Eine regnerische Angelegenheit war das "Fest der Freiheit" für zehntausende Zuschauer in Berlin (Foto: Reuters)Symbolischer konnte es nicht sein: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie die Staats- und Regierungschefs vieler Länder durchschritten am Montagabend das hell erleuchtete Brandenburger Tor in Berlin, das Sinnbild für ein wiedervereinigtes Deutschland und den Mauerfall am 9. November 1989. "Für mich war es der glücklichste Moment meines Lebens", sagte Merkel in ihrer Ansprache. Anschließend fiel die Mauer noch einmal - sie war allerdings nicht aus Beton gefertigt, sondern aus Styropor-Dominosteinen. Den ganzen Tag lang feierten Zehntausende das Mauerfall-Jubiläum, das sogenannte "Fest der Freiheit", in der deutschen Hauptstadt.
Der 9. November 1989 sei "wahrhaft eine glückliche Stunde der deutschen und europäische Geschichte", sagte Merkel. Sie erinnerte allerdings auch an die Reichspogromnacht am gleichen Tag vor 71 Jahren. Freiheit müsse immer wieder erkämpft und verteidigt werden, mahnte sie. Die Feiern am Brandenburger Tor waren der Höhepunkt des offiziellen Jubiläums, das größtenteils bei strömendem Regen stattfand.
Unter den Staatsgästen waren stellvertretend für die Alliierten Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy, der britische Premierminister Gordon Brown und US-Außenministerin Hillary Clinton sowie Russlands Präsident Dmitri Medwedew, die jeweils eine kurze Ansprache hielten. Außerdem gab es eine Videobotschaft von US-Präsident Barack Obama. Die Staatsgäste hatten zuvor einem Konzert am Brandenburger Tor gelauscht. Es endete mit dem Gassenhauer "Berliner Luft", gesungen vom Startenor Placido Domingo und machte den Gästen so gute Laune, dass einige auf ihren Plätzen wippten und klatschten.
"Unglaubliche Ermutigung"
Anschließend wurde der Mauerfall noch einmal symbolisch begangen. Den ersten der jeweils 20 Kilo schweren symbolischen Mauerstücke aus Styropor, bunt bemalt von Jugendlichen, stieß der Mitbegründer der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, Lech Walesa, zusammen mit dem früheren ungarischen Ministerpräsidenten Miklos Nemeth um. Ohne die Reformbewegungen in den beiden Ländern wäre es zum Mauerfall in Deutschland wohl nicht gekommen. Solidarnosc, das betonte Merkel an diesem Tag mehrfach, war "für uns alle eine unglaubliche Ermutigung". Insgesamt waren auf einer Strecke von 1,5 Kilometern verzierte Steine entlang dem ursprünglichen Verlauf der Mauer in der Berliner Innenstadt aufgestellt worden.
"Sie kennen das Gefühl"
Am Nachmittag hatten sich Tausende am ehemaligen Grenzübergang an der Bornholmer Straße versammelt. Merkel lief mit Ex-Sowjet-Staatschef Michail Gorbatschow und Walesa über die Bösebrücke von Ost nach West. Es sei ihr ein Bedürfnis gewesen, heute "in dieser Runde an dieser Stelle" zusammenzukommen, sagte die Kanzlerin sichtlich gerührt. Dort traf Merkel auch die beiden Zeitzeugen Helfried und Petra Fischer, die ihr ein Foto von sich überreichten. "Wir waren beseelt, aber Sie kennen das Gefühl ja", sagte Helfried Fischer zur Bundeskanzlerin.
Das Ende der Passkontrollen
Tatsächlich gehörte auch Merkel zu den vielen tausend Menschen, die zum nördlichsten der sieben innerstädtischen Grenzübergänge in Berlin gelaufen waren, nachdem das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski vor exakt 20 Jahren im Fernsehen die Erklärung zur Reisefreiheit verlesen hatte. Gegen 23.30 Uhr wurden die Passkontrollen eingestellt und die DDR-Bürger strömten über die Brücke nach West-Berlin.
Merkel kam erst am nächsten Tag
Die Bundeskanzlerin hatte bereits am Mittag bei der "Falling Walls Conference" der Einstein-Stiftung erzählt, wie sie als Ostdeutsche den Mauerfall erlebte. Die damals 35-jährige Wissenschaftlerin im Zentralinstitut für Physikalische Chemie in Adlershof blieb auch da schon bei aller Feierlaune diszipliniert. Statt sich zum Kurfürstendamm durchzuschlagen, beließ sie es bei einer Stippvisite. Sie wollte "ordentlich" am nächsten Tag ihre Arbeit beginnen und "nicht gleich mit dem Kopf auf den Schreibtisch sinken", erzählte sie. Zu einem längeren Aufenthalt nach West-Berlin begab Merkel sich dann erst am nächsten Tag.