01.02.2009, 11:43 Uhr | Von Andreas Rabenstein, dpa
Die Karte der brennenden Autos in Berlin - klicken Sie für die Großversion auf die Karte zu Brennende-Autos.de
Nachts in Berlin-Kreuzberg. Die Straßen sind leer, auf den von Gaslaternen nur schlecht beleuchteten Bürgersteigen geht ab und zu ein letzter Kneipenbesucher nach Hause. Einer bückt sich, kaum hörbar klickt ein Feuerzeug. Nach wenigen Sekunden geht der Mann weiter und verschwindet in der Dunkelheit. Minuten später riecht es nach verbranntem Gummi.
Vom Reifen eines geparkten Autos züngeln kleine Flammen auf. Der Motorraum des Wagens beginnt zu brennen. Bald schlagen die Flammen meterhoch. Zurück bleibt später ein verkohlter Metallhaufen. So muss man sich das Vorgehen der Berliner Brandstifter wohl vorstellen. Fast 300 Autos sind seit 2006 abgefackelt worden. Allein im Januar 2009 waren es schon 24.
Polizeipräsident: Anschläge meist nicht zu verhindern
Die Berliner Polizei gibt sich kämpferisch, ist aber weitgehend machtlos gegen die Anschläge aus der linksextremen Szene. "Wir tun alles, was sinnvoll ist", sagt Polizeipräsident Dieter Glietsch. Die CDU kritisiert, der rot-rote Senat in Berlin habe die Polizei "kaputt gespart". Glietsch hält dagegen: "Die Polizei kann, auch wenn sie 1000 oder 2000 Leute mehr hätte, nicht jeden Anschlag verhindern oder aufklären." Das Anzünden eines Autos sei "relativ risikoarm", gestand der oberste Polizist der Hauptstadt ein.
Gewohntes Bild in Berlin: ein abgebranntes Auto in der Straßen der deutschen Hauptstadt (Quelle: ddp)
Anschläge immer nach Mitternacht
Es gibt zu viele dunkle Straßen in den Innenstadtteilen Kreuzberg, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain. Früher waren sie fest in linker Hand, nun stehen auch teure Sportwagen und Limousinen im ehemals alternativen Kiez. Und ein brennender Grillanzünder ist schnell auf einem Reifen platziert. Die beliebten Stunden für die Anschläge liegen weit nach Mitternacht. "Zu diesen Zeiten fallen Polizisten, auch wenn sie in Zivil auftreten, einfach auf", stellt Glietsch fest. "Dann geht der Brandstifter ein paar Straßen weiter oder wartet eine halbe Stunde."
Überwachungskameras und Abhörtechnik
Über den Einsatz von Überwachungstechnik gegen Feuerteufel äußert sich die Polizei nicht. Es heißt aber aus informierten Kreisen, dass teure Autos als Lockvögel platziert und von Kameras beobachtet wurden. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hält auch das Abhören von Telefonen für sinnvoll. Die dringend gewünschten Erfolge wurden aber auch damit nicht erzielt.
Zeugen gibt es fast nie
Das geringe Risiko dürfte ein Grund für den anhaltenden Boom der Anschläge sein. Für Brandanschläge gibt es fast nie Zeugen. Selbst einem jungen Mann, der nachts mit Grillanzündern, Feuerzeug und Latexhandschuhen festgenommen wurde, ließ sich keine Tat nachweisen.
Internetseite zeigt Anschlagsorte
Ganz oben auf der Liste der selbst ernannten linken Kiez-Guerilla stehen die Marken Porsche, Mercedes, BMW und Audi. Die private Internetseite www.brennende-autos.de listet sie alle auf. Es brennen aber auch Transporter der Bahn oder Autos, die zufällig in der Nähe der lodernden Flammen stehen. In Bekennerschreiben brüstet sich etwa die Gruppe "Bewegung für militanten Widerstand (BMW)" mit dem Kampf gegen den Umbau ihres Stadtviertels. Anderen geht es um weltweite Kriege oder die Umweltverschmutzung. Den Besitzer eines abgebrannten Golfs ohne Vollkaskoversicherung wird das kaum beruhigen.
Welle könnte wieder abebben
SPD-Politiker Körting hofft, dass die politische Brand-Mode wieder von selber erlischt. Schon 1999 habe es eine ähnliche kurzzeitige Welle von Anschlägen gegeben. Außerdem sei eine freie Gesellschaft für derartige Kriminalität nun mal anfällig: "Damit müssen wir auch leben." Polizeipräsident Glietsch ließ auf die Frage, ob nicht die Autoindustrie eine Lösung bereit halte, wenig Hoffnung erkennen. "Es gibt bisher von keinem Produzenten ein Auto, das man nicht anzünden kann."