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"Wer uns angreift, wird bekämpft"
24.06.2009, 11:29 Uhr
Immer mehr deutsche Soldaten sterben beim Einsatz in Afghanistan. (Foto: dpa)
So schlimm war die Lage im nordafghanischen Kundus noch nie: Es ist erst wenige Tage her, dass der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, dieses Fazit nach einem Truppenbesuch am Hindukusch zog. Vor hochrangigen Gästen in Berlin hatte er sichtlich betroffen wiedergegeben, was die Soldaten ihm gesagt hätten: "Wir bauen hier im Moment keine Brücken und bohren keine Brunnen. Herr Wehrbeauftragter, wir befinden uns hier im Krieg." Doch andere Politiker scheuen sich davor, das offen auszusprechen.
Am Dienstag überlebten drei Bundeswehrsoldaten ein Gefecht mit radikal-islamischen
Taliban nicht. Sie starben bei einem Ausweichmanöver in ihrem Panzer. Robbe hatte gesagt, "blutjunge Männer" zögen ins Gefecht. Wenn man mit ihnen spreche, verstehe man die veränderte Sicherheitspolitik in der Welt. Die
Bundeswehr bekämpfe nun Aufständische in
Afghanistan. "Seit einigen Wochen haben wir die Situation, dass zurückgeschossen wird." Damit meinte er, dass inzwischen auch die Bundeswehr gezielt gegen die Taliban vorgeht. Die Männer, die dabei am Dienstag starben, waren kaum älter als 20 Jahre.
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"Wir sind dort keine Besatzer"
Viele Politiker scheuten sich lange davor, den Afghanistan-Einsatz als Kampfeinsatz zu bezeichnen. Auch Verteidigungsminister Franz Josef Jung will trotz der sich verschärfenden Sicherheitslage in Afghanistan weiterhin nicht davon sprechen, dass sich die Bundeswehr in dem Land im Krieg befindet. "Wir würden, wenn wir nur über Krieg sprechen, uns nur auf das Militärische konzentrieren. Und genau das wäre der Fehler", sagte Jung. "Wir sind dort keine Besatzer, sondern wir sind da, um die Sicherheit auch der Bundesrepublik Deutschland zu festigen und zu wahren, indem wir dort dem Terrorismus entgegentreten."
Wehrbeauftragter: Krieg wird verdrängt
Der Wehrbeauftragte der Bundeswehr, Reinhold Robbe, kritisierte dagegen, dass in der Öffentlichkeit "noch immer verdrängt" wird, dass die Bundeswehr am Hindukusch Krieg führe. "Ich frage mich: Wo bleibt das klare Wort der Kirchen, der Gewerkschaften, der Wirtschaft", sagte Robbe der "Bild"-Zeitung. Ein klares Bekenntnis wäre "ein Zeichen menschlicher Zuwendung". Robbe sprach sich trotz des erneuten Angriffs für die Weiterführung des Einsatzes aus. "Wir müssen den Menschen sagen, warum dieser Einsatz, warum diese Feuergefechte, notwendig sind. Jetzt abzuziehen würde bedeuten: Alles war umsonst."
Ziel ist Stabilisierung
Laut Jung müssen die Soldaten in Afghanistan vier wichtige Funktionen erfüllen in diesem Einsatz: "Kämpfen, schützen, helfen und vermitteln". Er betonte die Notwendigkeit einer Kombination von militärischer Sicherheit und Wiederaufbau, um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Nur so könne ein langfristiger Stabilisierungsbeitrag für Afghanistan geleistet werden. Jung ging aber auch irgendwann dazu über, nicht mehr von Verletzten und Getöteten, sondern von "Verwundeten" und "Gefallenen" zu sprechen - Vokabular des Krieges. Die wohl deutlichste Erklärung des Verteidigungsministeriums, dass die Bundeswehr nicht zum Brunnenbau dort ist, äußerste Jung gerade nach dem Tod der drei Soldaten: "Wer uns angreift, der muss wissen, dass er auch bekämpft wird."
Deutsche Soldaten kämpfen, sterben und töten
Die Zeit der bloßen Übung für den Ernstfall ist vorbei. Heute kämpfen, sterben und töten deutsche Soldaten auch. Das gehört zu der Realität, die Union und SPD 2005 als Aufgabe der Bundeswehr in den Koalitionsvertrag geschrieben haben. Danach dienen die deutschen Streitkräfte auch der "internationalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung". Und: "Deutschland ist bereit, einen seiner Größe und Bedeutung angemessenen Beitrag zur Stärkung der internationalen Sicherheit zu leisten."
35 Soldaten sind gestorben
Der Afghanistan-Einsatz markiert wohl am deutlichsten den Abschied von der alten Bundeswehr, deren oberste Priorität die Landesverteidigung war. Die Militärmission am Hindukusch ist ihr mit inzwischen bis zu 4500 Soldaten größter, wichtigster und gefährlichster Einsatz. Als drittgrößter Truppensteller ist sie maßgeblich daran beteiligt, ob die NATO den Kampf gegen die Taliban erfolgreich abschließen oder in Afghanistan scheitern wird. 35 deutsche Soldaten sind seit 2002 in Afghanistan gestorben.
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Quelle: AFP
, dapd
, dpa