08.12.2010, 13:16 Uhr | Von Sarah Klein, dpa
Mitglieder der türkischen Männergruppe "Väteraufbruch Neukölln" diskutieren bei einem Treffen in Berlin (Foto: dpa) (Quelle: dpa)
Macho oder aktiver Familienvater? Die Rollenbilder türkischerMänner in Deutschland sind in Bewegung. In Berlin reden türkische Väter darüber - in einer Männergruppe.
In der kleinen Erdgeschosswohnung in Berlin-Neukölln riecht es nach Schwarztee und Mandarinen. Rund 20 Männer mit türkischen Wurzeln sitzen entspannt zusammen, der Jüngste ist 16, der Älteste 67 Jahre alt. Was sie verbindet, ist die Suche nach ihrer Identität als türkische Väter in der deutschen Gesellschaft. "Türkische Väter schwanken zwischen Machogehabe, Familienvater und Verlierer", sagt ein junger Mann. Welche Rolle ist die richtige?
Beim "Väteraufbruch Neukölln" sind die Männer unter sich. Sie reden offen. Kazim Erdogan (57) hat die wöchentlichen Treffen ins Leben gerufen. Der hagere Mann lebt seit 36 Jahren in Deutschland und arbeitet als Psychologe beim Jugendamt Neukölln. Er kennt den klassischen Berliner Migrantenkiez und seine Landsleute. Auch er ist Vater von zwei Töchtern. Erdogan weiß, was türkische Männer bewegt. Ihm ist der Austausch wichtig. Wie können türkische Männer Verantwortung übernehmen? Für ihn reicht Verantwortung von der Bildung der Kinder bis zur aktiven Teilhabe an Politik.
Erdogan weiß aber auch, dass es noch an Vielem fehlt. Erst wenige türkische Vater bringen ihre Kinder zur Kita oder gehen zum Elternabend in der Schule. "Die Väter stehlen sich aus der Verantwortung, wenn man sie nicht für solche Themen sensibilisiert", sagt Erdogan.
Die Väter folgen seiner Einladung. Denn viele stellen sich ähnliche Fragen: Welche Rolle habe ich als Mann und Vater, wenn patriarchalische Alltagsstrukturen sich überlebt haben? Der Druck kommt auch von den eigenen Ehefrauen. Viele Türkinnen in Berlin wollen keine Paschas mehr zu Hause. Sie fordern Hilfe bei der Kindererziehung und im Haushalt.
Manchmal sind die eigenen Nöte ein Grund für die Passivität türkischer Männer. Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit und Kommunikationsschwierigkeiten lasten auf vielen. Am unteren Ende des großen Tischs sitzt Hasan Arici, ein Mann um die 50, mit Schnurrbart, buschigen Augenbrauen und leiser Stimme. Deutsch hat er auf dem Bau gelernt. Doch dann schlitterte er in die Alkoholabhängigkeit. Nun dürfe er seine Frau und seine zwei Kinder nicht mehr sehen, sagt er leise.
Es gibt aber nicht nur die Traurigen beim "Väteraufbruch". Dort reden auch die Tatkräftigen. "Wir türkischen Männer wollen nicht mehr nur der Macho sein", sagt Aydin Bilge (39). "Es ist zum Beispiel sehr wichtig, dass wir mit unseren Kindern offen über Sexualität reden." Nach einer kurzen Pause ergänzt er: "Wir Väter müssen genauso wie andere an uns arbeiten." Männer hätten nicht einfach immer nur Recht.
Der Großteil der Diskussionen läuft auf Türkisch, obwohl die meisten Männer fließend Deutsch sprechen. "Wenn wir nur Deutsch reden würden, würde die Hälfte nicht kommen", sagt Onursah Özkaya, der in Berlin Pädagogik studiert. Über emotionale Themen könne man am besten in seiner Muttersprache reden. "Bei uns hier gibt es überhaupt kein Tabuthema", wirbt Gründer Erdogan.
Väter und Männer für Bildung und Erziehung zu sensibilisieren, gehört zur Grundidee des "Väteraufbruchs". Es geht auch darum, Gewalt aus den Familien zu verbannen. Damit ist das Projekt aus Neukölln deutschlandweit einzigartig. Stolz zeigen die Männer die gerahmte Urkunde herum, mit der ihr Projekt vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet wurde. Es gab ein Preisgeld in Höhe von 3500 Euro. Ähnliche Männer- und Vätergruppen sind nun in Duisburg, Dortmund, Köln, Frankfurt (Main) und Hamburg geplant. Sogar aus Österreich kamen schon Anfragen.
Die Männer des "Väteraufbruchs" verstehen sich als Vorbilder und Multiplikatoren, im Bekanntenkreis, in ihren Vereinen oder in der Moschee. Sie arbeiten auch mit Kitas und Schulen im Bezirk zusammen. Viele türkische Frauen begrüßen das Engagement. Aus ihrer Sicht könnte es sogar noch viel weiter gehen. Stadtteilmütter wünschen sich Pädagogik- und Kindererziehungskurse für junge türkische Väter. Sie wollen sie mitnehmen auf dem Weg in eine modernes Großstadtleben.
Von Sarah Klein, dpa
avj schrieb:
am 8. Dezember 2010 um 21:05:06
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Türkische Männergruppe
Ich finde es schön, daß sich offenbar etwas tut. Irgendwann wird nochmal groß in den Medien davon berichtet, wenn
der erste türkisch-/arabischstämmige Vater Erziehungsurlaub nimmt, aber dann wird es genauso zum Normalfall werden wie hoffentlich bei den deutschstämmigen Vätern irgendwann auch.
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Sofort schrieb:
am 8. Dezember 2010 um 20:14:22
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Machos/Paschas
Ach ist das schön. Für Geld wollen sie nicht mehr "nur Machos" sein. 3500 €
Preisgeld können da nur ein Anfang sein. Die
Stadtteilmütter wünschen(fordern) schon mal vom Staat Pädagogik- und Kindererziehungskurse für die türkischen Väter.
Als nächster Schritt wäre natürlich auch eine Prämie für die türkischen Väter, die dann daran teilnehmen , nicht schlecht.
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