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Bericht enthüllt weltweites Naturkatastrophen-Risiko

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Bericht enthüllt weltweites Naturkatastrophen-Risiko

16.06.2011, 14:16 Uhr | Von Axel Bojanowski

Anhand der Farben wird deutlich, in welchen Regionen der Welt die Gefahr von Naturkatastrophen besonders hoch ist (Karte: WeltRisikoBericht 2011)

Anhand der Farben wird deutlich, in welchen Regionen der Welt die Gefahr von Naturkatastrophen besonders hoch ist (Karte: WeltRisikoBericht 2011)

Vanuatu ganz oben, Katar unten: Eine Rangliste der Universität der UNO zeigt, wie stark Länder von Naturgewalten bedroht sind. Drei hochentwickelte Staaten finden sich an heikler Position. Deutschland steht scheinbar gut da - doch zwei Ereignisse könnten für extreme Katastrophen sorgen.

Die makabre Tabelle ist von eindringlicher Schlichtheit: Je weiter oben ein Land steht, desto eher kommt man dort bei einer Naturkatastrophe ums Leben. Der Weltrisikobericht, den Wissenschaftler der Universität der Vereinten Nationen (UNU) und Entwicklungshelfer veröffentlicht haben, zeigt die weltweite Bedrohung durch Naturgewalten. Die Rangliste offenbart ein fatales Gesetz: Katastrophen suchen meist arme Länder heim. Denn Stürme, Erdbeben, Fluten oder Dürren werden oft erst dann zum Desaster, wenn Bewohner sich nicht ausreichend gegen die Gefahren geschützt haben.

Ganz oben auf der Liste finden sich Pazifikinseln: Vanuatu und Tonga erwarten Erdbeben und Tsunamis, die Philippinen müssen zudem noch mit Vulkanausbrüchen und Erdrutschen rechnen. Am sichersten vor Naturgewalten ist man in Katar und Malta; Deutschland liegt auf Rang 150 von 173 bewerteten Staaten. Manche Länder wurden wegen Datenmangels nicht berücksichtigt.

Von den hochentwickelten Staaten steht Japan mit Platz 35 am höchsten auf der Liste und damit unter den besonders bedrohten Ländern - obwohl die Industrienation bei den Sicherungsmaßnahmen an der Weltspitze liegt. Doch Japan wird von geologischen Kräften in die Zange genommen, wie das extreme Tsunami-Beben am 11. März dieses Jahres bewiesen hat.

Gefahr in Europa

Als zweites westliches Land folgen die Niederlande auf Rang 69, die von Deichen geschützt großenteils unter dem Meeresspiegel liegen. Doch der anschwellende Meeresspiegel bedrohe das Land zunehmend, heißt es im UNU-Risikobericht. Der Bericht legt allerdings mit einem erwarteten Meeresanstieg von 90 Zentimeter bis 1,60 Meter in den kommenden 90 Jahren Extremwerte neuer Studien zugrunde - der UNO-Klimareport von 2007 erwartet in diesem Zeitraum höchstens 59 Zentimeter Anstieg. Gleichwohl: Zwei Drittel der Menschheit leben weniger als 50 Kilometer von einer Küste entfernt - für sie könnte sich das Sturmflutrisiko in Zukunft erhöhen.

Griechenland auf Platz 79 ist dem Report zufolge das dritte westliche Land, das mit einem größeren Risiko leben muss - vor allem Beben und Tsunamis gefährden den südeuropäischen Staat.

Die Rangliste mit ihren exakten Zahlen suggeriert zwar wissenschaftliche Präzision. Doch die Kalkulationen des Weltrisikoreports fußen eigentlich auf groben Abschätzungen - die Tabelle bietet folglich nur einen ungefähren Überblick: "Verdeutlicht wird, in welchen Ländern besondere Schwierigkeiten bei der Bewältigung von Naturkatastrophen auftreten können", sagt der wissenschaftliche Leiter des Projekts, Jörn Birkmann vom Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der UNU.

Bedrohtes Deutschland

Jederzeit könnte jedoch das Rheinland von einem Beben der Stärke 6,5 erschüttert oder ganz Deutschland von einem schweren Orkan heimgesucht werden - dann wäre der gute Ranglistenplatz für Deutschland Makulatur: Versicherungen kalkulieren für jedes dieser Ereignisse mit Schäden von rund hundert Milliarden Euro - und vielen Toten.

Die Wissenschaftler der UNU haben für den Weltrisikobericht unter anderem Daten aus folgenden Bereichen ausgewertet:

  • die von Naturgefahren betroffene Bevölkerung
  • Anfälligkeit von Verkehrswegen, Wohnungen und Versorgung
  • Wirtschaft, Ernährung, medizinische Versorgung
  • politische Lage, soziale Absicherung
  • Bildung, Forschung, Warnsysteme

Ein Katastrophenrisiko sei sowohl auf die Gefährdung durch Naturgefahren als auch auf die Verwundbarkeit der Gesellschaft zurückzuführen, bilanziert Peter Mucke, der Geschäftsführer des Bündnisses Entwicklung Hilft, das die Studie in Auftrag gegeben hat. "Extreme Naturereignisse müssen nicht unbedingt zu Katastrophen werden, denn das Risiko hängt nicht allein von der Gefährdung ab, sondern wird ganz wesentlich durch soziale und wirtschaftliche Faktoren bestimmt", sagt er.

Gleiches Ereignis - unterschiedliche Wirkung

Dieses Gesetz zeigte sich im vergangenen Jahr, als nacheinander Großstädte in Haiti und Neuseeland von Erdbeben gleicher Stärke getroffen wurden. Auch sonst ähnelten sich beide Beben verblüffend: Sie ereigneten sich flach unter der Erde nahe einer Großstadt und entstanden auf ähnliche Weise. Doch einen entscheidenden Unterschied gab es: In Haiti starben Hunderttausende Menschen, in Neuseeland blieb es bei Gebäudeschäden. Erst bei einem weiteren Beben in diesem Jahr starben in Neuseeland dann doch Menschen - geologische Spezialeffekte hatten die Erschütterungen verstärkt.

In Neuseeland werden Häuser seit Jahrzehnten auf Erschütterungen vorbereitet. Viele Bauten sind sogar aus Holz, selbst ihr Kollaps ist nicht zwingend tödlich. In Haiti hingegen wurden selbst grundlegende Sicherungsmaßnahmen ignoriert, die Häuser krachten bei den Erdstößen sofort zusammen.

In wirtschaftlich starken Nationen wie Japan oder den USA werden seit Jahrzehnten hohe Summen in die erdbebensichere Architektur der Gebäude investiert. Dort wurden etwa Hochhäuser auf Hartgummiklötzen errichtet, die einen Teil der Energie eines Bebens aufnehmen können und die Schwingung damit dämpfen. Auch in ärmeren Ländern existieren Vorschriften für erdbebensichere Bauweisen. Gleichwohl hapert es an ihrer Umsetzung.

Schulkinder in Todesgefahr

Insbesondere größere Gebäude wie Krankenhäuser, Schulen, Hotels und Geschäftsgebäude müssen gesichert werden. Denn große offene Räume im Erdgeschoss müssen viele Stockwerke tragen, schon leichte Erschütterungen können solche Hochhäuser einstürzen lassen.

Eine Studie der Vereinten Nationen hatte bereits vor zehn Jahren gewarnt, dass ein Schulkind in der pakistanischen Hauptstadt 400-mal wahrscheinlicher ums Leben kommt als ein Schüler im gleichermaßen erdbebengefährdeten japanischen Kobe - tatsächlich wurden bei einem Beben in Pakistan 2005 Hunderte Schulkinder von Betondecken ihrer Schulen erschlagen.

In Katmandu würden bei einem schweren Beben, laut UNO-Studie, siebenmal mehr Menschen sterben als in der japanischen Hauptstadt, deren Großraum 20-mal mehr Einwohner hat. Was hätte ein Beben der Stärke 9 wie am 11. März in Japan also erst in armen Ländern angerichtet?

Allerdings schützt selbst Top-Technologie nicht immer vor Katastrophen, das zeigte das extreme Seebeben vor Japan im März: Japans Vorkehrungen gegen Erdbeben und Tsunamis gelten als die fortschrittlichsten der Welt. Dennoch kam es zur ganz großen Katastrophe: einem Super-GAU in einem Atomkraftwerk. Vom "unberechenbaren Risiko Atomenergie" schreibt der Weltrisikobericht. AKW in weniger entwickelten Ländern seien sogar schon bei schwächeren Beben als in Japan in Gefahr. Ob das Erdbebenrisiko für deutsche AKW korrekt eingeschätzt wird, erscheint Geoforschern ebenfalls zweifelhaft.

Lösungen vorgeschlagen

Experten schlagen diverse Vorkehrungen vor: Größere Neubauten wie Schulen sollten etwa in Bangladesch zu Notunterkünften für Wirbelsturm-Betroffene umfunktioniert werden können. Straßen müssten bei einem Taifun auch als Entwässerungskanäle fungieren - wie bereits mancherorts in Japan oder Malaysia.

Ein anderes, kostengünstiges Mittel gegen Personenschäden bei Naturkatastrophen seien Gesetzesänderungen wie etwa die Stärkung von Besitzrechten, konstatierte die Weltbank jüngst in ihrem Jahresbericht: Sind Menschen sich ihres Eigentums sicher, kümmerten sie sich mehr um dessen Zustand und Unterhalt.

Behörden sollten Bürger zudem umfassender vor Gefahren warnen, um Schäden durch Naturgewalten zu verringern, heißt es im UNU-Bericht. Doch die Realität sieht selbst in Europa oft anders aus: Ein Tsunami-Warnsystem im Mittelmeer etwa scheitert an Bürokraten der Anrainerstaaten, die sich nicht auf eine Aufteilung der vergleichsweise geringen Kosten einigen können.


Von Axel Bojanowski  

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