Drucken
Härtetest für die transatlantische Romanze
31.03.2009, 14:57 Uhr | Von Peter Wütherich, AFP
Ob Obamas Besuch in Europa handfeste Ergebnisse bringt, ist fraglich (Foto: Reuters)
Es ist lange her, dass ein US-Präsident mit derart großem Wohlwollen in Europa erwartet wurde. Am Dienstag beginnt Präsident Barack Obama in London seine erste Amtsreise nach Europa, wo der US-Regierungswechsel von Herzen herbeigesehnt worden war. Doch eignen sich die Zeiten nicht für eine Jubel-Tour.
Obamas Reiseroute orientiert sich an den Erfordernissen des Krisenmanagements, der Terminplan verzeichnet vor allem Arbeitssitzungen in Konferenzsälen. Und dort wird sichtbar werden, dass Obama, der Wunschpräsident der Europäer, viele der Wünsche nicht wird erfüllen können.
GrafikObama auf Europa-Reise
"Mehr Liebe für ihn als er für sie"
Europa und den neuen US-Präsidenten verbindet eine etwas einseitige Romanze. Die menschliche Erfahrung lehrt, dass dies letztlich das Risiko der Enttäuschung birgt. "Die Europäer scheinen mehr Liebe für Obama zu empfinden als er für sie", sagt der Europaexperte Reginald Dale vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington. Obama habe wenig Erfahrung mit Europa, er werde "nicht so sehr von diesem sentimentalen Gefühl gemeinsamer Werte und Geschichte getrieben wie frühere US-Präsidenten, sondern von den Interessen seines Landes", sagt Dale.
Gerade die Deutschen bremsen
Der renommierte Politikberater listet einen ganzen Katalog von gegensätzlichen Erwartungen und Zielen auf. Obamas hat seine Hoffnung, die Europäer würden den Politikwechsel mit der Entsendung von mehr Truppen nach Afghanistan honorieren, wohl bereits aufgegeben. Im Kampf gegen die Weltwirtschaftskrise haben die Europäer der US-Forderung nach neuen Konjunkturprogrammen eine Absage erteilt. Die Frage des Verhältnisses zu Russland und der NATO-Aufnahme von Ländern wie Georgien oder der Ukraine ist ungelöst. Gerade die deutsche Regierung vertritt in all diesen Punkten andere Positionen als Obama.
Erste Station Weltfinanzgipfel
Obamas Europareise besteht aus einer dichten Abfolge von Gipfeltreffen. Erste Station ist London, wo am Donnerstag der G-20-Gipfel zur Wirtschaftskrise ansteht. Am Freitag und Samstag ist Obama beim NATO-Gipfel an der deutsch-französischen Grenze, wo es vor allem um Afghanistan gehen dürfte. Am Sonntag gehen beim EU-USA-Gipfel in Prag die Gespräche unter anderem zum Klimaschutz weiter, am Montag endet der Besuch in der Türkei.
Bescheidene Ziele
Beobachter in Washington setzen für Obamas Reise bescheidene Ziele. Charles Kupchan vom der Organisation Council of Foreign Relations erhofft sich zumindest eine Antwort auf eine Schlüsselfrage: "Wie kann man bei den strittigen Themen respektvoll unterschiedlicher Meinung sein und zugleich aus den Gemeinsamkeiten das Beste machen?" Zu erwarten sind Kompromissformeln, welche die Differenzen übertünchen.
Handfeste Ergebnisse fraglich
Was Afghanistan angeht, könnte sich Obama mit Europas Zusage für mehr Engagement für Polizeiausbildung, Wirtschaftshilfe und Unterstützung beim Aufbau der Institutionen abfinden. Europa könnte seinerseits den USA entgegenkommen und die Aufnahme von Guantanamo-Insassen zusagen. Beim Vorgehen gegen die Wirtschaftskrise sind handfeste Ergebnisse freilich ungewiss. Und auf europäischer Seite könnte es Enttäuschung beim Klimaschutz geben: Wegen der Konjunkturnotlage deutete Obama an, CO2-Obergrenzen und Emissionshandel in den USA bis auf weiteres verschieben zu können.
Michelle wird Barack die Schau stehlen
In der Substanz wird also nicht alles anders werden im transatlantischen Verhältnis, gewiss aber im Stil. Und was Stilfragen angeht, hat der US-Präsident in Europa eine Geheimwaffe dabei: First Lady Michelle Obama. Der Politikexperte Simon Serfaty vom Washingtoner Institut CSIS prophezeit: "Michelle Obama wird ihrem Mann wohl die Schau stehlen und zur Aura des neuen Präsidenten beitragen, der für jenes Amerika steht, das die Europäer gern mögen."
Mehraktuelle Nachrichten
Immer informiertDer Newsticker von t-online.de
Von Peter Wütherich, AFP