssigkeit an Bord der Boeing 767-200 - rund 38.000 Liter Kerosin - haben mit Abstand den größten Schaden angerichtet, und das nicht nur wegen der enormen Verbrennungshitze. "Man kann sich ein Flugzeug wie eine Wurstpelle vorstellen", sagte Hoffmanns Mitarbeiter Mete Sozen. Da die Tanks die kompakteste Ansammlung von Masse des gesamten Flugzeugs darstellten, hätten sie beim Aufschlag eine weit größere Wirkung entfaltet als die restlichen Teile.
Gewaltige Aufprallenergie
Allein die kinetische Energie des Aufpralls habe so ausgereicht, den WTC-Nordturm entscheidend zu schwächen. 17 der 47 Stahlsäulen auf Etage 95 wurden der Simulation zufolge zerstört oder schwer beschädigt. "Wenn man knapp ein Viertel aller Säulen verliert, egal in welchem Stockwerk, ist das Gebäude bedeutend geschwächt und vom Einsturz bedroht", sagt Hoffmann.
Zum Stöbern und Nachlesen"Wie ein heißer und schneller Lavafluss"
Doch das Zerlegen der vertikalen Säulen war nicht die einzige Folge des Aufschlags. "Das Flugzeug schoss durch das Gebäude wie ein heißer und schneller Lavafluss", erklärt Sozen. Der habe einen großen Teil der Brandschutzverkleidung von tragenden Teilen abgerissen. "Schon die Hitze eines gewöhnlichen Bürofeuers würde genügen, den ungeschützten Stahl aufzuweichen und zu schwächen." Selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass alle Säulen und Träger den Aufschlag überstanden hätten, hätte die Struktur nachgegeben.
Schlag gegen Verschwörungstheorien
Die Ergebnisse, demnächst zu lesen im Fachblatt "Journal of Performance of Constructed Facilities", dürften Verschwörungstheoretikern kaum gefallen - besonders jenen, die hartnäckig behaupten, eine gezielte Sprengung habe dem Einsturz der WTC-Türme nachgeholfen. Andererseits waren sie auch in der Vergangenheit von nichts und niemandem von ihren Überzeugungen abzubringen. Das bekamen auch Hoffmann und seine Kollegen, die bereits den Anschlag auf das Pentagon am 11. September 2001 im Computer simuliert haben, nun erneut zu spüren.
Wissenschaftler als Regierungsagenten beschimpft
"Natürlich haben wir wieder Anrufe und Schreiben bekommen, in denen etwa bezweifelt wird, dass Kerosin oder Aluminium Stahl durchschlagen können - was sie natürlich können, wenn die Aufprallgeschwindigkeit hoch genug ist", sagt Hoffmann. Andere hätten ihn und seine Kollegen als Regierungsagenten bezeichnet, weil das Simulationsprojekt mit öffentlichen Geldern der National Science Foundation finanziert wurde. Hoffmann: "Jemand hat mal gesagt, dass die Realität oft nicht aufregend genug ist." Für manche Zeitgenossen gilt das sogar, wenn Flugzeuge in Hochhäuser rasen.
Quelle: Spiegel Online
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