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Jung räumt erstmals zivile Opfer ein
08.09.2009, 13:11 Uhr
Verteidigungsminister Franz Josef Jung ist massiv in die Kritik geraten (Foto: dpa)
Nach dem verheerenden Luftangriff der Bundeswehr auf zwei Tanklastwagen in Afghanistan hat Verteidigungsminister Franz Josef Jung erstmals eingeräumt, dass auch Zivilpersonen getötet worden sein könnten. "Ich habe gesagt, dass ich zivile Opfer nicht ausschließen kann", sagte der CDU-Politiker. Nach Informationen einer Menschrechtsorganisation hat es bei dem Bombardement möglicherweise bis zu 70 zivile Opfer gegeben.
Nach dem Luftangriff ist Jung massiv in die Kritik geraten. Die SPD-Spitze äußerte Zweifel an seiner Eignung für das Amt: "Deutschland hatte schon stärkere Verteidigungsminister als Herrn Jung", sagte unmissverständlich SPD-Generalsekretär Hubertus Heil.
"Sicherheitsrisiko für die Soldaten"
Die
Grünen forderten Bundeskanzlerin
Angela Merkel (CDU) zur öffentlichen Distanzierung von Jung auf. Parteichef
Cem Özdemir sagte: "Merkel trägt die Verantwortung dafür, dass Deutschland droht, in die internationale Isolierung zu geraten." Jung sei zum "Sicherheitsrisiko auch für unsere Soldaten" geworden.
Wagenknecht fordert Jungs Rücktritt
Für die
Linke ist Jung mittlerweile untragbar geworden. Parteivorstandsmitglied Sahra Wagenknecht forderte den Rücktritt des Verteidigungsministers. "Das unerträgliche Insistieren" von Jung, es habe nur beziehungsweise vor allem Taliban getroffen, sei angesichts des Ausmaßes der Katastrophe unglaubwürdig und zynisch. Es zeige, "dass Minister Jung hoffnungslos überfordert ist und umgehend abgelöst werden muss", erklärte sie.
Regierungserklärung angekündigt
Nach der anhaltend scharfen Kritik an ihrem Verteidigungsminister sieht sich die Kanzlerin genötigt, am Dienstag selbst dem Bundestag zu erklären, was sich bei dem tödlichen Bombardement in der Nähe von Kundus abspielte und wie es in Afghanistan weitergehen soll.
Liegengebliebene Lkw bombardiert
Am Freitag hatten
NATO-Flugzeuge die beiden von
Taliban gekaperten Tanklaster, die sich auf einer Sandbank festgefahren hatten, zunächst stundenlang beobachtet und schließlich mit zwei Bomben zur Explosion gebracht. Nach Darstellung des Verteidigungsministeriums gab es eindeutige Informationen sowohl von den Flugzeugen als auch von einem Informanten und einer weiteren Quelle, dass vor Ort nur gegnerische Kämpfer und keine Zivilisten waren.
Jung rechtfertigt Luftangriff
Unterdessen verteidigte Jung das verheerende Bombardement. Im ARD-Brennpunkt sagt der Minister, es habe eine klare Bedrohungssituation gegeben: Die Taliban hätten einen Anschlag vor den Bundestagswahlen angekündigt. "Wir mussten auch annehmen, auch mit einem solchen Tanklastwagen, und deshalb, wenn zwei Tanklastwagen hier gewaltsam in den Besitz der Taliban kommen, dann weiß ich, welcher Schaden dort hätte angerichtet werden können im Hinblick auf unsere Soldaten", sagte Jung. Er glaube, dass "diese Schutzmaßnahme im Interesse unserer Soldatinnen und Soldaten geboten gewesen" sei.
Unterschiedliche Opferzahlen
Laut Verteidigungsministerium gab es 56 Tote und zwölf Verletzte. Die afghanische Menschenrechtsorganisation Afghan Rights Monitor berichtete dagegen von Hinweisen aus Interviews mit 15 Dorfbewohnern, dass bei dem Angriff 60 bis 70 Zivilpersonen getötet worden seien. Unter den Getöteten seien nur rund ein Dutzend bewaffnete Taliban gewesen. Die Regierung der Provinz Kundus erklärte, unter den insgesamt 70 Todesopfern seien fünf Zivilpersonen gewesen.
Quelle: dpa