Im Norden "zu Hause": Bundeswehrfahrzeuge im Heerlager von Kundus (Foto: dpa)Ungeachtet der Widerstände in Deutschland halten die Forderungen nach einer Ausweitung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr an. NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer machte sich für zusätzliche Einsatzgebiete stark. "Deutschland leistet als Führungsnation im Norden vorbildliche Arbeit. Aus meiner Sicht könnte die Internationale Schutztruppe natürlich auch anderswo in Afghanistan mehr davon gebrauchen", sagte de Hoop Scheffer "Bild am Sonntag". Er wies Befürchtungen zurück, die Bundeswehr sei nicht ausreichend auf einen Kampfeinsatz im Norden vorbereitet. Am Freitag hatte Scheffer im Sender "Phoenix" indes betont, er sehe überhaupt keinen Grund, warum Deutschland seinen Einsatz ausweiten solle.
US-Generalstabschef Michael Mullen betonte die Notwendigkeit zusätzlicher Truppen. "Wir brauchen die Unterstützung anderer Länder, das schließt Deutschland ein", sagte er am Freitag in Washington. Mullen wollte die Absage aus Berlin aber nicht eingehend kommentieren. Das müsse auf Ebene der Verteidigungsminister besprochen werden, sagte er.
Merkel lehnt ab
Berliner Politiker hatten am Freitag empört auf die Forderung des US-Verteidigungsministers Robert Gates reagiert, Soldaten für Kampfeinsätze im gefährlichen Süden Afghanistans zur Verfügung zu stellen. Kanzlerin Angela Merkel und führende Regierungspolitiker wiesen die Bitte strikt zurück. Merkel habe wiederholt deutlich gemacht, dass das geltende Bundestagsmandat für den Einsatz der Soldaten "nicht zur Diskussion steht", erklärte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm in Berlin.
"Rückfall in die Zeit Rumsfelds"
Der Tonfall des Briefes von US-Verteidigungsminister Robert Gates sei "unangemessen" und "nicht hilfreich", sagte der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Eckart von Klaeden, dem Deutschlandradio Kultur. Der Grünen-Verteidigungsexperte Winfried Nachtwei sprach im Mitteldeutschen Rundfunk von einem "Rückfall" in die Zeit des früheren Verteidigungsministers Donald Rumsfeld. "Der Bundestag darf sich nicht durch die Forderung einer untergehenden US-Administration nötigen lassen."
Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee
Der SPD-Verteidigungspolitiker Walter Kolbow sagte der "Netzeitung", die US-Regierung wollte im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen aus einer angespannten Situation "Druck rausnehmen". Der "Passauer Neuen Presse" sagte Kolbow, Gates verkenne, dass die Bundeswehr eine Parlamentsarmee sei. Er verwies auf die hohe Zahl von im Ausland eingesetzten deutschen Soldaten. "Wenn jetzt die USA eine Aufstockung um eine vierstellige Zahl fordern, ist das nicht zu erfüllen." Auch die FDP-Verteidigungsexpertin Birgit Homburger sieht die Bundeswehr für den von den USA erbetenen Einsatz zum Beispiel von Hubschraubern nicht hinreichend gerüstet. "Wir haben noch nicht einmal genug für den Norden", sagte sie der "Netzeitung".
"Wenn uns die Bürger nicht mehr folgen, können wir einpacken"
CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer wies in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" darauf hin, dass Auslandseinsätze die Unterstützung der deutschen Bevölkerung brauchen. "Wenn es einmal einen Riss gibt, wenn uns die Bürger nicht mehr folgen, dann können wir einpacken."
Kujat: Frage der USA ist berechtigt
Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, zeigte Verständnis für die Bitte der US-Regierung. Die Frage sei "sicherlich berechtigt, wie es in Afghanistan weitergeht, wenn die im Süden engagierten Staaten ihre Truppen abziehen, weil sie sich von ihren Alliierten im Stich gelassen fühlen", sagte er der Online-Ausgabe des "Spiegel". Im Bonner "General-Anzeiger" nannte Kujat es "in Ordnung", wenn Gates seine Kollegen vor dem Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Vilnius über seinen Standpunkt informiere.
Heftige Diskussionen in München erwartet
Auf der Münchner Sicherheitskonferenz am kommenden Wochenende wird es nach Einschätzung des Veranstalters Horst Teltschik heftige Diskussionen über die Afghanistan-Politik geben. Die Europäer seien nach der Bitte von US-Verteidigungsminister Robert Gates um eine Aufstockung der NATO-Truppenkontingente "in der Defensive", sagte Teltschik. Zu dem Treffen wird neben Gates auch der republikanische Senator und Bewerber um die Präsidentschafts-Kandidatur, John McCain, anreisen. McCains Teilnahme nur wenige Tage nach den entscheidenden Vorwahlen am Dienstag stehe "definitiv fest", sagte Teltschik.