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Atomwaffen: So schlampig geht die Welt damit um

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So schlampig geht die Welt mit Atomwaffen um

22.01.2012, 08:19 Uhr | Von Markus Becker, Spiegel Online

Atomwaffen in Russland

In Russland lagern im weltweiten Vergleich mit großem Abstand die meisten Atomwaffen und atomwaffenfähiges Material.

Es ist ein sicherheitspolitisches Horrorszenario: Nukleare Stoffe gelangen in die Hände von Terroristen. Dutzende Staaten verfügen über waffenfähiges Atom-Material - wie gut ist es geschützt? Internationale Experten haben erstmals einen globalen Ländervergleich erstellt.

Die "Zutaten für den perfekten Sturm" seien bereits beisammen, sagte Sam Nunn. "Es existiert ein ausgiebiger Vorrat an waffenfähigem Nuklearmaterial, der zum Teil nur unzureichend gesichert ist", erklärte der Mitbegründer der Nuclear Threat Initiative (NTI). "Und es gibt entschlossene Terror-Organisationen, die öffentlich deutlich gemacht haben, Atomwaffen einsetzen zu wollen." Das sei für Terroristen zwar nicht leicht, "aber alles andere als unmöglich".

Globaler Index
Nukleare Sicherheit: Grafiken zum Anklicken
 (Quelle: Spiegel Online / NTI)

Die Ergebnisse der weltweiten NTI-Studie übersichtlich aufbereitet. zu den Grafiken

Mit dieser düsteren Warnung bilanziert der ehemalige US-Senator ein einmaliges Projekt: einen Überblick über die Sicherheit der globalen Arsenale an atomwaffenfähigem Spaltmaterial. In einem aufwendigen Verfahren hat die NTI, ein renommierter Think Tank in Washington, gemeinsam mit dem auf Risiko- und Länderanalysen spezialisierten Economist Intelligence Unit (EIU) zahlreiche Datenbanken durchsucht, Berichte ausgewertet und mit externen Fachleuten gesprochen.

Der jetzt veröffentlichte "Nuclear Materials Security Index" enthält eine Rangliste der 32 Staaten, die mehr als ein Kilogramm Plutonium oder hochangereichertes Uran besitzen. Anhand von zahlreichen unterschiedlich gewichteten Kriterien ist ablesbar, wo die waffenfähigen Spaltstoffe am sichersten untergebracht sind - und wo sie am leichtesten abhanden kommen könnten. Eingeflossen sind Faktoren wie die Gesamtmenge an Nuklearmaterial, die Sicherheitsvorkehrungen in den Anlagen vor Ort, die nationale Gesetzeslage, die Beachtung internationaler Normen und die politische Stabilität.

Größte Gefahr in Nordkorea und Pakistan

Am unteren Ende der Rangliste finden sich die üblichen Verdächtigen: Nordkorea auf dem 32. und damit letzten Platz, darüber liegen Pakistan und Iran. Auch Indien (28), China (27) und Russland (24) liegen im unteren Drittel - was beunruhigend ist, da Russland über das weltweit größte Atomwaffen-Arsenal verfügt.

Am sichersten sind Nuklearmaterialien dem Index zufolge in Australien aufgehoben. Das liegt nicht nur daran, dass das Land in Sachen Sicherheitsvorkehrungen, Gesetzeslage und Einhaltung globaler Normen vorbildlich ist. Eine entscheidende Rolle spielen die Mengen an waffenfähigem Uran und Plutonium, und die sind in Australien gering. Je weniger Material es gibt, desto weniger kann passieren - davon profitieren auch Ungarn, Tschechien, die Schweiz, Österreich, die Niederlande, Schweden, Polen und Norwegen, die in dieser Reihenfolge die Plätze zwei bis neun im NTI-Ranking belegen.

Und Deutschland? Teilt sich Platz zehn mit Kanada und Großbritannien, danach kommen die USA und Belgien - und das, obwohl die Bundesrepublik inzwischen den Atomausstieg beschlossen und nie ein Nuklearwaffenprogramm verfolgt hat. Der Grund ist nicht nur die große Menge an waffenfähigem Nuklearmaterial auf deutschem Boden. Die NTI hat Deutschland in drei weiteren Disziplinen nur 50 von 100 möglichen Punkten gegeben: Sicherheit von Atomtransporten, Auswahl des Sicherheitspersonals und die Zahl von Gruppen, die an der illegalen Beschaffung von Nuklearmaterial interessiert sind. Welche dies in Deutschland sein könnten, geht aus den veröffentlichten Daten nicht hervor.

Angst vor Terror mit Nuklearmaterial

Die hinter allem stehende Frage lautet freilich, von welchem Land die größte Gefahr hinsichtlich nuklearen Terrors ausgeht. Eine Antwort darauf kann der NTI-Index aus zwei Gründen bestenfalls eingeschränkt liefern: Die Informationen aus manchen Staaten sind lückenhaft, und der Bericht konzentriert sich allein auf waffenfähiges Spaltmaterial. Terroranschläge können allerdings auch mit wesentlich leichter verfügbaren radioaktiven Stoffen etwa aus der Medizin oder der Industrie verübt werden.

So bekommt Pakistan wegen seiner politischen Instabilität und der Aktivität von Terrorgruppen schlechte Noten. "Doch die dortigen Sicherheitsvorkehrungen sind womöglich besser als wir gemessen haben", erklärt Deepti Choubey, NTI-Expertin für Atom- und Biosicherheit, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es gibt in Pakistan und anderen Staaten Probleme mit der Transparenz." Das sorge zwar ebenfalls für eine Abwertung, doch der Einblick in die wirklichen Verhältnisse bleibt versperrt.

Auch die "gesellschaftlichen Faktoren" sind, anders als viele andere Größen, nur schwer zu erfassen. Zu ihnen gehören etwa die Verbreitung von Korruption oder die Aktivitäten terroristischer Gruppen. "Es ist schwierig, in Erfahrung zu bringen, wo solche Gruppen ihre Basis haben, wie sie bewaffnet sind und welche Ziele sie verfolgen", sagt Choubey. Deshalb habe man diesem Faktor auch nur ein geringeres Gewicht in der Gesamtschau gegeben - "um die Ergebnisse nicht zu verzerren".

Nicht waffenfähiges Material bleibt unberücksichtigt

Zudem ist umstritten, welche Rolle waffenfähige Nuklearmaterialien für den Terrorismus spielen. Plutonium und hochangereichertes Uran unterliegen auch in Drittweltstaaten scharfen Sicherheitsvorkehrungen. Zudem wäre der Diebstahl solchen Materials nur der erste Schritt. Die Konstruktion und der Transport einer funktionierenden Atombombe sind Herausforderungen, für deren Bewältigung selbst Staaten viele Jahre brauchen, obwohl sie über weit größere Ressourcen verfügen als Terror-Organisationen.

Neben hochangereichertem Uran und Plutonium gibt es allerdings viele andere, ebenfalls hochgefährliche radioaktive Stoffe, die selbst in Industriestaaten vergleichsweise leicht zu beschaffen sind. Zu ihnen gehören Cäsium-137, Kobalt-60, Iridium-192 und Strontium-90, die in medizinischen oder industriellen Geräten eingesetzt werden. Solche Materialien könnten nach Befürchtung von Experten am ehesten für eine schmutzige Bombe benutzt werden, - einen konventionellen Sprengsatz, der strahlendes Material in der Umgebung verteilt. Doch diese Materialien werden im NTI-Bericht nicht berücksichtigt. "In den kommenden Ausgaben des Berichts wird sich das eventuell ändern", kündigt Choubey an.

"Sicherheit ist nur so stark wie das schwächste Glied in der Kette"

Zwar ist ein Anschlag mit einer echten Atomwaffe wesentlich weniger wahrscheinlich als der mit einer schmutzigen Bombe, dafür aber wäre der potentielle Schaden umso verheerender. Um an die Materialien für eine Atomwaffe zu kommen, "werden Terroristen nach den verwundbarsten Stellen suchen", warnt NTI-Chef Nunn. "Die globale Nuklearsicherheit ist nur so stark wie das schwächste Glied in der Kette."

Das Problem: Diese Kette, das zeigt der NTI-Bericht eindrucksvoll, hat nicht nur ein schwaches Glied, sondern gleich mehrere. Zudem gibt es nach Angaben des NTI "keinen globalen Konsens darüber, welche Schritte die wichtigsten sind, um die gefährlichsten Materialien der Welt vor Diebstahl zu sichern."

Hinzu kommt, dass der globale Bestand an waffenfähigem Spaltmaterial keineswegs sinkt, wie man angesichts der Abrüstungsprogramme seit Ende des Kalten Krieges glauben könnte. Das International Panel on Fissile Materials (IPFM) schätzt in seinem jüngstem Bericht, dass es 2011 noch immer rund 19.000 Atomwaffen gab, davon 18.000 in den Arsenalen der USA und Russlands. Der weltweite Bestand an hochangereichertem Uran betrage rund 1440 Tonnen, was für rund 60.000 einfache Atombomben des Hiroshima-Typs reichen würde.

Noch schnelleres Wachstum

Zwar sei der Bestand an hochangereichertem Uran leicht rückläufig, dafür aber wachse der Vorrat an Plutonium, der 2011 rund 495 Tonnen erreicht habe. Indien, Pakistan und möglicherweise Israel produzieren laut IPFM den Stoff nach wie vor - "und der Bestand wird noch viel schneller wachsen, wenn Indien und China ihre geplanten Wiederaufbereitungsprogramme umsetzen", warnt das IPFM. Schon in Großbritannien, Frankreich und Russland hat diese zivile Nutzung der Atomenergie zur Anhäufung großer Plutonium-Mengen geführt. Auch Iran steigert seine Bemühungen in Sachen Urananreicherung.

Der Zweck des NTI-Berichts sei nicht, manchen Ländern zu gratulieren und andere zu kritisieren, betonte Nunn. Man müsse sich etwas anderes fragen: "Wenn wir einen katastrophalen nuklearen Terrorangriff auf Moskau oder New York, auf Tokio oder Tel Aviv erlebten - was würden wir uns dann wünschen, vorher getan zu haben?"


Quelle: Spiegel Online

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