Die Entführung an den Chiemsee

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Geld weg: Senioren-Gang verübte Selbstjustiz

Erschienen am 22. Juni 2009 | aktualisiert am 22. Juni 2009 | Von Sabine Dobel, dpa

Die spektakuläre Entführung eines Geschäftsmannes in den idyllischen Chiemgau in Bayern durch fünf Senioren hat einen noch spektakuläreren Hintergrund: Die Täter wollten ihre

Geld

zurück - Geld, das der Geschäftsmann aus Speyer in Rheinland-Pfalz für sie gewinnbringend anlegen sollte und das sich durch die Finanzkrise in nichts aufgelöst hatte. Nicht der erste derartige Fall.

Langer Entführungstrip: von der Pfalz am Rhein in den bayerischen Chiemgau (Karte: GoogleMap)
Langer Entführungstrip: von der Pfalz am Rhein in den bayerischen Chiemgau (Karte: GoogleMap) Vergrößern
Insgesamt geht es um rund 2,4 Millionen Euro - und die sind weg. Offenbar blind hatten zwei Ehepaare im Rentenalter und ein Amerikaner dem Anleger aus Speyer vertraut, ihr Erspartes dadurch im Ausland verloren - und dann Selbstjustiz geübt. In einer filmreifen Inszenierung entführte die Senioren-Gang - sie sind zwischen 60 und 79 Jahre alt - den 56 Jahre alten Geschäftsmann und sperrte ihn in den Keller eines Einfamilienhauses am Chiemsee.

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In Übersee angelegt

"Sie hatten Geld in Übersee angelegt, und sie meinten, dass er ihnen dieses Geld zurückbeschaffen sollte", erklärte der Sprecher der Traunsteiner Staatsanwaltschaft, Volker Ziegler, die Motive. "Sie haben deshalb von ihm persönlich das Geld gefordert - dazu diente die Entführung." Ein Sondereinsatzkommando befreite den Mann, die Senioren sitzen in Untersuchungshaft. Sie haben die Tat eingeräumt: "Die Beschuldigten sind alle geständig."

Bis dato unbescholten

Es ist innerhalb von zwei Monaten bereits die zweite Entführung in Oberbayern, bei der bis dato unbescholtene ältere Ehepaare wegen einer Vermögenssache den vermeintlich Schuldigen verschleppen. Im Mai hatten ein 66-jähriger Mann und seine 59 Jahre alte Ehefrau in Starnberg einen 83-Jährigen ehemaligen Notar im Keller ihres Hauses angekettet. Auch hier befreite ein Sondereinsatzkommando die Geisel. Hintergrund war hier ein jahrelanger Rechtsstreit um die Zwangsvollstreckung eines Grundstücks - mit dem Notar als Geisel wollte das Paar die Behörden zur Rücknahme der Zwangsvollstreckung bringen.

Anleger bestreitet Schuld

Ob es auch in dem Chieminger Fall ein juristisches Vorspiel gab oder ob die Anleger auf anderen legalen Wegen versucht hatten, ihr Geld wiederzubekommen, ist unklar. Insgesamt verlangen die betagten Kidnapper rund 3,3 Millionen US-Dollar - also 2,4 Millionen Euro - zurück. Der Geschäftsmann hält dagegen, die weltweite Krise sei schuld an dem Verlust. "Der Geschädigte hat sich darauf berufen, dass im Zuge der Finanzkrise Gelder nicht mehr zurückzahlbar seien und er dafür nicht haftet", berichtete Behördensprecher Ziegler. Ob den Anleger tatsächlich eine Verantwortung für den Verlust treffe, sei unklar. "Die Ermittlungen zu den Hintergründen gehen jetzt erst los. Wir stehen am Anfang."

Das Haus in Chieming, in das die betagten Entführer ihr Opfer aus Speyer verschleppten (Quelle: zoomin)
Das Haus in Chieming, in das die betagten Entführer ihr Opfer aus Speyer verschleppten (Quelle: zoomin) Vergrößern

Mitten in der Nacht abgepasst

Die Entführungsgeschichte hört sich an wie im Krimi, der am Dienstag vergangener Woche beginnt: Zwei aus der Senioren-Gang, ein 74-jähriger Chiemgauer und der 60 Jahre alte Amerikaner, passen den Geschäftsmann, ebenfalls ein US-Bürger, mitten in der Nacht vor dessen Wohnung in Speyer ab. Sie ringen ihn nieder und fesseln ihn - im Fernsehen oft genug zu sehen - mit Klebeband. Im Kofferraum bringen sie ihn nach Bayern, schleppen ihn in den Keller des Einfamilienhauses, das der 74-Jährige mit seiner 79 Jahre alten Gattin bewohnt.

Fluchtversuch scheitert

Offenbar packen sie ihr Opfer nicht gerade mit Samthandschuhen an: Der Geschäftsmann erleidet Prellungen und zwei Rippenbrüche. Außerdem drohen die Entführer, ihn umzubringen oder wenigstens sehr lange gefangen zu halten. Nur einmal darf die Geisel aus dem Keller nach draußen: für eine Zigarettenpause. Ein Fluchtversuch scheitert.

Bekannter alarmiert Polizei

Um das geforderte Geld zu beschaffen, darf der Mann schließlich telefonieren. Dabei schafft er es unbemerkt, einen Bekannten zu alarmieren, der wiederum die Polizei einschaltet. Am frühen Samstagmorgen schließlich dringen SEK-Beamte von mehreren Seiten in das Einfamilienhaus ein. Das überrumpelte Rentnerehepaar und der Amerikaner lassen sich widerstandslos festnehmen.

Lange Jahre hinter Gittern drohen

Im Laufe des Tages werden außerdem ein 66-jähriger Mann und seine drei Jahre jüngere Frau vom bayerischen Schliersee festgenommen. Sie sollen während der Entführung in das Haus nach Chieming gekommen sein, wie Polizeisprecher Roman Hörfurter sagt. Auch sie hatten laut Anklagebehörde Geldforderungen an den 56-Jährigen. Allen fünf Beschuldigten drohen nun viele Jahre hinter Gittern - auf Kidnapping stehen bis zu 15 Jahre.

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Sie fühlten sich um ihr Geld betrogen und verschleppten ihren Anleger.
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