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Bewegende Gedenkfeier für Neonazi-Opfer: "Mein Sohn starb in meinen Armen"

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"Mein Sohn starb in meinen Armen"

23.02.2012, 17:44 Uhr

Flaggen auf Halbmast, Trauer, Anteilnahme und eine mittägliche Schweigeminute.

Ein entschlossenes Zeichen gegen Rechts - das sollte die Gedenkfeier für die Opfer der Neonazi-Mordserie setzen. Doch im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt passierte noch etwas sehr viel bewegenderes, als der Vater des Ermordeten Halit Yozgat seine Rede mit den Worten begann: "Ich bin Herr Ismail Yozgat. Mein Sohn starb in meinen Armen am 6.4.2006 in dem Internetcafé, wo er erschossen wurde." Diese Veranstaltung gab den trauernden, traumatisierten Familien endlich ein Gesicht.

In der gefühlvollen Ansprache wurde klar, es geht den Hinterbliebenen nicht um Geld, auch nicht um Rache an den Tätern. "Unter anderem ist uns materielle Entschädigung angeboten worden. Ich möchte mich herzlich dafür bedanken, möchte aber sagen, dass wir das nicht annehmen möchten. Meine Familie möchte seelischen Beistand, keine materielle Entschädigung."

Stattdessen habe die Familie drei Wünsche: "Unser erster Wunsch ist, dass die Mörder gefasst werden." Auch die Hintermänner müssten aufgedeckt werden. Das Vertrauen seiner Familie in die deutsche Justiz sei groß.

Der zweite Wunsch sei, dass die Holländische Straße, in der sein Sohn in Kassel geboren wurde und dort in seinem Internetcafé starb, nach ihm benannt werde - Halit Straße.

Foto-Serie: Bewegende Gedenkfeier für Nazi-Opfer
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Als dritten Wunsch äußerte Yozgat, dass im Gedenken an die zehn ermordeten Menschen ein Preis ausgelobt und eine Stiftung gegründet werde. Sämtliche Einnahmen und Spenden sollten krebskranke Menschen bekommen.

"Ein Jahr später war mein Vater tot"

Die Töchter zweier Opfer der Neonazi-Mordserie riefen zum gemeinsamen Einsatz gegen Hass und Gewalt auf. "Ich habe meinen Vater verloren. Lasst uns verhindern, dass das auch anderen Familien passiert", sagte Semiya Simsek.

Sie rührte die Anwesenden mit ihrer Geschichte: "Hörst Du das? Die Glöckchen. Das sind die Schäfchen, die jetzt aus den Bergen runter ins Tal kommen. Das tun sie immer in der Nacht. Mein Papa erzählte gerne von sich und von seinen Träumen. Ich liebte es, ihm zuzuhören. Er saß in dieser warmen Sommernacht in unserem Garten in der Türkei und aß Kirschen. Ich spürte, wie glücklich mein Vater in diesem Moment war. Ein Jahr später war mein Vater tot."

Auf ihren Vater war am 9. September 2000 geschossen worden, der Blumenhändler starb später im Krankenhaus. "Der erste Mord. Wir sollten keinen weiteren gemeinsamen Sommer mehr haben", sagte Simsek bewegt.

Simsek erinnerte sich an die Belastung, lange mit dem falschen Verdacht leben zu müssen, dass familiäre oder kriminelle Motive hinter der Tat gestanden haben könnten. "Elf Jahre durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein."

Es könne keine Lösung sein, Deutschland zu verlassen. "In meinem Land muss sich jeder frei entfalten können, unabhängig von Nationalität, Religion, Hautfarbe oder Geschlecht." Sie mahnte: "Lasst uns nicht die Augen verschließen und so tun, als hätten wir dieses Ziel schon erreicht."

Gamze Kubasik, deren Vater am 4. April 2006 in seinem Kiosk in Dortmund erschossen wurde, sprach von der Hoffnung "auf eine Zukunft, die von mehr Zusammenhalt geprägt ist". Dies solle eine Kerze symbolisieren, die die beiden jungen Frauen zum Abschluss der Veranstaltung unter Beifall aus dem Saal trugen.

"Ich bitte Sie um Verzeihung"

Kanzlerin Angela Merkel hat die Familien der Opfer der Zwickauer Terrorzelle um Verzeihung gebeten und ihnen vollständige Aufklärung versprochen. Die Morde "sind eine Schande für unser Land", sagte Merkel auf der bundesweit zentralen Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Opfer rechtsextremistischer Gewalt im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. "So etwas darf sich nicht wiederholen."

Merkel ehrte die Opfer der rechtsterroristisch motivierten Mordserie und ging in ihrer Rede auch auf die Umstände ein. Die Hintergründe hätten "viel zu lange im Dunkeln gelegen". Zu wenige in Deutschland hätten es für möglich gehalten, dass rechtsextremistische Tendenzen dahinter steckten. Viele Angehörige seien über Jahre hinweg selbst im Visier der Sicherheitsbehörden gewesen. "Diese Jahre müssen für sie ein Alptraum gewesen seien", sagte Merkel weiter. "Das ist besonders beklemmend, dafür bitte ich Sie um Verzeihung."

Merkel verspricht "gerechte Strafe" für Täter

"Niemand kann die Trauer und die Verlassenheit auslöschen", sagte die CDU-Vorsitzende vor den 1200 Gästen. "Wir alle können Ihnen heute zeigen, Sie stehen nicht länger allein mit Ihrer Trauer. Wir fühlen mit Ihnen, wir trauern mit Ihnen", betonte Merkel. Sie verspreche als Bundeskanzlerin, "alle Hintergründe aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen".

Die Gedenkveranstaltung in Berlin wurde von Regierung, Bundestag, Bundesrat und Verfassungsgericht ausgerichtet. Die Verfassungsorgane wollen damit ein Zeichen des Zusammenhalts und Einstehens gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit und Gewalt setzen.

Anlass des Gedenkens war die Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). Die Taten der rechtsterroristische Gruppe waren im November 2011 bekannt geworden. Über ein Jahrzehnt lang war den Sicherheitsbehörden verborgen geblieben, dass die Terroristen mutmaßlich zehn Menschen bundesweit töteten und Anschläge verübten.


Quelle: t-online.de , dpa

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