27.07.2010, 10:59 Uhr | Von Jutta Steinhoff, dpa
Dominik Brunner: Immer wieder werden Stimmen laut, die seine Opferrolle in Frage stellen (Foto: ddp) (Quelle: ddp)
Mit Verwunderung und Empörung reagiert die Opferschutzorganisation "Weisser Ring" darauf, dass einzelne Prozessbeobachter die Opferrolle von Dominik Brunner infrage stellen. Auch wenn Brunner zuerst zugeschlagen habe, sei die Aggression doch klar von den beiden Angeklagten ausgegangen, sagte der Sprecher der bundesweiten Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, Helmut K. Rüster.
Im Zentrum stehe, dass Brunner als einziger den vier von den beiden Jugendlichen bedrohten Kindern half und damit nach wie vor beispielhafte Zivilcourage bewiesen habe, betonte Rüster.
"Wenn ich mich so stark bedroht fühle und schlage dann zu, vielleicht auch um ein Zeichen zu setzen, dann müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn das nicht als Notwehr gilt", sagte Rüster. "Brunner daraus einen Strick zu drehen, ist eine groteske Situation." Damit nahm er Bezug auf die jüngsten Debatten um den Verlauf der Attacke zweier Jugendlicher im September 2009 gegen Brunner, der dabei ums Leben kam. Derzeit läuft in München der Mordprozess.
Im Zeugenstand der Verhandlung gegen Sebastian L. (18) und Markus S. (19) hatte der S-Bahn-Zugführer ausgesagt, aus seiner Sicht sei Brunner der Angreifer gewesen. Er habe sich nach Verlassen der S-Bahn vor die zuvor bereits massiv bedrohten Kinder gestellt, sei dann auf die beiden pöbelnden Jugendlichen zugegangen und habe einen von ihnen ins Gesicht geschlagen. Daraufhin schlugen und traten die beiden Angeklagten laut Anklage mehrfach auf Kopf und Körper Brunners ein.
Womöglich sei die hohe Emotionalität, mit der Brunner lange als Held gefeiert wurde und nun von manchen angezweifelt wird, auch in der schwierigen inneren Einstellung der Menschen zur Zivilcourage begründet. "Jeder fragt sich entweder 'was würde ich in dem Fall tun' oder 'wie blöd muss man sein, um da dazwischen zu gehen' oder er findet 'toll, dass er die Kinder so beschützt hat'." Gleichgültig blieben die wenigsten. Doch bis zu einer in der Gesellschaft weit verbreiteten Überzeugung "ich muss und werde helfen" komme, sei es noch ein weiter Weg, sagte Rüster.
Neben der aus seiner Sicht unzulässigen Vermischung von Opfer und Täter - "Es ist schon bitter, dass der anderen Seite mal wieder mehr Gewicht gegeben wird" - bedauert Rüster vor allem die Folgen der Diskussion. Er fürchtet, dass die mediale Debatte manch einen denken lasse: "guck da, siehste, so kann es dir passieren", und dieser so noch weniger zur Zivilcourage neige. "Es ist der Sache wirklich nicht dienlich, hier einen Nebenschauplatz zu eröffnen", sagte Rüster.
Der langjährige Leiter der Öffentlichkeitsarbeit im Opferschutzring fordert daher endlich wirksame Sanktionen für diejenigen, die Hilfeleistung unterlassen und damit gegen das Gesetz verstoßen. "Die Einstellung, dass man nicht über eine rote Ampel fährt, ist verbreiteter als die, anderen Menschen in der Not helfen zu müssen", sagte Rüster. Das liege auch daran, dass es bei der roten Ampel meist nicht folgenlos bleibe. "Auch bei der Hilfeleistung und der Zivilcourage muss man Regelstatuten vorgeben." Die Hoffnung gibt Rüster indes nicht auf. "Auch beim Umweltschutz hat es sehr lange gedauert, bis die Leute es als wichtig verstanden haben", sagt er.
Quelle: dpa
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