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Bergleute in Chile: Keiner will der Erste sein

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Bergleute in Chile: Keiner will der Erste sein

12.10.2010, 15:28 Uhr | von Simone Utler

Chile: Seit 70 Tagen sitzen die 33 Bergleute unter Tage fest - doch ihre nahende Rückkehr ans Tageslicht ist auch mit Ängsten verbunden (Foto: dpa)

Seit 70 Tagen sitzen die 33 chilenischen Bergleute unter Tage fest - doch ihre nahende Rückkehr ans Tageslicht ist auch mit Ängsten verbunden (Foto: dpa)

Es ist ein Grund zur Freude: Ab Mittwochnacht sollen die 33 in Chile verschütteten Bergleute mit einer Spezialkapsel nach 70 Tagen aus rund 700 Metern Tiefe gerettet werden. Doch manche Kumpel spüren auch Angst - sie möchten nicht als Erste die Reise nach oben antreten.

Am Anfang war die Angst. Die Angst, lebendig begraben zu sein, zu ersticken, zu verdursten, zu verhungern. Seit dem 5. August sind 33 Bergleute in der Gold- und Kupfermine St. José im Norden Chiles verschüttet - nun steht ihre Rettung unmittelbar bevor. Am Mittwoch um 20 Uhr Ortszeit (1 Uhr MESZ) soll der erste Kumpel mit einer Spezialkapsel nach oben geholt werden. Jede Fahrt dauert etwa eine Stunde: Nach eineinhalb bis zwei Tagen sollen alle Bergleute an der Oberfläche sein. Es ist Zeit für überschäumende Freude, für Jubel - aber wieder ist auch die Angst da.

Hoffen auf das Wunder von Copiapó

"Die größte Angst ist derzeit sicherlich die vor technischen Problemen - und die besteht unten bei den Bergleuten ebenso wie oben bei den Helfern", sagt Angstforscher Borwin Bandelow, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie Diplom-Psychologe. Die Techniker wüssten, dass die ganze Rettungsaktion nicht so einfach sei - und das sei sicher auch den verschütteten Bergleuten klar.

Die Kumpel sollen in der weiß-rot-blauen Rettungskapsel "Phönix" an die Oberfläche gezogen werden. Die von Ingenieuren der chilenischen Marine gebaute Kapsel - mit Mikrofon, Lautsprecher und Sauerstoffflaschen ausgestattet - ist eine Weiterentwicklung der sogenannten Dahlbusch-Bombe. Diese wurde 1955 von Ingenieuren der Zeche Dahlbusch in Gelsenkirchen entwickelt und bei der spektakulären Rettung beim Grubenunglück von Lengede 1963 eingesetzt. Doch noch ist unklar, ob auch Copiapó ein Wunder erlebt.

Was passiert, wenn die Kapsel hängen bleibt?

Der von dem Schramm-Bohrer gefräste Rettungsschacht verläuft nicht immer ganz senkrecht und gerade. In rund 56 Metern Tiefe ist der Schacht leicht gekrümmt und musste bis dorthin mit Metallrohren stabilisiert werden. Diese sollen verhindern, dass Steine herausbrechen und in die Tiefe donnern - oder sich zwischen Rettungskapsel und Felswand verklemmen. Kann "Phönix" abstürzen? Was passiert, wenn die Kapsel hängen bleibt? Kann der Schacht einbrechen und Geröll nach unten fallen? Das sind derzeit drängende Fragen.

Einige Kumpel fürchten sich vor der Rettungsfahrt, wollen nicht als Erste in der nur 53 Zentimeter breiten Kapsel nach oben gezogen werden. Alberto Segovia berichtete, sein Bruder Dario sei "sehr froh, aber sehr, sehr nervös" vor der Rettung: "Er will nicht der Erste sein, weil er Angst hat. Keiner will der Erste sein. Stell dir vor, 700 Meter nach oben zu fahren." Auch Victor Segovia sei "sehr aufgeregt", sagte seine Schwester Clarina: "Er hat Angst vor der Kapsel." Aber er wisse, dies sei die einzige Möglichkeit zur Rettung.

"Aber ich möchte gerne als Letzter raus"

Tatsächlich sei der Erste ist in einer besonderen Situation, sagte Bandelow SPIEGEL ONLINE. Denn technisch könne einiges schiefgehen. Sei man hingegen die Nummer drei oder vier habe man schon bei Kollegen gesehen, dass es funktioniert. "Der Letzte zu sein ist hingegen kein Problem - man muss lediglich länger warten."

Unter Tage hat kurz vor der Rettung die Diskussion darüber begonnen, wer bis zuletzt unten bleiben darf - so wie der Kapitän auf dem sinkenden Schiff. Auf die Nachricht von Chiles Gesundheitsminister Jaime Manalich, dass eine Reihenfolge für die Rettung festgelegt worden sei, meldete sich Luis Urzua, der Boss: "Sehr gut, Herr Minister, aber ich möchte gerne als Letzter raus." Da dieser jedoch schon älter ist, hätten andere darum gebeten, bis zum Schluss zu bleiben. Unter den Bergleuten herrsche Teamgeist und Solidarität, sagte der Minister.

Die körperlich Stärksten kommen zuletzt

Im Großen und Ganzen steht die Reihenfolge der Rettung fest: Zuerst kommen die geistig Fittesten, dann die Schwächsten und am Ende die körperlich Stärksten. "Es hängt davon ab, wie die Retter die Jungs unten vorfinden", sagte der Chef-Psychologe des Rettungsteams vor Ort, Alberto Iturra.

Denn neben technischen Problemen birgt der Aufstieg auch gesundheitliche Risiken: Übelkeit, Panikattacken, Blutgerinnsel. Den Verschütteten wurden bereits Medikamente gegeben, um Blutgerinnsel vorzubeugen. Zudem sollen sie Kompressionsstrümpfe, einen Spezialgürtel und eine Sauerstoffmaske für die Rettung tragen. Auf ihrem Weg an die Oberfläche wird die Kapsel - vor allem in Kurven - zehn bis zwölf Mal rotieren. Um der Übelkeit vorzubeugen, bekommen die Männer kalorienreiche Flüssignahrung, die die NASA zur Verfügung stellt.

"Der Mensch gewöhnt sich an Angst"

Bandelow geht davon aus, dass sich die Verschütteten in den vergangenen zwei Monaten auch ein Stück weit an die Angst gewöhnt haben. "Am Anfang war die Angst sicher sehr groß, schließlich war nicht klar, ob sie überleben. Aber der Mensch gewöhnt sich an Angst", so der Präsident der Gesellschaft für Angstforschung.

Im menschlichen Hirn liegen zwei Systeme, das Angstsystem und das Belohnungssystem. Wer eine Angstsituation überstanden hat, erlebt eine Ausschüttung im Belohnungssystem, nach dem Thrill kommen die Glückshormone. Winston Churchill beschrieb es 1898 als britischer Kriegsberichterstatter so: "Nichts im Leben löst ein größeres Hochgefühl aus, als beschossen und nicht getroffen zu werden."

Emotionale Achterbahnfahrt

Tatsächlich erlebten die Bergleute der Mine San José bisher ein emotionales Auf und Ab: Nach dem Einsturz am 5. August mussten sie 17 Tage ausharren, bis ein schmaler Rettungsschacht sie erreichte und ihnen die Angst vor dem Verdursten, Verhungern und Vergessenwerden nahm. Bis dahin hielten sie sich mit Vorräten am Leben. Alle 48 Stunden gab es zwei Löffel Dosen-Thunfisch, ein halbes Glas Milch und ansonsten das Wasser, das von den Höhlenwänden lief. Dann, nach 66 Tagen, endlich der Durchbruch: Mit einem Bohrer vom Typ Schramm T-130 erreichten die Rettungskräfte die Werkstatt in 624 Metern Tiefe, zu der die Kumpel Zugang haben.

Eine Frage ist, wie ehrlich die Hilfskräfte mit möglicherweise bei der Rettungsaktion auftretenden Komplikationen umgehen und inwieweit sie diese den noch im Bergwerk verbliebenen Kumpeln mitteilen. "Ich würde mit einer gesunden Portion Zweckoptimismus an die Sache gehen", sagt Bandelow. Das heiße, die Situation etwas optimistischer darstellen als sie vielleicht sei, damit die Menschen nicht die Hoffnung verlören. "Man muss das Angst- und das Belohnungssystem weiter ausnutzen." Klar sei jedoch: "Wenn technisch etwas schiefgeht, wird das einen herben Rückschlag bedeuten."

Angstempfinden ist sehr individuell

Wie stark die Männer auf schlechte Nachrichten reagieren, wird wohl sehr unterschiedlich sein - auch Angstempfinden ist individuell. Der US-Psychologe Jerome Kagan hat Hinweise darauf gefunden, dass übergroße Ängstlichkeit mit angeborenen Unterschieden im Gehirn zu tun hat. "Aber wir können davon ausgehen, dass Männer, die im Bergbau arbeiten, nicht unbedingt Angsthasen sind", sagt Bandelow.

Wenn die Bergleute an der Oberfläche sind, kommen die Psychologen zum Einsatz - aber vorsichtig und nur dann, wenn es nötig ist. "Nach der Rettung sollte man die Menschen auf keinen Fall statt zu ihrer Ehefrau erst zu einem Psychologen schicken", sagt Bandelow. Früher sei das sogenannte De-Briefing durchaus üblich gewesen, jeder habe also sofort eine Behandlung erhalten, egal ob er ein posttraumatisches Belastungssyndrom hatte oder nicht. "Eine solche Adhoc-Psychotherapie gilt heute als Kunstfehler." Außerdem sei die Gefahr, dass die in Chile Verschütteten überhaupt ein posttraumatisches Belastungssyndrom entwickelten, sehr gering.

"Menschen werden nach einer solchen Erfahrung oft cooler, abgebrühter"

Gesundheitsminister Jaime Manalich warnte, nach der Rettung kämen sehr schwierige Anpassungssituationen auf die Kumpel zu: Die Bergarbeiter hätten sich in ihrer Zeit unter Tage sehr verändert, ihre Angehörigen ebenfalls. Außerdem müssten sie sich alle mit den Medien und mit dem Ruhm auseinandersetzen.

Die Grenzerfahrung unter Tage kann die Männer nach Einschätzung von Bandelow langfristig aber auch mutiger machen: "Menschen werden nach einer solchen Erfahrung oft cooler, abgebrühter." Realen Ängsten, beispielsweise vor Krankheiten, Terroranschlägen, einem Krieg oder dem Tod, begegneten die Bergleute künftig mutiger. Unerklärbare Ängste, beispielsweise Flugangst, eine Spinnenphobie oder Panik vor anderen Tieren, seien davon aber nicht betroffen - diese könnten weiterhin bestehen oder auftreten. "Es ist auch möglich, dass einige Männer durch das Erlebte eine Angst vor Dunkelheit entwickeln."


von Simone Utler  

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Kommentare (67)

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Thema: "Bergleute in Chile: Keiner will der Erste sein"

Ich schrieb: am 12. Oktober 2010 um 16:05:33
(0) (0) Bergleute
@Peter B was hat hat die UDSSR mit dem unglück der kursk zu tun ? Hauptsache man schreibt was und wenn es der größte blödsinn ist.

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Ich schrieb: am 12. Oktober 2010 um 16:00:17
(0) (0) Bergleute
@Marc ich glaube auf diesen typisch deutschen gedanken kommt keiner von den leuten.

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PDW schrieb: am 12. Oktober 2010 um 15:56:43
(0) (0) Rettung der Kumpel
Ich kann mir die Angst der Kumpel vorstellen.Ich hoffe und wünsche das alle gesund nach oben kommen.

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