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Besuch in Düsseldorf: Erdogans vergiftete Liebe

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Erdogans vergiftete Liebe

28.02.2011, 11:50 Uhr | Özlem Gezer und Anna Reimann

Der türkische Premier Erdogan sprach vor tausenden Landsleuten in Düsseldorf (Foto: dpa)

Der türkische Premier Erdogan sprach vor tausenden Landsleuten in Düsseldorf (Foto: dpa)

Tausende feiern ihn wie einen Popstar: In Düsseldorf umgarnt der türkische Premier Erdogan seine Landsleute in Deutschland - mit dem Versprechen eines Doppelpasses light und der Warnung vor Assimilation. Ein Auftritt voller Doppeldeutigkeiten.

Die Liedzeile schallt immer wieder durch die Halle: "Das Land gehört uns allen." Tausende hören zu. In Düsseldorf. Mit dem Satz ist nicht Deutschland gemeint, sondern die Türkei.

Hunderte türkische Flaggen wehen durch das Stadion, immer wieder laute Rufe, ohrenbetäubende Musik. Eine Frau schreit: "Die Türkei ist groß" in ein Mikrophon. Jubel neben ihr. Fußballatmosphäre im ISS-Dom, einem Stadion. Der Verein der Menschen heißt Recep Tayyip Erdogan.

Treffen mit Merkel

Der türkische Premier ist nach Deutschland gekommen. Er will die Kanzlerin treffen. Als erstes aber will er zu seinen "Landsleuten" sprechen. Zu denen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, die hier geboren sind, von denen viele den deutschen Pass haben.

Sie sind aus ganz Deutschland gekommen, um ihn live zu erleben, rund 10.000 Menschen insgesamt. Sie sagen Dinge wie: "Die Deutschen werden uns nie akzeptieren, dafür haben wir Erdogan", oder: "Endlich fühlt sich jemand für uns zuständig, zum ersten Mal vergisst ein türkischer Premierminister nicht seine Landsleute im Ausland." Eine Frau meint: "Erdogan wird es vielleicht schaffen, dass Merkel uns als Teil dieser Gesellschaft sieht. Er ist unser Retter."

"Ich bin hier, um zu zeigen, dass ihr nicht alleine seid!"

Der Retter kommt mit beinahe anderthalb Stunden Verspätung auf die Bühne. "Die Türkei ist stolz auf dich", skandiert die Masse mitten im Rheinland. "Wir sind stolz auf euch", ruft Erdogan zurück.

Er will gleich zu Beginn die Herzen der Menschen ansprechen, ohne Umwege: "Ich bin hier, um mit euch eure Sehnsucht zu fühlen, ich bin hier, um nach eurem Wohl zu schauen", sagt er. "Ich bin hier, um zu zeigen, dass ihr nicht alleine seid!"

Erdogan will den Menschen eine klare Identität geben. "Man nennt euch Gastarbeiter, Ausländer oder Deutschtürken. Aber egal, wie euch alle nennen: Ihr seid meine Staatsbürger, ihr seid meine Leute, ihr seid meine Freunde, ihr seid meine Geschwister!" Es ist eine Doppelansage: "Ihr gehört zu Deutschland, aber ihr gehört auch zu der großen Türkei", so der türkische Premier.

Wie ein Wahlkampfauftritt

Vieles aus seiner Rede klingt wie ein innenpolitischer Wahlkampfauftritt - im Sommer sind Wahlen in der Türkei. Tatsächlich wirbt Erdogan auch um Stimmen bei Deutschlands Türkischstämmigen - bei früheren Wahlen sind Migranten mit türkischem Pass nach Ankara, Istanbul, Antalya gereist, nur um am Flughafen ihre Stimme abzugeben.

Immer wieder stellt Erdogan deshalb in seiner Rede die Erfolge seiner Regierung heraus, zeichnet das Bild einer modernen Großmacht. "Wir sind kein Land, das nur Hilfe in Anspruch nimmt, wie geben auch Hilfe", sagt er. Oder: "Jetzt fahren meine Landsleute nicht mehr mit Bussen, sie fliegen." Auch martialische Töne finden sich in seiner Rede: "Jetzt wird die Türkei endlich ihre eigenen Kriegsflugzeuge bauen."

Mit Blick auf eine Mitgliedschaft in der EU inszeniert sich Erdogan als Förderer von Demokratie und Meinungsfreiheit. Alle Künstler und Schriftsteller, die aus politischen Gründen aus der Türkei ins Exil gegangen seien, sollten zurückkehren, die Türkei sei im Wandel.

Forderung nach Kurswechsel

Der Premier hatte bereits vor seinem Auftritt in einem Zeitungsinterview Bundeskanzlerin Merkel aufgefordert, einen Kurswechsel bei ihrer Haltung zu einem EU-Beitritt zu vollziehen. "Nie zuvor wurden einem Beitrittsland solche politischen Hindernisse in den Weg gelegt", sagte Erdogan.

Menschenrechte, Innovationen, Fortschritt - zu den Menschen in Deutschland kommt der türkische Premier in Düsseldorf erst spät in seiner Rede. Das Dorfleben, das die Menschen aus den sechziger Jahren aus der Türkei kennen, gebe es nicht mehr. "Wir können nicht mehr darauf hängen bleiben", sagt er. "Ich will, dass ihr Deutsch lernt, dass eure Kinder Deutsch lernen, sie sollen studieren, ihren Master machen. Ich will, dass ihr Ärzte, Professoren und Politiker in Deutschland werdet", sagt Erdogan.

Warnung vor "Anpassung"

Und dann wiederholt er das, was bei seiner Rede in Köln vor drei Jahren für Wirbel sorgte, seine Warnung vor Anpassung: "Ja, integriert euch in die deutsche Gesellschaft, aber assimiliert euch nicht. Keiner hat das Recht uns von unserer Kultur und Identität zu trennen."

Erdogan weiß selbst, dass dieser Ausspruch in Deutschland eine Provokation darstellt - denn kein Politiker fordert von türkischen Migranten, ihre Herkunft zu verleugnen, ihre Kultur aufzugeben. Er sagt deshalb: "Morgen werden das die deutschen Zeitungen aufgreifen, aber das ist ein Fehler. "

Ähnlich seine Botschaft, die er gläubigen Muslimen mitgibt. Die Religionsfeindlichkeit nehme zu. "Islamophobie ist genauso anzusehen wie Antisemitismus", sagt Erdogan.

Erdogan verspricht doppelte Staatsbürgerschaft light

Und dann hat er noch ein konkretes Geschenk mitgebracht für seine Landsleute - eine doppelte Staatsbürgerschaft light. Die "blaue Karte", mit der Migranten, die einen deutschen Pass haben, in der Türkei mehr Rechte haben, soll aufgewertet werden. Wer die Karte besitzt, soll auf Behörden und in Banken die gleichen Rechte haben wie ein türkischer Staatsbürger.

Minutenlang regnet es rot-weißes Konfetti von der Bühne - der Auftritt von Erdogan ist vorbei.

Es war ein Aufruf zur Integration unter strengen Bedingungen - die Botschaft: Passt euch ein kleines bisschen an, lasst euch nicht schlecht behandeln und wenn was ist, dann bin ich euer Rettungsanker! Es war eine Rede, es war eine Inszenierung, die nicht die Zugehörigkeit zu Deutschland bestärkt hat - Erdogan appellierte unablässig an das türkische Nationalgefühl derer, die seit vier Generationen in Deutschland zu Hause sein müssten.

Eine Frau steht tränenüberströmt am Ausgang des Stadions: "Ich brauche in diesem Jahr keinen Sommerurlaub mehr. Mit meinem Herzen war ich nämlich eben gerade stundenlang in Anatolien."


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Quelle: Spiegel Online

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