Die Selbstmordattentäter Muaz bin Jabal, al-Zubair Abu Sajeda und Abu Dejena. (Quelle: dpa)Der Bundesnachrichtendienst sieht im nordafrikanischen Arm des Terrornetzwerks Al-Kaida eine große Gefahr für Europa. Das Bündnis, das sich seit seiner Verschmelzung mit Osama bin Ladens Netzwerk "Al-Kaida im islamischen Maghreb" (AQM) nennt, sei möglicherweise im Begriff, seinen "Terror auf das europäische Festland auszudehnen", sagte BND-Chef Ernst Uhrlau bei der jährlichen Fachtagung des deutschen Auslandsgeheimdienstes in Berlin.
Die Entscheidung, diesen Schritt zu gehen, stehe zwar noch aus. Von der Gruppe gehe jedoch zurzeit "die größte Dynamik" aus.
Die AQM war Anfang 2007 aus der algerischen Guerilla-Gruppe "Salafistische Gruppen für Predigt und Kampf" (GSPC) hervorgegangen. Seitdem verübt sie Anschläge in Algerien und Marokko. Auch die Entführung zweier Österreicher Ende Februar in Tunesien soll auf ihr Konto gehen. Allein 2007 hätte der AQM-Terror in Algerien 850 Menschen das Leben gekostet, so der Terrorismus-Beauftragte der EU, Gilles de Kerchove.
Im Gegensatz zur GSPC habe die AQM als Al-Kaida-Ableger jedoch eine globale Stoßrichtung. Dies zeige sich in mehreren Ausbildungslagern in der algerischen Wüste, in der Dschihadisten aus ganz Nordafrika ausgebildet würden. Außerdem sei die Gruppe sehr gut strukturiert. Gerade die Ausbildungslager aber seien für europäische Dschihadisten sehr attraktiv.
Die Verbindungen der Gruppe auf den europäischen Kontinent lösen dabei vor allem in Frankreich Ängste vor neuen Anschlägen aus. Jean-Louis Bruguière, oberster französischer Ermittlungsrichter, erinnerte an die Verbindungen algerischer Gruppen nach Frankreich und frühere Anschläge und Anschlagsversuche in den 90er Jahren. "Die Aktivitäten der AQM richten sich konkret gegen Frankreich", so Bruguière.
Sympathisanten in Andalusien
Doch nicht nur französische Sicherheitskreise machen sich Sorgen: BND-Chef Uhrlau berichtete von Sympathisantenzirkeln in der südspanischen Region Andalusien, in den spanisch-marokkanischen Exklaven Ceuta und Melilla sowie auch in anderen Teilen Europas.
Macht und Geld
Boubacar Gaoussou Diarra, Leiter des algerischen Zentrums für Terrorismusstudien, beschrieb die Vorteile der Verbindung für beide Seiten: Al-Kaida könne sich auf den Maghreb ausdehnen, die frühere GSPC die Finanzmittel des Netzwerks in Anspruch nehmen und gewinne Bedeutung über Algerien hinaus.
Drogenschmuggel durch die Sahara
Weitere Gelder gewinne die Gruppe aus dem Drogen- und Zigarettenhandel durch die Sahara – ein Geschäft, dass Al-Kaida schon lange nachgesagt wird. So schätzt der Linzer Experte für Schattenwirtschaft, Friedrich Schneider, dass ein Großteil der Einkünfte von Al-Kaida aus dem Drogenhandel stammen. Laut Diarra werden vor allem große Mengen südamerikanisches Kokain von der westafrikanischen Küste in Richtung Europa geschmuggelt.
Unterwegs in kleinen Gruppen
Selbst mit Drohnen, so Diarra, seien die Terroristen in der Sahara kaum auszumachen, da sie in kleinen Gruppen von vier bis fünf Leuten unterwegs seien - teils mithilfe algerischer und malischer Tuareg-Rebellen.
Phantom islamische Dschihad-Union
Sicher ist: In Europa gibt es eine, wenn auch sehr kleine, Klientel, die die Hilfe der Ableger des Al-Kaida-Netzwerks gerne in Anspruch nimmt. Uhrlau erinnerte an die deutsche Sauerland-Gruppe, die im September 2007 – angeblich kurz bevor sie einen Anschlag verüben wollten – verhaftet worden waren. Besonders im Fokus der Nachrichtendienstler steht indes der derzeit gesuchte Saarländer Eric Breininger. Beide rechnen sich selbst der usbekischen "Islamischen Dschihad Union" zu – nach Aussagen mancher Experten ein "Einfallstor" von Al-Kaida nach Europa, einerseits in die Kreise deutscher Türken, andererseits gegenüber deutschen Konvertiten. Andere – etwa das Landesamt für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg - glauben nicht an die Existenz der Gruppe.
Schockeffekt durch deutsche Terroristen
Wichtig ist jedoch laut Uhrlau neben der Gefahr, der psychologische Effekt in der deutschen Bevölkerung. Al-Kaida wisse von dieser Wirkung. Dies werfe die Frage auf, ob der Terrorismus nicht schon in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen sei.
"Berichtet über die Opfer"
Einig sind sich die meisten Experten jedoch in einem: Militärisch bekämpfen kann man den Dschihadismus nicht, wohl aber versuchen, ihn langfristig unattraktiv zu machen. Erstens, so der amerikanische Psychiater und frühere CIA-Mann Marc Sageman, sei dieser Dschihadismus der "dritten Generation" von Al-Kaida zu einer Angelegenheit von Jugendlichen degeneriert, die in erster Linie Helden sein wollten. Daneben, so Sageman, der der Sohn von Holocaust-Überlebenden ist, sei die gleiche psychologische Strategie angezeigt, wie im Zusammenhang mit dem Völkermord der Nazis: "Sprecht nicht immer über die Täter, sondern berichtet über die Opfer." Dann, so Sageman, würden der Terrorismus für die Jugendlichen schnell seine "Coolness" verlieren.