Trügerische Sicherheit: Wartungsarbeiten wurden im Protokoll zwar vermerkt, aber offenbar häufig nicht durchgeführt (Foto: ddp)
Im Skandal um das Berliner S-Bahn-Chaos lässt die verantwortliche Deutsche Bahn AG nun prüfen, ob Mitarbeiter womöglich Protokolle zur technischen Wartung gefälscht haben. Dies berichteten übereinstimmend die Nachrichtenmagazine "Focus" und "Spiegel" vorab.
Die Mängel an vielen Achsen und Rädern der S-Bahnen könnte die Deutsche Bahn laut "Focus" bis zu 200 Millionen Euro kosten.
Bahn gibt Fälschungen zu
Der Bahnvorstand soll dem "Focus" zufolge jetzt zugegeben haben, dass seit 2004 "systematisch gegen Tauschvorschriften bei Bremszylindern" an den S-Bahn-Wagen verstoßen worden sei. Jedoch seien die vorgeschriebenen Kontrollen in allen Wartungsprotokollen als "ordnungsgemäß durchgeführt" vermerkt und damit gefälscht worden. Bei fast 300 Zügen müssten laut Aufsichtsratskreisen womöglich bis zu 4800 Bremszylinder ausgetauscht werden.
Sparauflagen der Bahn erfüllt
Der "Spiegel" berichtete unter Berufung auf "Insider", dass Mechaniker den Auftrag hatten, den "Materialeinsatz auf Null" zu bringen. Zudem seien seit 2002 mehr als 40 Prozent der Stellen in der Instandhaltung abgebaut worden, um Sparauflagen der Deutschen Bahn zu erfüllen. Selbst notwendige Spezialwerkzeuge fehlten.
Unabhängige Ermittler sollen Aufklärung bringen
Die Deutsche Bahn will die Missstände bei der Berliner S-Bahn von unabhängigen Ermittlern aufklären lassen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und eine Berliner Anwaltskanzlei sollen nun laut "Spiegel" herausfinden, wer dafür verantwortlich ist, dass Wartungsprotokolle manipuliert wurden und vorgeschriebene Instandhaltungsarbeiten unterblieben.
Bis zu 200 Millionen Euro Schaden
Laut "Focus" räumte DB-Finanzvorstand Diethelm Sack nach Informationen von Aufsichtskreisen intern ein, dass der Schaden für den Konzern im Extremfall zwischen 100 und 200 Millionen Euro liegen könne.
Thierse fordert Übernahme der S-Bahn
Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse warf der Deutschen Bahn unterdessen "verantwortungslose Einsparungen zugunsten höherer Gewinne" vor. Der SPD-Politiker sprach sich in der Tageszeitung "Berliner Kurier" für eine Übernahme der S-Bahn durch die Berliner Verkehrsgesellschaft aus. Wegen der zahlreichen technischen Mängel fahren in der Hauptstadt derzeit nur ungefähr ein Viertel der etwa 650 Zwei-Wagen-Züge.