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Buchtipp: "Diktator, Dämon, Demagoge - Fragen und Antworten zu Adolf Hitler"

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Kalt, berechnend und willensstark

24.04.2006, 10:02 Uhr | Von Chris Melzer, dpa, April 2006

26.04.2006

Über kaum einen Menschen weiß man so viel und doch so wenig wie über Adolf Hitler. Tausende Bücher und Filme wurden über den furchtbarsten Diktator der deutschen Geschichte veröffentlicht, doch die breite Öffentlichkeit beherrscht nur das holzschnittartige Bild eines ungreifbaren Dämons. Jedes Kind kennt Hitlers Brüllen, doch wer schon seine normale Stimme? Hitlers Bild ist das einer Legende - genährt seit jeher von Anhängern wie von Feinden.

Churchills PläneHitler sollte auf den elektrischen Stuhl
Vor 60 Jahren


Zwischen Verklärung und absurden Vorwürfen
Mit einer Reihe dieser Legenden will ein Buch der österreichischen Historikerin Anna Maria Sigmund aufräumen. Die Wienerin störte, dass NS-Veröffentlichungen den "Führer" als Messias feierten - und dieses Bild in Teilen immer noch präsent ist. Sie will aber auch "Absurditäten" nicht stehen lassen, in denen Hitler als "beschäftigungsloser Tapezierer, beinahe ein Analphabet, unartikuliert und ohne Tischmanieren", als "fauler, verkommener Vagabund und perverser Sonderling" oder gar "zielloser Bohemien" gezeigt wird.

Kein Wesen von einem anderen Stern
Wie ein solcher Sonderling Millionen Anhänger begeistern konnte, bliebe so ein Rätsel, schreibt Sigmund. Und genau darum scheint es der Historikerin zu gehen: Den Dämon menschlich zu zeigen, ihn greifbar zu machen. Nicht, "als ob ein Wesen von einem anderen Stern auf der Erde landete, hier zwölf Jahre wütete, um dann wieder spurlos zu verschwinden."

Schauspielunterricht zu Beginn der Politikerkarriere
Als Kind war Hitler kränkelnd, aber schon immer dominant und renitent. Bereits in der Jugend hat er an seiner Fähigkeit, andere in seinen Bann zu schlagen, gearbeitet. Als er "beschloss, Politiker zu werden" nahm er Schauspielunterricht und ließ sich in neuer Garderobe stets zur Probe fotografieren. In der ständigen Angst, lächerlich zu erscheinen, schwamm er auch nicht mehr: Kein Mensch, der schon einmal in einer Badehose abgelichtet worden sei, könne ernst genommen werden. Entsprechend posierte Hitler von den späten zwanziger Jahren an auch nicht mehr in kurzen Hosen.

Churchill: "äußerst kompetenter" Politiker
Tatsächlich schlug Hitler, beschreibt Sigmund, ganz Europa in seinen Bann. Die Deutschen lagen ihm ebenso zu Füßen wie viele Franzosen und Engländer. Winston Churchill lobte den "äußerst kompetenten" Politiker mit "angenehmen Wesen und entwaffnendem Lächeln". Und Joseph Stalin, Hitlers Freund und Feind, fand "am Faschismus an sich keinen Grund zum Streiten".

Hunderte von Attentaten
Sigmund zeigt auch, dass auf Hitler mehr Attentate verübt wurden als weithin bekannt. Bekannt sind fast nur Anschläge Stauffenbergs und Eisners, doch angeblich waren es mehrere Hundert. Die erfolglosen Attentäter waren religiöse Eiferer, der russische Geheimdienst und besonders oft: Heinrich Himmler. Der SS-Chef suchte sich mit fingierten Anschlägen beim "Führer" unentbehrlich zu machen.

Cholerisch und eitel
Sigmund beschreibt Hitler als cholerischen, eitlen Mann, der asketischer Vegetarier war, aber gute Kleidung und schnelle Autos schätzte. Ein Hypochonder, der sich, wenn er selten jemandem die Hand gab, sie sich sogleich wusch. Und jemand, dem die Frauen zu Füßen lagen, obwohl er sie verachtete. Entsprechend habe er entgegen der Legende auch keine Affäre mit seiner Nichte Geli Raubal gehabt, die auch nicht, als sie sich 1931 erschoss, schwanger gewesen sei. Auch die Mythen, Hitler sei aus ärmlichen Verhältnissen gekommen, habe jüdische Vorfahren und in Wien im Obdachlosenasyl genächtigt, verweist die Historikerin ins Reich der Legenden.

Gefährlichkeit war rein menschlicher Natur
Aus wissenschaftlicher Sicht hat Sigmund wenig Neues beigetragen. Praktisch alles ist unter Historikern längst bekannt. Aber der Hitler der Wienerin ist höchst menschlich. Widersprüchlich in fast jedem Punkt, kalt, berechnend, von starkem Willen getragen, aber immer ein greifbarer Mensch. Und genau damit hat die Historikerin gezeigt, wie gefährlich ein Hitler sein konnte - und wieder sein könnte. Sigmunds Buch mit dem Titel "Diktator, Dämon, Demagoge - Fragen und Antworten zu Adolf Hitler" ist erschienen im Deutschen Taschenbuch-Verlag, München (ISBN 3-423-24523-9) und kostet 12,50 Euro.


Quelle: t-online.de

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