13.10.2010, 08:23 Uhr
Unter den Angehörigen der chilenischen Bergleute haben sich Intrigen, Neid und Rivalität ausgebreitet (Foto: Reuters)
Nur noch wenige Stunden trennen die 33 verschütteten Bergleute in Chile von ihrer Befreiung. Dennoch herrscht im "Campamento Esperanza", dem Zeltlager der Hoffnung, wenig Vorfreude bei den Angehörigen. Die Nerven liegen blank, Erschöpfung hat sich nach über zwei Monaten des gemeinsamen Bangens und Zitterns breitgemacht. Intrigen, Neid und Rivalitäten prägen die Beziehungen der Familien, wo anfangs das gemeinsame Schicksal der Bergleute zusammenschweißte.
"Die Anspannung hier oben ist stärker als unten", sagt Veronica Ticona, die Schwester des unter Tage gefangenen 29-jährigen Ariel Ticona. "Die dort unten sind ruhig." Nach 68 Tagen des Wartens, ständig unter der Beobachtung eines Pressekorps, das mittlerweile Bataillonsstärke hat, ist von der ursprünglichen Kameradschaft nicht mehr viel übrig.
Einige Beziehungen sind mittlerweile ebenso feindselig wie die das Bergwerk umgebende Atacama-Wüste. Alles kann zum Auslöser für Streit und Missgunst werden: Wer darf an den Videokonferenzen mit den Bergleuten am Wochenende teilnehmen? Wer bekommt Briefe? Wer redet wie viel mit den Medien und wie viel aus dem Privatleben der Bergleute darf ausgeplaudert werden? Einige der Angehörigen beschweren sich auch über entfernte Verwandte, die sich nun ins Licht der internationalen Medien drängeln und über die eingeschlossenen Bergmänner reden, die sie kaum kennen.
Auch die materiellen Interessen schüren Zwietracht. Nicht nur die Frage, wer wie viel Geld von den Medien erhält, spielt eine Rolle. Auch die Verteilung von Spenden ist umstritten, wenn etwa die sonst selten gesehenen Verwandten auftauchen und einen Teil der gespendeten Dessous, Weinflaschen, elektronischen Spielzeuge oder Halloween-Kostüme für Kinder abhaben wollen. So entbrannte auch Streit darüber, ab wann man zur engen Verwandtschaft gehört. Alberto Iturra, der Psychologe, der die eingeschlossenen Bergleute betreut, hat deshalb entschieden, dass sich die Geretteten nur mit bis zu drei Menschen ihrer Wahl treffen dürfen.
Den Angehörigen hat er geraten, vor dem Beginn der Rettungsaktion nach Hause zu gehen und sich auszuruhen. Die Tests mit der "Phoenix 1" genannten Rettungskapsel liefen am Montag glatt. Das leere Gefährt wurde bis auf eine Tiefe von 610 Metern in den Schacht hinabgelassen und problemlos wieder an die Oberfläche geholt. Damit kam sie bis auf rund zehn Meter an die Stelle heran, an der die Kumpel einsteigen sollen. "Wir haben sie nicht bis (ganz) unten heruntergelassen, weil wir das Risiko, dass jemand hineinspringt, nicht eingehen wollten" sagte Bergbauminister Laurence Golborne.
Nach neuesten Meldungen verzögert sich der Start der Rettungsaktion nun doch wieder: Der erste Helfer, der zu den 33 Kumpel hinuntergelassen wird, soll möglichst noch vor Mitternacht Ortszeit (5 Uhr MESZ) mit einer Kapsel in die Tiefe fahren, sagte Bergbauminister Laurence Golborne. Die chilenische Regierung hofft aber, auch den ersten der verschütteten Bergleute noch vor Mitternacht an die Oberfläche holen zu können. Ursprünglich hieß es, dass der erste Retter voraussichtlich schon um 20 Uhr Ortszeit zu den Verschütteten aufbrechen kann.
Eine geheime Liste mit der Reihenfolge, in der die Kumpel an die Oberfläche geholt werden sollen, hat die chilenische Regierung schon angefertigt. Zuerst die vier psychisch und physisch Stärksten, sagte Gesundheitsminister Jaime Manalich. Sie könnten eventuell auftretende Komplikationen am leichtesten verkraften und ihren Kameraden beschreiben, was sie erwartet. Danach die zehn Schwächsten. Einer der Bergleute ist Diabetiker, einer leidet unter Bluthochdruck, andere durch die drückende Schwüle im Stollen unter Atemwegs- und Hauterkrankungen. Als Letzter werde wohl Luiz Urzua das Gefängnis in der Tiefe verlassen, berichteten Angehörige der Bergleute. Er war zum Zeitpunkt des Unglücks Schichtleiter.
Allerdings kann sich die Reihenfolge noch ändern. Maßgeblich wird die Einschätzung der Sanitäter und Experten sein, die zuerst in den Schacht hinabgelassen werden, um dort die Leute zu untersuchen und die Reise nach oben zu überwachen. Etwa 20 Minuten dauert es, bis die Kapsel den Weg an die Oberfläche zurückgelegt hat. Doch wird aufgrund der aufwendigen Ein- und Ausstiegsprozedur und der Abfahrt des leeren Korbs pro Stunde nur ein Kumpel gerettet werden können. Die Plattform, wo sie rauskommen, soll mit Planen vor den Augen der Medien abgeschirmt werden. Mit Krankenwagen sollen sie zur Erstversorgung gebracht werden, und danach zum ersten Wiedersehen mit den von ihnen bestimmten Verwandten. Per Hubschrauber geht es danach ab ins Krankenhaus der Stadt Copiapó, wo sie zwei Tage zur Beobachtung bleiben sollen. Für den Fall, dass die Hubschrauber wegen des üblichen Nebels die Geretteten nicht ausfliegen können, stehen Krankenwagen bereit. Statt zehn Minuten würde die Reise nach Copiapó dann aber rund eine Stunde dauern.
Das Drama unter Tage hatte am 5. August begonnen. Mehr als zwei Wochen dauerte es, bis die Verschütteten nach dem Einsturz entdeckt und über Schächte versorgt wurden. Noch nie waren Menschen so lange Zeit in so großer Tiefe gefangen. Die Aktion zu ihrer Rettung ist die längste und aufwendigste, die je im Bergbau vorgenommen wurde. Den Verschütteten half ein ausgeklügeltes Beschäftigungs- und Fitnessprogramm, die belastende Zeit in der Tiefe zu überstehen.
Quelle: dpa , dapd
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