06.04.2011, 10:38 Uhr
Sicherheitsrisiko Boeing: Der Hersteller befürchtet weitere Lecks in der Außenhaut bei älteren 737-Modellen weltweit (Fotos: Reuters/dpa)
Das Loch im Dach, das eine amerikanische Verkehrsmaschine vor wenigen Tagen in den USA zur Notlandung gezwungen hatte, wird für Hersteller Boeing zu einer ernsten Angelegenheit. Denn das Beinahe-Flugzeugunglück scheint auf einen Konstruktionsfehler beim Verkaufsschlager 737 hinzudeuten - sagt der Hersteller selbst. Der Flugzeugbauer befürchtet weitere Risse. Das Problem: Die 737 ist das meistgebaute und -geflogene Flugzeug weltweit.
In Hunderten älterer Boeing 737 drohen Löcher in der Außenhaut, gesteht sogar die Boeing-Chefetage höchstselbst ein. "Das kommt nicht komplett unerwartet", sagt der verantwortliche Konzernmanager Paul Richter. "Wir haben grundsätzlich damit gerechnet, dass wir die Flugzeuge ab einem bestimmten Zeitpunkt kontrollieren müssen." Allerdings sei Boeing davon ausgegangen, dass sich eine Ermüdung des Materials erst "viel, viel später im Lebensverlauf" der Kurz- und Mittelstreckenmaschinen zeige.
Loch im Flugzeugdach (Foto: AP)"Wir sind alle beunruhigt über die jüngsten Entwicklungen", sagte Richter in einer Telefonkonferenz. Am Freitag hatte eine 15 Jahre alte 737-300 des US-amerikanischen Billigfliegers Southwest notlanden müssen, nachdem sich während des Fluges vor den Augen der entsetzten Passagiere mit einen lauten Knall ein Loch im Dach aufgetan hatte. Wie durch ein Wunder wurde keiner der 123 Insassen ernsthaft verletzt; ein Passagier hielt das Ereignis fotografisch fest. Southwest kontrollierte daraufhin alle ähnlichen Maschinen und stellte bei insgesamt fünf betagteren 737-Jets winzige Risse in der Außenhülle fest.
Schwachstelle sind nach ersten Erkenntnissen von Boeing die Schnittkanten, an denen die verwendeten Aluminiumplatten aufeinander treffen. Bislang habe Boeing keine speziellen Prüfungen vorgeschrieben, räumt Manager Richter ein. "Vor diesem Unfall war unser Plan, mit den Inspektionen bei 60.000 Flügen zu beginnen." Keine der jetzt untersuchten Maschinen habe auch nur annähernd eine derart hohe Flugleistung.
Eine Maschine der US-Fluglinie Southwest musste mit einem Loch in der Kabinendecke notlanden. Alle 118 Passagiere blieben unversehrt. zum Video
Die Unglücksmaschine von Southwest hatte nach Angaben der Gesellschaft knapp 40.000 der strapaziösen Starts und Landungen hinter sich. Durch den unterschiedlichen Druck am Boden und in großen Höhen verformt sich das Material, besonders die Nähte leiden. Schon früher und bei anderen Flugzeug-Typen war es deshalb zu Unglücken gekommen. Klafft erst ein Loch, drohen die Insassen hinausgesogen zu werden.
Nach Angaben des Boeing-Managers müssen insgesamt 570 Flugzeuge der 737-Baureihe weltweit überprüft werden. Die US-Luftfahrtbehörde FAA hatte noch von 175 Maschinen gesprochen. Problematisch sind diverse 737-Typen der alten, sogenannten "Classic"-Baureihe aus den Jahren 1993 bis 2000. Hier sei ein damals neuartiges Verfahren eingesetzt worden, um die Aluplatten zu befestigen. Darin liegen die Probleme nach Auffassung von Boeing-Manager Richter begründet.
Die Maschinen sollten nun schon nach 30.000 Flügen zur Inspektion, meint der Manager und setzt damit die gleiche Marke wie die US-amerikanische Luftfahrtbehörde. Anschließend empfiehlt Boeing alle 500 Flüge eine Nachkontrolle, zumindest bis auf weiteres. Zwei Techniker seien mit einer solchen Inspektion in etwa acht Stunden durch, so Richter.
Auch die Lufthansa hatte drei verdächtige 737 auf Risse untersucht, jedoch nach Angaben eines Sprechers vom Dienstag nichts gefunden. Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft, Air Berlin, fliegt nur neuere Versionen der 737. Boeing-Manager Richter: "Bei den Modellen der Next Generation, das kann ich ihnen versichern, gibt es keine Probleme." Das Material verwinde sich dank modernerer Technik und Verarbeitung viel weniger.
Die 737 ist das meistverkaufte Flugzeug der Welt und der direkte Rivale der jüngeren A320-Familie von Airbus. Nahezu alle großen Gesellschaften auf der Welt fliegen diesen Typ. Akute Probleme gab es bislang nur mit Maschinen des Billigfliegers Southwest, was die Gesellschaft in ein schlechtes Licht rückte.
Bei Southwest müssen die Maschinen überdurchschnittlich viele Flüge am Tag absolvieren und altern dadurch auch schneller. Boeing-Manager Richter nahm seinen Großkunden aber in Schutz: "Southwest unterhält eine der größten 737-Flotten der Welt und sicherlich die größte Flotte an 737 'Classic'." Dass es gerade hier zu Vorfällen komme, sei deshalb nicht weiter verwunderlich: "Es ist einfach eine statistische Wahrscheinlichkeit."
Quelle: dpa , je
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