
11.01.2011, 11:10 Uhr | Von Annette Langer, Spiegel Online
Auf dem Video, das Jared Lee Loughner auf seinem YouTube-Account als Favoriten zitiert, passiert nicht viel. Zutiefst verstörend wirkt es dennoch: Eine Gestalt in braunem Kapuzenpullover schlurft durch eine Dünenlandschaft. Rechts steht ein kugelförmiger Kaktus, in der Mitte hängt schlaff eine US-Flagge an einem schräg in den Sand gerammten Stock.
Die Figur bleibt stehen und zeigt erstmals ihr Gesicht, das mit einer "Scream"-ähnlichen weißen Maske bedeckt ist. Sie fummelt, nestelt und zupft an der Fahne herum, steckt sie schließlich umständlich in Brand. Mehr als sieben Minuten braucht der Protagonist, um seinen schleppenden Symbolakt zu vollziehen. Was die ganze Szene unheimlich, hässlich und geradezu unerträglich macht, ist die Musik, die mit einem heiseren Flüstern beginnt und zu einem hasserfüllten Brüllen anschwillt. "Let the bodies hit the floor" (etwa: "Lass Leichen herabfallen") heißt es im Song der texanischen Nu-Metal-Band Drowning Pool.
Tatsächlich war der Boden eines Einkaufszentrums in Tucson im US-Bundesstaat Arizona am Samstag mit Toten übersät: Sechs Menschen starben, 14 überlebten den Anschlag des 22-jährigen Jared Lee Loughner schwer verletzt, unter ihnen auch die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords. Passanten gelang es, den Todesschützen - er war bewaffnet mit einer 9-Millimeter-Glock-Pistole - zu überwältigen.
Die 61-jährige Patricia Maisch war eine von ihnen. Nachdem eine Gruppe von Männern den Attentäter zu Boden gerissen hatte, hielt sie dessen Fußgelenke fest. "Ich sah ihn kommen, er erschoss die Frau neben mir", sagte Maisch dem US-Sender ABC. "Da war eine Menge Blut und Chaos." Der Schütze habe gerade seine Waffe neu laden wollen, da habe sie ihm das Magazin entrissen. Die Dame gab sich nach ihrem mutigen Einschreiten bescheiden: "Ich bin keine Heldin. Die anderen Jungs sind es. Ich habe nur assistiert."
Der Mordanschlag hat eine Debatte über die politische Streitkultur in den USA entfacht. zum Video
Der Zustand des prominentesten Opfers, der Politikerin Giffords, bleibt kritisch. Wie der "Arizona Daily Star" am Montag berichtet, kann die 40-Jährige zwar weder die Augen öffnen noch sprechen, aber gleichwohl auf Fragen und Befehle mit einem Handdruck oder zwei erhobenen Fingern reagieren.
An diesem Montag musste Jared Lee Loughner erstmals vor dem Bundesgericht in Phoenix erscheinen. Er ist in fünf Punkten angeklagt, darunter wegen dreifachen versuchten Mordes an der Politikerin Giffords sowie deren Mitarbeitern Pamela Simon und Ron Barber. Auch der zweifache Mord an Giffords Helfer Gabriel Zimmerman und dem republikanischen Bezirksrichter John Roll wird ihm zur Last gelegt. Die Ermittler stützen sich auf Überwachungsvideos aus dem Einkaufszentrum und Erkenntnisse des FBI. Weitere Anklagen gelten als wahrscheinlich.
Ob der Täter einen sogenannten erweiterten Selbstmord plante und nur daran gehindert wurde, sich nach der Tat selbst zu richten, ist noch nicht bekannt. Aber er lebt und könnte daher vor Gericht Auskunft über seine Motive geben - was bei Amokläufen selten der Fall ist. Bisher besteht jedoch wenig Hoffnung auf eine erhellende Aussage des Angeklagten: Loughner kooperiere nicht mit den Behörden und habe bisher "kein Wort" gesagt, erklärte Sheriff Clarence Dupnik.
Vor Gericht wird eine renommierte Anwältin den mutmaßlichen Todesschützen vertreten: Wie Lokalzeitungen in Phoenix berichteten, hat Judy Clarke aus San Diego die Verteidigung übernommen. Sie hatte schon im Fall des Attentäters bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta das Mandat übernommen.
Das Puzzle, an dem sich derzeit Ermittler wie Medien abarbeiten, besteht aus vielen, auf den ersten Blick nicht zueinander passenden Teilen. Fest steht: Loughner war streckenweise schwer verwirrt, mental abwesend und aggressiv.
So beschwerte sich ein Mathematiklehrer am Pima Community College von Tucson bereits im Juni 2009 bei seinen Vorgesetzten über seinen Schüler Loughner, der ihm offenbart so viel Angst eingejagt hatte, dass er sich kaum noch in der Lage sah, vernünftig zu unterrichten: "Ich machte mir Sorgen um die Sicherheit der Studenten und der Schule", berichtete Ben McGahee der "New York Times".
Dem Pädagogen zufolge befremdete Loughner seine Mitschüler seit langem mit hysterischem Gelächter, bizarren Gedankensprüngen und aggressiven Ausbrüchen. Nach der Lösung einer Rechenaufgabe gefragt, habe der 22-Jährige eine willkürliche Zahl genannt und McGahee dann angefahren: "Wie können Sie Mathematik verneinen, anstatt sie zu akzeptieren?" Der Lehrer sei nach diesem Vorfall so besorgt gewesen, dass er sich ständig umdrehte, wenn er etwas an die Tafel schrieb: "Ich hatte Angst, dass er eine Waffe zieht", sagte er der "New York Times".
Auch eine Mitschülerin soll sich der Zeitung zufolge gefürchtet haben: "Wir haben einen Mitschüler, der heute Unruhe gestiftet hat", schrieb Lynda Sorenson in einer E-Mail an einen Freund. "Ich bin mir nicht sicher, ob er auf Drogen war oder gestört ist. Er macht mir ein bisschen Angst", zitierte die "Washington Post" aus dem Briefwechsel. Der Lehrer habe versucht, den Schüler hinauszuwerfen, der aber habe sich geweigert zu gehen. Sie hoffe, dass der Störer die Klasse ganz verlassen "und nicht mit einer automatischen Waffe in der Hand" wiederkehren werde.
Ein Mitschüler, Lydian Ali, berichtete der "New York Times", wie Loughner einst ein selbstgeschriebenes Gedicht vortrug. Titel: "Fleischkopf". Darin ging es Ali zufolge darum, wie Loughner zum Fitnesstraining geht und sich hernach in der Dusche selbst berührt, während er an Mädchen denkt. In seinem Fitnesscenter soll Loughner in der Garderobe für etwa eine halbe Stunde in eine Art Trance gefallen sein. Danach fragte er das anwesende Personal, welches Jahr man schreibe.
Tatsächlich soll Loughner Bekannten zufolge Rauschgift konsumiert haben: Wenn das stimmt, könnte dies seine ohnehin psychisch labile Persönlichkeit noch anfälliger gemacht haben. 2007 wurde er mit "Zubehör zum Drogenkonsum" erwischt, ein Mitschüler erzählte, Loughner habe Marihuana geraucht. Ein US-Militärsprecher erklärte am Sonntag, dass der 22-Jährige bei einem Drogentest gefehlt habe, als er sich für eine Aufnahme in die Armee bewarb.
Je eigentümlicher sich Loughner in der Öffentlichkeit gebärdete, desto mehr isolierte er sich. Als er im Herbst im Internet verkündete, das Pima Community College sei eine Art Folteranstalt, reichte es der Schulleitung: Der junge Mann wurde von der Teilnahme an College-Kursen ausgeschlossen.
Danach verschlimmerte sich sein Geisteszustand offenbar merklich: "Ich glaube, er versank langsam in einer psychotischen Krise. Etwas in ihm ist zerbrochen. Er war nicht immer so", schrieb die frühere Klassenkameradin Caitie Parker am Sonntag auf der Seite des Kurznachrichtendienstes Twitter.
Mit der Zeit nahmen die Ausführungen Loughners paranoide Züge an. Er fühle sich von der US-Regierung verraten und bedroht, verkündete er via Video im Web: "Die Regierung übt Gedankenkontrolle und Gehirnwäsche aus, indem sie die Grammatik kontrolliert."
Ersten Erkenntnissen zufolge war Loughner nicht in psychologischer Behandlung. In Arizona können psychisch Kranke nur gegen ihren Willen in eine Klinik eingewiesen werden, wenn sie eine Gefahr für sich selbst oder andere darstellen. US-Medien wie "SFGate" spekulierten am Montag darüber, ob Loughner unter Schizophrenie leiden könnte.
Über Loughners eher bürgerliches Familienleben mit den Eltern Amy und Randy ist wenig bekannt. Nachbarn bezeichneten die Beziehungen der drei zueinander als "undurchschaubar", das Verhalten des Vaters als bisweilen "unangenehm" oder angriffslustig. Auf seiner inzwischen gelöschten Myspace-Seite schrieb Loughner zuletzt: "Lebt wohl, Freunde, bitte seid nicht wütend auf mich." Ob er jedoch überhaupt Freunde hatte, ist nicht bekannt. Nach der Tat überwog im Netz vor allem der Hass gegen ihn. "Jared Lee Loughner sollte sterben", schreibt ein Nutzer auf YouTube: "Er ist echt scheiße."
Die politischen Positionen Loughners sind so schwer zu definieren wie sein wechselnder Geschmack in Sachen, Literatur, Mode oder Musik. Die einen sagen, er soll die Punkband Anti-Flag gemocht und linke Ideen vertreten haben. Einige Ermittler hingegen sehen Loughner beeinflusst von der mutmaßlich antisemitischen und rassistischen Zeitschrift "American Renaissance". Die Macher des Blatts dementierten dies auf ihrer Website.
Doch ebenso gern wie "Mein Kampf" las Loughner laut seinem YouTube-Profil das "Kommunistische Manifest", "Einer flog über das Kuckucksnest" oder Harper Lees Südstaatenroman "Wer die Nachtigall stört" - nicht zu vergessen die Prophezeiungen der Maya, wonach die Welt 2012 untergehen soll. Loughner habe eine Obsession für den amerikanischen Dollar gehegt, sich abgesehen davon aber mehr für Philosophie und Logik als für Politik interessiert, bescheinigt ihm ein Mitschüler namens Steven Cates. Einen neuen Buchstaben und eine weitere Zahl wollte Loughner den geltenden Systemen hinzufügen - ein von seiner Warte aus revolutionärer, in Wahrheit maximal verschrobener Gedanke.
Es ist eine krude Mischung, die der ehemalige freiwillige Helfer des Literaturfestivals von Tucson da präsentiert, und sie verdeutlicht, dass, sollte seine Wahl bewusst auf die Kongressabgeordnete Giffords als Opfer gefallen sein, vermutlich nicht nur die politischen Positionen der Demokratin ausschlaggebend waren.
Dass die Bluttat geplant war, scheint gesichert. Ersten Ermittlungen zufolge kaufte Loughner bereits im November die Tatwaffe und fasste kurz darauf den Plan, die Demokratin Giffords zu ermorden. Bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei im Safe einen Briefumschlag mit verschiedenen Botschaften Loughners, die die Aufschrift "Mein Attentat" und den Namen Giffords trugen. Gefunden wurde außerdem ein Schreiben mit dem Briefkopf der Abgeordneten, in dem sie sich für Loughners Teilnahme an einem Wählertreffen 2007 bedankte.
Als seine Lieblingsbeschäftigung und "größte Inspiration" nannte Loughner stets das "bewusste Träumen". "Einige von euch träumen nicht - das ist traurig", bedauerte er. Andere träumen offenbar zu viel und definitiv von den falschen Dingen.
Quelle: Spiegel Online
nico schrieb:
am 11. Januar 2011 um 20:38:13
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Tucscon
Ist es Normal das man in einem Land wie den USA offen mit Schußwaffen rumläuft das man Die Indianer in Reservate einsperrt und
seine Geschichte nicht aufarbeitet und niemanden stört das ! Ist es normal das man ständig Kriege führt damit die Wirtschaft läuft
Ist das normal das man sich für die beste Nation der Welt hällt Ist es Normal das in Amerika der politische Gegner mit dem
Tote bedroht werden Das die Medien grenzenlos hetzen
Wer bestimmt eigendlich was Normal ist ?
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Cpt.Xer0 schrieb:
am 11. Januar 2011 um 19:55:52
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Komma
@ Manni
Komma, Komma klar ;)
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Manni schrieb:
am 11. Januar 2011 um 19:32:28
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Attentäter
Wenn er es war weg damit dann ist er nicht unschuldig. Aber ich möchte trotzdem nicht wagen er ist schuldig nehme auch schwer an
das er den waren täter vorgeschoben wurde wie bei Kenedy??? unschuldige sitzen in den USA noch immer ein und zwar Leonard Peltier ein Indianer von den schreibt keiner mehr was
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