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Biografie eines US-Scharfschützen: Im Fadenkreuz des Teufels

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Im Fadenkreuz des Teufels

16.01.2012, 13:43 Uhr | von Johannes Korge

Kyle auf seinem Posten in Falludscha im Jahr 2004. Emotionslos schildert Kyle in seiner Biografie, wie er dort gleich reihenweise Iraker aus der Distanz erschoss. (Quelle: Courtesy of William Morrow)

Kyle auf seinem Posten in Falludscha im Jahr 2004. Emotionslos schildert Kyle in seiner Biografie, wie er dort gleich reihenweise Iraker aus der Distanz erschoss. (Quelle: Courtesy of William Morrow)

Er hat mehr als 160 Menschen erschossen, als "Teufel von Ramadi" fürchteten ihn seine Feinde: Chris Kyle gilt als erfolgreichster Scharfschütze der US-Elitetruppe Navy Seals. In seiner Biografie berichtet er über Einsätze im Irak, den Moment vor dem ersten Abdrücken - und Reue.

An diesem Nachmittag muss Chris Kyle nicht lange warten, bis er den Tod bringen darf. Er hat das perfekte Versteck gefunden. Eine leere Vier-Zimmer-Wohnung, nicht zu hoch gelegen, nicht zu tief, mit guter Übersicht und guter Deckung. Ein Traum für jeden Scharfschützen.

Lang ausgestreckt liegt Kyle bäuchlings auf einem improvisierten Schießstand aus umgekipptem Kinderbett, ausgehängter Zimmertür und Matratze. Durch das Zielfernrohr seines Präzisionsgewehrs scannt er die Straßen von Falludscha. Bei der ersten verdächtigen Bewegung drückt Kyle ab. Bevor es dunkel wird hat er drei Menschen erschossen.

"Tödlichster Scharfschütze" der US-Streitkräfte

Chris Kyle hat viele Namen. "Legende" nennen ihn seine Kameraden bei den Spezialkräften der US-Navy Seals. Als "Teufel von Ramadi" fürchten ihn seine Feinde im Irak. Als "Cowboy" beschreibt er sich selbst. Das Pentagon gibt seinen Bodycount - die Zahl der Menschen, die er erschossen hat - mit "mehr als 160" an. Damit gilt er als "tödlichster Scharfschütze" in der Geschichte der US-Streitkräfte.

Foto-Serie: Die Navy Seals
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Nun hat er seine Kriegserinnerungen niedergeschrieben, Anfang Januar ist das Buch mit dem Titel "American Sniper" in den USA erschienen. Auf fast 400 Seiten liefert es einen Einblick in das Seelenleben eines trainierten Killers und ist - zwischen markigen Sprüchen und patriotischem Getöse - ein Dokument moderner Kriegsführung der US-Truppen.

Die Szene in der verlassenen Wohnung fand im November 2004 statt. Über Wochen liefern sich US-Soldaten und verschanzte Widerstandskämpfer eine erbitterte Schlacht um die Kontrolle in Falludscha, rund 70 Kilometer westlich von Bagdad. Nun sind die Marines ausgerückt, unterstützt von einer Schar von Seals-Scharfschützen. Sie wachen in ihren Verstecken über die Straßen und Wohnblocks der zerschundenen Stadt. Einer von ihnen: Chris Kyle.

"Ich wollte ein Ziel"

Die Sekunden vor seinem ersten Treffer an diesem Tag beschreibt der Ex-Soldat in seiner Biografie mit den Worten: "Ich konnte es kaum abwarten, bis die Schlacht endlich losgeht. Ich wollte ein Ziel. Ich wollte jemanden erschießen. Ich musste nicht lange warten."

Rückblende, März 2003, 400 Kilometer entfernt in Nasirija kurz vor der Grenze zu Kuwait: Wieder hockt Kyle am Fenster, wieder gibt er einer Gruppe Marines Deckung, wieder lauert er auf verdächtige Bewegungen. Mit einem entscheidenden Unterschied: Es ist sein erster Einsatz als Scharfschütze.

Eine Frau mit Kind verlässt ihr Haus, Kyle folgt ihr mit dem Zielfernrohr über die verlassene Straße. Als sich die Frau einer Gruppe US-Soldaten nähert, nestelt sie an ihrer Kleidung und zieht einen gelben Gegenstand hervor. Noch bevor sie die Granate chinesischer Bauart loslassen kann, streckt sie eine Kugel aus Kyles Gewehr nieder, dann noch eine.

"Es war meine Pflicht zu schießen"

Seine Gefühlslage nach dem ersten tödlichen Treffer seiner Scharfschützenlaufbahn beschreibt er in "American Sniper" so: "Es war meine Pflicht zu schießen. Die Frau war ohnehin schon tot. Ich habe nur dafür gesorgt, dass sie keine Marines mitnimmt."

Kyle liefert in "American Sniper" so detaillierte wie subjektive Erinnerungen an Auswahl, Ausbildung und Einsätze in der sonst so verschwiegenen Welt der US-Spezialeinheiten. Immer wieder stellen die Co-Autoren Scott McEwen und Jim DeFelice Szenen aus dem Privatleben des Texaners dagegen.

Kyles Ehefrau Taya kommt zu Wort, schildert die Geburt des gemeinsamen Sohnes, die Angst um ihren Gatten, der oft wochenlang kein Lebenszeichen in die Heimat senden konnte. Dann wieder der harte Schnitt in die brutale Realität im Feld, stundenlanges Lauern, schwerste körperliche und mentale Belastungen.

Emotionslos schildert Kyle über Seiten, wie er in umkämpften Städten wie Falludscha oder Ramadi seine Opfer aus der Distanz tötete. Dann wieder gerät er ins Schwärmen, wenn er beschreibt, wie er einmal aus mehr als zwei Kilometern Entfernung einen Mann mit Raketenwerfer niederschoss ("der weiteste bestätigte tödliche Treffer des Irak-Kriegs"). Freude über einen Todesschuss: An Passagen wie diesen ahnt man, was der Krieg - und das Kriegshandwerk - aus einem Menschen machen kann.

Die für so eine Reaktion nötige Einstellung erläuterte Kyle im erzkonservativen US-TV-Sender Fox News: "Du musst aufhören, den Feind als Menschen zu betrachten. Anders geht es nicht. Deshalb habe ich im Buch den Begriff 'Wilde' für die irakischen Widerstandskämpfer verwendet." Den Irak beschreibt er mit drei Worten: "Kanalisation, Schweiß und Tod." Differenzierung? Fehlanzeige.

Auf der dunklen Seite

Heute betreibt der 37-Jährige eine private Sicherheitsfirma. Eine der angebotenen Dienstleistungen: Scharfschützentraining, unter anderem für das US-Militär. Er sei nicht mehr derselbe Mann, der irgendwann einmal in seinen ersten Einsatz zog, schreibt Kyle: "Als Navy Seal gehst du auf die dunkle Seite, an die düstersten Orte der menschlichen Existenz. Der Krieg verändert dich. Ich hatte mich immer gefragt, wie es sich wohl anfühlt, jemanden zu töten. Heute weiß ich: Es ist keine große Sache."

Ob er bereut? Oh ja, natürlich bereut er - aber anders, als man es vermuten könnte: Er bereut die Gelegenheiten, in denen er einen Kameraden nicht retten konnte, die Momente, in denen er "als Beschützer versagt hat". So sagt er es. Und seine Opfer? Für die hat er kein Mitleid, keine Sekunde hat er an der Rechtmäßigkeit seiner Taten gezweifelt. "Wen auch immer ich erschossen habe, war böse. Ich hatte einen guten Grund für jeden Schuss."

In Chris Kyles Welt ist kein Platz für Grautöne, er sieht Schwarz und Weiß, Leben oder Tod. Für mehr sei im Krieg kein Platz, sagt er. Und so überrascht es kaum, dass Kyle die Erinnerungen an seinen blutigen Feldzug mit einem knappen Fazit schließt: "Sie hatten es alle verdient, zu sterben." Richter und Henker in einer Person.


Quelle: Spiegel Online

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