TV Duell vor Hessen-Wahl90 Minuten SelbstbeherrschungErschienen am 21. Januar 2008 Von Christian Teevs
Insgesamt 90 Minuten musste Hessens Ministerpräsident sich beim Duell des Hessischen Rundfunks beherrschen. Konfrontiert mit einer Herausforderin, die für ihn schwer zu packen war. Wer mit heftigen Attacken der Oppositionsführerin gerechnet hatte, sah sich getäuscht. Ypsilanti lächelte viel. Und so hielt sich Koch ebenfalls zurück. Schließlich wollte er nicht als aggressiver Macho dastehen. Das fiel ihm keineswegs leicht. Mehrmals mahlte er mit den Zähnen und wirkte immer unzufriedener, je länger die Sendung dauerte. "Das Maß ist voll" Clement-Rauswurf gefordert Eklat in der SPD Clement warnt vor Ypsilantis Energieplänen Umfrage Koch fällt deutlich zurück Animierte Grafik Aktuelle Umfragen Was kommt nach der Wahl? Schwierige Regierungsbildung Zum Durchklicken Die Spitzenkandidaten in Hessen Zum Durchklicken Die Top-Themen im hessischen WahlkampfErinnerung an Merkel und Schröder Dabei dürfte ihm die Schwierigkeit der Aufgabe vorher klar gewesen sein. In weiten Teilen erinnerte die Konstellation eine Woche vor der Hessen-Wahl an das Duell Merkel-Schröder im September 2005. Wie der Altkanzler vor der letzten Bundestagswahl musste sich Koch als Amtsinhaber einer Herausforderin stellen, die über wesentlich weniger Erfahrung im politischen Geschäft verfügt. Jedoch ließ ihm Ypsilanti am Sonntag ebenso wenig Chancen zur Attacke wie die heutige Kanzlerin damals ihrem Vorgänger. Koch blieb kaum Gelegenheit, seine Rivalin so darzustellen, wie er es wollte – als Frau, die es nicht kann. Starre Regeln Dafür sorgte auch der grundsätzliche Ablauf eines TV-Duells. Stets lamentieren Wahlforscher nach diesem inzwischen zur Wahlkampfinstitution gewordenen Schauspiel darüber, wie wenig es dem Wähler eigentlich bei seiner Entscheidung hilft. Schuld an der dröhnenden Langeweile sind vor allem die zuvor festgelegten Regeln, deren Beachtung die Moderatoren ohne Unterlass anmahnen. Moderatoren verhindern mögliche Spannung Sieben Tage vor der Landtagswahl in Hessen, der auch bundespolitisch so große Bedeutung beigemessen wird, sind das HR-Chefredakteur Alois Theisen und seine Kollegin Claudia Schick. Sie mahnen die Duellierenden immer dann zur Ruhe, wenn es gerade einmal spannend wird. So unterbricht Schick einen aufkommenden Streit über die Innere Sicherheit. Während Koch für sich in Anspruch nimmt, die Polizisten mit dem neuesten Stand der Technik ausgerüstet zu haben, spricht Ypsilanti von einem normalen technischen Fortschritt. Doch bevor die beiden in einen eventuell einmal spannenden Clinch gehen können, unterbricht Schick sie mit den Worten: "Wir reden doch jetzt nicht über Schreibmaschinen." "Wir müssen leider zum nächsten Thema" Doch genau diese Details ermöglichen erst eine aufschlussreiche Diskussion. So bleibt es wieder einmal bei einem schlichten Austausch der Wahlprogramme und die Sendung gerät unnötig fade. Immer wenn Koch und Ypsilanti auf einen ernsthaften Konflikt zusteuern, fährt ein Moderator dazwischen. "Herr Koch führt mit einer Minute. Jetzt ist Frau Ypsilanti dran", heißt es dann. Oder: "Wir müssen leider zum nächsten Thema, sonst schaffen wir das nicht mehr." Eine abstruse Grundlage für ein politisches Streitgespräch. Viel Stoff, wenig Zeit Acht Themen müssen die beiden Moderatoren in neunzig Minuten durchpeitschen. Neben den Hauptthemen des Wahlkampfes Jugendkriminalität und Mindestlohn sind das: Bildungspolitik, Integration, Umwelt, Frankfurter Flughafen, Haushalt und Familie. Kinder werden mit eingespannt Spannend ist bei all dem bekannten Wahlkampfgerede lediglich, wie häufig sowohl Koch als auch Ypsilanti ihre eigenen Kinder quasi als Legitimation ins Feld führen. Koch nennt etwa beim Thema Bildungspolitik seine "beiden Jungs", die gerade aus der Schule raus seien. Als er sein Amt 1999 übernommen habe, hätten in Deutschland viele über das Hessen-Abitur gelächelt. Und das sei inzwischen nicht mehr so. Koch gesteht Fehler ein Aufschlussreich ist auch seine Volte bei der Anwendung des Jugendstrafrechts für Unter-14-Jährige. Dies hatte Koch in einem Interview mit der "Bild am Sonntag" vor einer Woche gefordert. Die CDU-Spitze hatte ihn am Montag allerdings zur Aufgabe dieser Position gedrängt. Nun sagt Koch, auch er mache Fehler und natürlich wolle er Zwölfjährige nicht in den Knast schicken. Schließlich seien seine Söhne vor neun Jahren auch gerade in diesem Alter gewesen."Mama, das sind doch Kinder" Ypsilanti reagiert darauf mit einer rührseligen Geschichte. Ihr Sohn habe dazu eine Meldung im Videotext gelesen. Und dann gesagt: "Mama, das sind doch Kinder, die nur wenig älter sind als ich. Die können doch nicht in den Knast müssen, weil ihre Eltern Fehler gemacht haben." Der Sohn der hessischen Parteichefin ist zwölf Jahre alt. Überzeugende Ypsilanti Insgesamt fällt eines auf bei diesem TV-Duell: Ypsilanti kann vor der Kamera überzeugen. Sie lächelt in der Tat sehr viel, agiert nach den letzten, für sie positiven Umfragen sehr viel selbstbewusster als noch vor zwei, drei Wochen. Während sie bei Reden vor großen Sälen häufig unkonzentriert und fahrig wirkt, gelingt ihr das Spiel mit der Kamera gut. Sie punktet selbst in Momenten, wo Koch spricht, sie aber im Bild zu sehen ist. Irritierter Ministerpräsident Koch hingegen fehlt das Publikum. Er braucht die Bestätigung, den Applaus, dann dreht er auf. Zwar wird auch bei dieser Konfrontation deutlich, dass er der bessere Rhetoriker ist. Doch wenn er nicht spricht, macht er einen genervten und fast verärgerten Eindruck. Daran ist sicherlich nicht nur Andrea Ypsilantis Auftreten Schuld. Aber auch.
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